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18.07.2017

14:02 Uhr

Mögliches Diesel-Verbot

„Verbrenner und Elektrofahrzeug sind keine Gegner“

VonSilke Kersting

Die Autoindustrie hat die Auswirkungen eines Zulassungsverbots von Verbrennern untersuchen lassen. Mehr als 600.000 Arbeitsplätze hängen an der Technik, sagen Ifo-Ökonomen – und raten zu einem Wettbewerb der Technologien.

Regierung unter Druck

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BerlinDie Automobilbranche wehrt sich gegen die Attacken auf den Verbrennungsmotor: Ein Zulassungsverbot für Verbrennungsmotoren ab 2030 könnte deutliche Einbußen für Beschäftigung und Wertschöpfung am Standort Deutschland zur Folge haben. Mehr als 600.000 der heutigen Industriearbeitsplätze wären direkt oder indirekt betroffen – zehn Prozent der deutschen Industriebeschäftigung. Darauf weist eine Studie des Ifo-Instituts im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA) hin. Allein in der Autoindustrie wären 426.000 Jobs gefährdet, davon 130.000 bei kleineren und mittleren Unternehmen. „Den Verbrenner politisch abzuschalten hielten wir für einen schweren strategischen Fehler“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann am Dienstag in Berlin.

Die deutsche Automobilindustrie verfolge das Ziel, „die ganze Bandbreite der Antriebstechnologien noch effizienter zu machen“. Der hocheffiziente Verbrenner, künftig vielleicht auch auf Basis regenerativ hergestellter Kraftstoffe, und das Elektrofahrzeug „sind keine Gegner“. Nach Meinung des VDA seien sowohl der Verbrenner als auch das Elektrofahrzeug notwendig, um die Klimaziele zu erreichen. Deutschland als Heimat der Automobilindustrie, so Wissmann, sollte keine Antriebsart gegen die andere in Stellung bringen. „Das ergibt wirtschaftlich, ökologisch und sozial keinen Sinn.“

Diesel-Fahrverbote

Wer sagt, die Luft ist zu dick?

In der Europäischen Union gelten seit 2010 für Feinstaub und Schadstoffe wie Stickstoffdioxid (No2) Grenzwerte zur Luftreinhaltung. Wegen hoher Luftverschmutzung kommt es laut EU-Kommission in Europa jährlich zu 400.000 vorzeitigen Todesfällen, wegen Stickoxiden seien 2003 rund 70.000 Menschen gestorben. In Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien wird das Limit von 40 Mikrogramm je Kubikmeter wiederholt überschritten. Deshalb droht die EU-Kommission den Ländern mit Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat auf Basis dieser Vorschriften gegen die Luftreinhaltepläne von 16 Städten vor Verwaltungsgerichten geklagt.

Wo ist die Luft zu dick?

Die EU-Kommission listete 28 Gebiete mit Grenzwertüberschreitungen auf. Darunter sind die Ballungsräume Berlin, München, Stuttgart und Hamburg. Auch in Köln, Düsseldorf und fast allen größeren Städten in Nordrhein-Westfalen besteht das Problem. Das Umweltbundesamt hat im vergangenen Jahr in fast 50 Städten zu hohe Belastungen gemessen, häufig nur an einzelnen Plätzen und Straßen. Stuttgart ist mit seiner Kessellage besonders betroffen und plant ab 2018 Fahrverbote an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung auf bestimmten Straßen. Für Lieferverkehr, Taxis oder Handwerker soll es Ausnahmen geben.

Warum sind Diesel-Autos im Visier?

Nach Angaben der EU entfallen auf den Straßenverkehr 40 Prozent der Stickoxidemissionen. Rund 80 Prozent davon stoßen wiederum Dieselautos aus. Laut Umweltbundesamt sind Diesel-Pkw in Deutschland für 13 Prozent der Emissionen verantwortlich. Betroffen von Fahrverboten wären nach den Plänen in Stuttgart und München alle Dieselfahrzeuge ab Euro-5 abwärts. Das wären vier von fünf Diesel-Pkw.

Aber auch bei den neuesten Pkw mit Euro-6-Standard ergaben Messungen des Umweltbundesamtes im Realbetrieb viel zu hohe Ausstöße von Stickoxid. Die Autoindustrie hält dagegen, das werde mit den nun auf den Markt kommenden Dieselmotoren gelöst. Ab 2019 dürfen die Selbstzünder auf der Straße den vorgeschriebenen Grenzwert nur noch um das Doppelte übertreffen, zwei Jahre später um das Anderthalbfache. Der Spielraum wird eingeräumt, weil wegen Beladung, Tempo oder Steigungen eine konstante Einhaltung der Laborwerte technisch nicht möglich ist. Bis die neue Diesel-Flotte aber die Luft spürbar verbessert, dauert es nach Schätzungen des Umweltbundesamt bis etwa 2025.

Wie wären Fahrverbote zu vermeiden?

Die Städte betrachten ein Fahrverbot als größten Hebel neben vielen anderen Maßnahmen der Verkehrssteuerung oder Anreizen für Bürger, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Baden-Württemberg verhandelt deshalb mit der Autoindustrie über eine Nachrüstung von Euro-5-Motoren, die rund 40 Prozent der Diesel-Fahrzeuge ausmachen. Sollte der Stickoxid-Ausstoß dadurch genauso viel wie durch Fahrverbote sinken, könnte auf die drastische Maßnahme verzichtet werden. Doch es ist unklar, wie hoch die Kosten sind und wer sie übernimmt - die Autohersteller oder auch die Verbraucher oder der Staat? Ob Dieselfahrverbote rechtlich zulässig sind, muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erst entscheiden. Einen Termin dafür gibt es noch nicht.

Was macht die Bundesregierung?

Die Länder dringen auf eine bundesweite Klärung. In der Diskussion war die Blaue Plakette, mit der Städte allen Diesel-Autos beispielsweise unterhalb der Euro-6-Norm die Einfahrt verbieten könnten. Doch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), die die Plakette selbst vorgeschlagen hatte, ist davon inzwischen abgerückt, da auch die Euro-6-Fahrzeuge zuviel ausstießen. Sie setzt auf Nachrüstungen durch die Industrie. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist gegen Fahrverbote, sieht die Verantwortung aber bei Städten und Ländern. Er argumentiert, wenn Busse, Taxen und Behördenfahrzeuge elektrisch oder mit alternativen Antrieben ausgerüstet würden, könne das Problem für Privatfahrer entschärft werden.

Quelle: Reuters

Auch Ifo-Präsident Clemens Fuest sprach sich dagegen aus, Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2030 zu verbieten. Er legte jedoch Wert auf die Feststellung, dass die heute vom Verbrennungsmotor abhängigen Arbeitsplätze auch bei einem Verbot der Antriebsart nicht zwingend wegfielen. Die Zahlen müssten sorgfältig interpretiert werden, heißt es in der Studie. Sie lieferten in erster Linie Richtwerte über die potenziell betroffene Produktion, Bruttowertschöpfung und Beschäftigung am Standort Deutschland. Wie viel davon im Falle eines Zulassungsverbots für Pkws und leichte Nutzfahrzeuge mit Verbrennungsmotor tatsächlich wegfallen würde, hänge von mehreren Faktoren ab, die mit erheblicher Unsicherheit behaftet seien. Unter anderem entscheidend sei die Reaktions- und Anpassungsfähigkeit der Automobilhersteller und Zulieferer, sagte Fuest. Großbetriebe könnten sich möglicherweise leichter umstellen. Vielen kleinen, hochspezialisierten Unternehmen werde es jedoch sicherlich schwerfallen, sich alternativ aufzustellen.

Fuest forderte von der Politik, nicht eine einzelne Technologie zu unterstützen. „Es ist wichtig, dass Klimapolitik technikneutral vorgeht, also Klimaschutzziele vorgibt, ohne vorzuschreiben, mit welchen Techniken das zu geschehen hat“, sagte der Ifo-Präsident. „Wer den Wettbewerb der Umweltschutztechniken mit Verboten ausschaltet, verschwendet Ressourcen und leistet dem Klimaschutz einen Bärendienst.“

Fuest widerspricht der verbreiteten Annahme, die deutsche Automobilindustrie habe aufgrund ihrer Technikführerschaft bei Diesel und Benzin zu spät und zu zaghaft auf alternative Antriebe gesetzt. Die Studie zeigt, dass deutsche Hersteller und Zulieferer auch bei der Entwicklung von Elektromobilität führend sind. „Ein Drittel der weltweiten Patente im Bereich Elektromobilität  kommt aus Deutschland“, sagte Fuest. „Man kann nicht sagen, dass die deutsche Autoindustrie nichts tun würde.“ Die Antwort auf die Frage, warum dann trotzdem so wenige Elektromobile in Deutschland fahren würden, sei nicht, etwas zu verbieten. Die Konkurrenz zwischen den Technologien müsse zugelassen werden.

Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir bezeichnete den fossilen Verbrennungsmotor als „klares Auslaufmodell auf dem Weltmarkt“. Die Automobilindustrie dürfe nicht dasselbe Schicksal wie die Atomkonzerne durchmachen, heißt es in einer Pressemitteilung als Reaktion auf die Studie. „Die großen Atom- und Kohlekonzerne haben die Energiewende zuerst bekämpft und dann verschlafen - und all das auf dem Rücken Zehntausender Arbeitsplätze.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) bauten einen „Schutzzaun um den Verbrennungsmotor, um eine veraltete Technologie am Leben zu halten“. Die Grünen machen sich für ein Aus für den Verbrennungsmotor bis 2030 stark. Damit soll der Elektromobilität schneller zum Durchbruch verholfen werden.

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Bei Patenten zu Benzin- und Dieselfahrzeugen haben die deutschen Unternehmen der Studie zufolge einen Anteil von 40 Prozent. Dabei geht der Großteil der Forschungs- und Innovationsleistungen in Effizienzverbesserungen. So zielen zwei von drei deutschen Patenten zu Verbrennungsmotoren auf Verbrauchsreduktion ab. Bei Brennstoffzellenfahrzeugen liefern sich die großen Automobilländer ein Kopf-an-Kopf-Rennen. So stammt ein Viertel der Patente auf diesem Gebiet aus Deutschland. Japans Anteil liegt bei 28 Prozent, aus den USA kommen 23 Prozent.

„Die technologische Basis für alternative Antriebe ist in Deutschland vorhanden“, sagte Fuest. Aus innovationspolitischer Sicht sei ein Zulassungsverbot für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren nicht zu begründen. Vielmehr könnte ein Fokus auf Infrastruktur und nachfrageorientierten Maßnahmen die Marktdurchdringung mit innovativen Produkten beschleunigen. Schwachpunkt in Deutschland ist nach wie vor eine zu geringe Durchdringung von Lademöglichkeiten für Elektromobile. „In Norwegen haben wir mit unseren Elektromobilen einen Marktanteil von 57 Prozent“, sagte Wissmann. Er sei deswegen optimistisch, dass unter anderem durch einen Ausbau der Infrastruktur auch in Deutschland der Anteil der Elektromobile steigen werde.

Kommentare (15)

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Herr Holger Narrog

18.07.2017, 14:22 Uhr

Das Auto mit Verbrennungsmotor ist der grösste Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Ein Verschwinden der Branche wäre ein Traum für die Grünen die eine verarmte, feudalistische Gesellschaft anstreben. Allerdings hält der Restverstand die Politiker hoffentlich noch einige Zeit von dem Schritt ab.

In den letzten Jahren ist der Preis für Li-Ionen Batterien massiv gefallen, die Lebensdauer gestiegen. Insofern verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit der Elektromobile schnell. Andererseits sucht man die Autos mit Verbrennungsmotor mit diversen Schikanen wie abwegigen Abgaswerten zu schikanieren. Somit wird es früher, oder später einen Punkt geben bei dem das Elektroauto teilweise wettbewerbsfähig ist.

Es wird eine Zeit geben wo Elektroautos in Teilmärkten im Vorteil sind, Autos mit Verbrennungsmotor in anderen.

Taiwan, kleine Autos, enge Strassen, kurze Wege, günstige Strompreise ist meines Erachtens prädestiniert für Elektroautos. Saudi Arabien, weite Wege, breite Strassen, komfortable Parkplätze, günstiges Benzin ist prädestiniert für Vebrenner.

Novi Prinz

18.07.2017, 14:24 Uhr

Die beiden Fahrzeuge vertragen sich hervorragend ! Meinen TESLA nutze ich für Fahrten bis 47 Einwegentfernung, meinen STERN 500 SEL für weitere Fahrten.

Herr Hans Klahrin

18.07.2017, 14:24 Uhr

Deutschland und seine Verbotskultur. Immer gleich nach Verboten zu schreien, bringt keinen weiter. Und ich stelle mir die Frage, wo denn der Strom herkommen soll, wenn morgen plötzlich jeder ein Elektroauto fährt. Kaufen wir den nach dem Braunkohleausstieg dann aus alten Atommeilern an unseren Grenzen? Vielleicht wäre mal ein Anfang getan, wenn man die Abgasnormen auch mal durchsetzt und gescheit prüft. Dann eine alternative Infrastruktur für Stromer, Brennstoffzellen usw. aufbaut. Und parallel die Forschung pusht, damit man höhere Effizienzen und umweltschonendere Produkte erreicht. Die Attraktivität kommt doch von allein. Man hat ja die Schallplatte auch nicht verbieten müssen, damit alle Kassetten oder CDs kaufen.

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