Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.12.2016

01:32 Uhr

Möglicher Anschlag

Vor diesem Tag hat sich Berlin immer gefürchtet

VonMartin Greive, Frank Specht

Zwischen den Buden steht der Lkw, der auf einen Weihnachtsmarkt gerast ist und Menschen getötet hat. Viele Berliner sind schockiert – und hatten doch schon länger mit einer solchen Tat gerechnet. Ein Stimmungsbild.

Merkel zu Berlin Attentat

„Wir müssen von einem terroristischen Anschlag ausgehen“

Merkel zu Berlin Attentat: „Wir müssen von einem terroristischen Anschlag ausgehen“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDie drei jungen Frauen fragen auf Englisch nach dem Weg. Nicht ins Hotel wollen sie, sondern zum Maxxim Club, einer Partylocation in Berlin-Charlottenburg. Ob sie nicht mitbekommen haben, was heute hier passiert ist. Doch, sagen die drei, und sie seien betroffen. Aber sie kommen aus Israel. Da ist man aus leidvoller Terrorerfahrung daran gewöhnt, dass die Gewalt urplötzlich ins alltägliche Leben einbrechen kann. Und die Frauen haben nur fünf Tage Zeit für die Hauptstadt, drei sind schon um. „Wir bemühen uns, zur Normalität zurückzukehren“, sagt eine von ihnen.

Dabei ist nichts normal an diesem Abend in Berlin. Die große Neonwerbetafel am Kurfürstendamm haben die Touristinnen wahrscheinlich nicht gesehen – oder nicht verstanden. Wo sonst in grellen Farben für Dior und anderen Luxus geworben wird, prangen nun in weißer Schrift auf schwarzem Grund ein paar nüchterne Sätze: „Halten Sie bitte die Rettungswege für die Einsatzkräfte frei.“ Und: „Bitte helfen Sie der Polizei. Bleiben Sie zu Hause und verbreiten Sie keine Gerüchte.“

Attacken auf Weihnachtsmärkte

Ludwigshafen

Erst am Freitag bestätigte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, dass sich ein Zwölfjähriger in Ludwigshafen so weit religiös radikalisiert haben soll, dass er Anschläge verüben wollte, darunter einen am 26. November auf dem Ludwigshafener Weihnachtsmarkt. Medienberichten zufolge wurde er womöglich durch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gesteuert. Wegen seines Alters ist der Junge strafunmündig, er befindet sich in der Obhut des Jugendamts.

Paris

Einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Pariser Prachtboulevard Champs-Elysées hatte womöglich eine im November festgenommene Gruppe mutmaßlicher Islamisten geplant. Die Verdächtigen sollen sich über rund ein Dutzend mögliche Anschlagsziele in der französischen Hauptstadt informiert haben, darunter den Weihnachtsmarkt, den Freizeitpark Disney Land, eine Metrostation, Bars oder das Hauptquartier der Pariser Kriminalpolizei. Den Behörden zufolge wollten die Männer, die dem IS die Treue geschworen hatten, am 1. Dezember zuschlagen.

Nantes

Im Dezember 2014 steuerte im westfranzösischen Nantes ein Betrunkener einen Lieferwagen in einen Weihnachtsmarkt-Glühweinstand, tötete einen 25-jährigen Passanten und verletzte neun weitere Menschen. Anschließend verletzte er sich mit einem Messer selbst schwer. Einen Terrorakt schlossen die Behörden aus. Der Mann wurde zunächst in einer Psychiatrie untergebracht. Später nahm er sich im Gefängnis das Leben.

Berlin

Im Dezember 2011 bot ein Unbekannter Menschen auf Berliner Weihnachtsmärkten Glühwein aus Pappbechern an, den er zuvor mit einer giftigen Beimischung versetzt hatte. Die Polizei sprach von einer Substanz aus der Gruppe der K.O.-Tropfen. Mehrere der insgesamt zehn Opfer mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die Polizei suchte schließlich mit einem Phantombild nach dem Täter, die mysteriösen Giftanschläge konnten jedoch nicht aufgeklärt werden.

Straßburg

Einen Anschlag auf den berühmten Straßburger Weihnachtsmarkt planten Islamisten bereits vor mehr als 15 Jahren. Im Dezember 2000 sollte ein zum Sprengsatz umgebauter Schnellkochtopf explodieren und ein Blutbad anrichten. Der von Baden-Baden aus vorbereitete Anschlag der so genannten Frankfurter Zelle wurde nur knapp vereitelt. Vier Männer wurden im März 2003 in Frankfurt am Main wegen Verabredung zum Mord und zu einer Sprengstoffexplosion zu Haftstrafen von zehn bis zwölf Jahren verurteilt. Ein Pariser Strafgericht verhängte später Haftstrafen gegen zehn Mittäter.

Das Hotel Waldorf Astoria, eines der besten Häuser am Platz, ist wie die ganze Gegend rund um den Breitscheidplatz weiträumig abgesperrt. Hier gibt es Informationen aus erster Hand, aber nur für Angehörige der Menschen, die wenige Stunden zuvor und nur ein paar Meter weiter ums Leben gekommen oder schwer verletzt worden sind. Aus der Ferne betrachtet leuchtet die gelbe Uhr der Gedächtniskirche wie immer, daneben schimmert mattblau der Kubus der modernen Andachtshalle, die an die Stelle des kriegszerstörten Kirchenschiffs getreten ist.

Auch der Zoo-Palast, das Traditionskino am Bahnhof Zoo, wird violett angestrahlt, als sei nichts geschehen. „Herzlich Willkommen“ prangt heller in Neonschrift über dem Eingang. Ein großes Plakat wirbt für den neuen Star-Wars-Film. Doch es ist kein Sternenkrieg, um den es heute in Berlin geht. Wenn die Befürchtungen sich bestätigen sollten, dann sind die Toten, deren Zahl in der Nacht auf zwölf gestiegen ist, und unzähligen Verletzten, die dieser Vorweihnachtsabend im Herzen des alten Westberlin gefordert hat, Opfer eines Krieges, den Terroristen unserer westlichen Lebensart erklärt haben.

Anschlag in Berlin

„Ich kann den Sicherheitsleuten nicht mehr vertrauen“

Anschlag in Berlin: „Ich kann den Sicherheitsleuten nicht mehr vertrauen“

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Thomas Neuendorf, Sprecher der Berliner Polizei, will das zwei Stunden nach dem tragischen Ereignis noch nicht bestätigen. Was die Ermittler bis dahin wissen, ist, dass ein Lastwagen mit polnischen Kennzeichen mit hoher Geschwindigkeit in die Weihnachtsmarktbuden am Fuße der Gedächtniskirche gerast ist. Der Beifahrer starb vermutlich an den Unfallfolgen. Der Fahrer sei zunächst geflüchtet. In der Nähe wurde dann aber ein Verdächtiger festgenommen, dessen Identität nun überprüft werde.

Ein Anschlag oder ein schrecklicher Unfall? Das sei nun Gegenstand der Ermittlungen, sagt Neuendorf, der fast im Pulk der auf ihn eindrängenden Journalisten untergeht. Über die Nationalität und auch das Motiv möglicher Täter sei noch nichts bekannt. Fest stehe aber: Für die Berliner und die ausländischen Gäste in der Stadt bestehe keine Gefahr mehr.

Sicher hatten sich zuvor auch die Besucher des Weihnachtsmarkts auf dem Breitscheidplatz gefühlt. Um kurz vor 20 Uhr herrscht dort noch das gewohnte Treiben. Ein spanisches Paar steht etwas ratlos, aber voller Vorfreude vor einem Stand mit Grünkohl und riesigen Bratwürsten. Eine Verkäuferin wirft eine neue Portion Bratkartoffeln in die Pfanne. Ein Jugendlicher holt fünf Glühwein für sich und seine Freunde.

Dann kommt der schwarze Lastwagen und rast mit hoher Geschwindigkeit in den Weihnachtsmarkt. Alles sieht nach einem Terrorakt nach dem Muster von Nizza aus, wo Mitte Juli mehr als 80 Menschen von einem islamistischen Attentäter getötet wurden. Er wolle jetzt noch nicht das Wort Anschlag in den Mund nehmen, auch wenn viel dafür spreche, sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière am Abend. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen.

Der Tatort

Ein Baum als Attraktion

Nahe dem Bahnhof Zoo und dem berühmten Kaufhaus des Westens (Kadewe) gelegen, zieht er vor allem mit seinem großen illuminierten Baum zahlreiche Besucher aus aller Welt an. Er findet in diesem Jahr zum 33. Mal statt und ist einer von über 50 Weihnachtsmärkten in Berlin.

Am Wahrzeichen

Der bereits im November eröffnete Weihnachtsmarkt befindet sich neben der Gedächtniskirche, einem der bekanntesten Wahrzeichen im alten West-Berlin.

Eine Million Besucher

Der Schaustellerverband hatte zu Beginn des Markts in unmittelbarer Nähe des Kurfürstendamms im Stadtzentrum in diesem Jahr erneut rund eine Million Besucher erwartet. Er ist somit einer der meistbesuchten Weihnachtsmärkte in der Hauptstadt.

Weihnachtsmarkt

Der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz gehört zu den Hauptattraktionen im vorweihnachtlichen Berlin.

Fest steht aber: Die Tragödie trifft Berlin mitten ins Herz. Ausgerechnet auf einem Weihnachtsmarkt, ausgerechnet am Breitscheidpatz vor der symbolträchtigen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, dem Berliner Friedenssymbol schlechthin, geschieht das Unglück: Ein dunkel lackierter Sattelschlepper mit einem langen, anthrazitfarbenen Auflieger kommt gegen 20 Uhr aus der Kantstraße gefahren, berichtet ein 62-jähriger Augenzeuge. Doch anstatt dem Linksknick vor dem Breitscheidplatz zu folgen, rast der Lkw geradeaus weiter – mitten hinein in das dichte Gedränge der Weihnachtsmarktbesucher zwischen den Bretterbuden. Zum Stehen kommt der Lkw erst an einer Laterne. Fünf Personen hätten unter dem Fahrzeug gelegen, berichtet der Mann. Dutzende Menschen werden verletzt, von dem Lkw oder den einstürzenden Holzverschlägen.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Jürgen Mücke

20.12.2016, 09:07 Uhr

https://www.welt.de/vermischtes/article160247693/Angst-und-Verunsicherung-sind-politisch-gewollt.html

Herr Claudio Crameri

20.12.2016, 11:21 Uhr

Herzliches Beileid an die Angehörigen und gute Besserung den Verletzten!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×