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27.03.2012

15:01 Uhr

Monopolkommission

Merkel-Berater trommelt gegen Schlecker-Hilfen

ExklusivGeht es nach dem Willen der Stuttgarter Landesregierung, kommt der Pleitekonzern Schlecker in den Genuss staatlicher Hilfen. Dagegen regt sich massiver Widerstand. Jetzt schaltet sich ein Berater der Bundesregierung ein.

Eine Schlecker-Mitarbeiterin reißt das Firmelogo von der Eingangstür einer Filiale. dpa

Eine Schlecker-Mitarbeiterin reißt das Firmelogo von der Eingangstür einer Filiale.

BerlinNoch ist nichts entschieden. Der Ausgang der Zitterpartie über eine Schlecker-Transfergesellschaft ist weiter offen. Mehrere Bundesländer wollen heute entscheiden, ob sie sich an einer Bürgschaft zur Absicherung einer Auffanglösung für die 11 000 vor der Entlassung stehenden Schlecker-Beschäftigten beteiligen. Ihnen liegt ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC vor, das die Aussichten für die insolvente Drogeriekette skeptisch sieht. Niedersachsens Wirtschaftsminister Jörg Bode (FDP) hatte am Montag angesichts der Gutachter-Ergebnisse gefordert, alle bisherigen Überlegungen zur Zukunft Schleckers erneut auf den Prüfstand zu stellen.

Dem Vorsitzenden der Monopolkommission, einem Beratungsgremium für die Bundesregierung auf den Gebieten der Wettbewerbspolitik und Regulierung, Justus Haucap, geht das aber nicht weit genug. Er forderte die Politik eindringlich dazu auf, sich gegen die von den Bundesländern geplante Auffanggesellschaft für mehr als 10.000 Beschäftigte der insolventen Drogeriekette Schlecker zu stellen. „In der Tat könnten hier die Marktwirtschaftler in allen Parteien mehr Flagge zeigen“, sagte der Direktor des Instituts für Wettbewerbsökonomie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Handelsblatt Online. Die geplante Subventionierung des Schlecker-Konzerns führe sonst die Marktwirtschaft „ad absurdum“.

Der Vorsitzende der Monopolkommission, Justus Haucap. dpa

Der Vorsitzende der Monopolkommission, Justus Haucap.

Haucap fragt sich, warum ausgerechnet Schlecker in den Genuss staatlicher Hilfen kommen soll. „Mir stößt auch sauer auf, dass große Unternehmen – egal wie schäbig sie sich in der Vergangenheit teilweise benommen haben mögen – anscheinend eine Vorzugsbehandlung genießen, während kleinen und mittelständischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen diese Vorzugsbehandlung nicht zuteil wird“, sagte er. Haucap betonte in diesem Zusammenhang, dass die Vermittlung der entlassenen Angestellten Aufgabe der Bundesagentur für Arbeit sei. „Gerade im Fall Schlecker wird die das auch viel besser können als eine Transfergesellschaft, weil die Angestellten ja durch ganz Deutschland verteilt sind und nicht regional konzentriert“, sagte der Ökonom. Das sei für eine Transfergesellschaft eher ein Problem.

Schleckers Aufstieg und Fall

Drogerieriese und Familiengeschichte

Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:

1944

Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren

1965

Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.

1974

Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.

1975

Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.

1977

Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.

1984

Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.

1987

Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich

Dezember 1987

Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück

1990er

Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.

1994

Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.

2007

Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"

1998

Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.

2008

Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz

2010

Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.

November 2010

Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium

2011

Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)

2012

Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

In der FDP regte sich bereits massiver Widerstand gegen die Absicht, Schlecker zu helfen. „Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer. Er kann und darf in einer Sozialen Marktwirtschaft Fehler von Unternehmen nur in wirklichen Ausnahmefällen korrigieren“, sagte FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle dem Handelsblatt.

„Ein staatliches Eingreifen bei Schlecker ist absolut schädlich, weil es das Vertrauen in unsere marktwirtschaftliche Ordnung zerstört“, ergänzte FDP-Fraktionsvize Martin Lindner im Gespräch Handelsblatt Online. „Wir hatten im letzten Jahr über 30.000 Firmeninsolvenzen, da kam auch kein Schmalspur-Populist, wie der der baden-württembergische Wirtschaftsminister Schmid.“ Wenn ein Unternehmen wie Schlecker ein schlechtes Konzept habe, dann scheitere es. „Darauf jetzt mit einer staatlich finanzierten Auffanggesellschaft zu reagieren ist keinem Bürger vermittelbar und unfair, weil bei den vielen Mitarbeitern bei kleinen und mittleren Betrieben der Staat nie hilft.“ Ähnlich deutliche Worte von FDP-Chef und Wirtschaftsminister Philipp Rösler hat man indes bisher nicht vernehmen können.

Kommentare (16)

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anonymus_007

27.03.2012, 12:52 Uhr

Was soll das?
Die Mitarbeiterinnen sind Ihren Job los. Da hilft auch keine TG. Das macht die ganze Sache nur noch teurer (für den Steuerzahler).
Die Mitarbeiter können auch von der Arbeitsagentur vermittelt werden.

oohpss

27.03.2012, 12:54 Uhr

Hallo Redaktion,

einigen Sätzen fehlt der Test, der Ihnen zu einem schlüssigen Ende verhelfen würde.

oohpss

27.03.2012, 13:15 Uhr

Eine Subvention dieser Arbeitsplätze macht deshlab keinen Sinn, weil die Umsätze durch deutsche Kunden generiert wird. Diese Kunden und ihre Umsätze würden anderen Marktteilnehmern verloren gehen. Da es aber z.B. kein Drogeriemarktmonopol gibt, gibt es auch keine Regulierungsbedarf.
Wo ist der volkswirtschaftliche Nutzen, wenn man jemandem Geld leiht, damit er Arbeitsplätze der anderen Arbeitnehmer in der gelichen Volkswirtschaft in Bedrängnis bringen kann?
Bekommt jeder eine Bürgschaft, der z.B. behauptet, dass er 10.000 Arbeitslose einstellen würde um mit denen Tele-Arbeistplätze im Call-Center-Bereich zu besetzen und um andere Wettbewerber platt zu machen?
Eigentlich haben wir doch schon genügend Verwerfungen mit der Subvention der Banken und ihrer Berater aufgebracht.
Und aus den Verschuldungen der Treuhand wird auch noch genügend Steuerzahlergeld aufgebracht.
Letztlich würde von diesem Kredit nur der partizipieren, der sich das meiste Geld auf seine KOnten überweisen kann.
Ökonomisch scheint das Blödsinn zu sein, aber um das gEld von unten nach oben zu verteilen, ist das wohl ein probater Weg. Und wenn diese Umverteilung das Ziel der Aktion ist, dann kann man kaum dagegen sein. Schließlich vermittelt man ein paat tausend Menschen nebenbei noch den Eindruck, sie hätten eine Chance.

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