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05.12.2016

11:31 Uhr

Mord an Studentin in Freiburg

„Tagesschau-Redakteure sind nicht gefühllos“

VonDietmar Neuerer

Ein Flüchtling steht in Freiburg unter Mordverdacht. Der Fall stößt auf internationales Interesse, doch die ARD-„Tagesschau“ berichtet nicht darüber. Nach scharfer Kritik geht deren Chef in die Offensive.

Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, verteidigt die Entscheidung, nicht über den Freiburger Mordfall berichtet zu haben. NDR/Holde Schneider

Kai Gniffke.

Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, verteidigt die Entscheidung, nicht über den Freiburger Mordfall berichtet zu haben.

BerlinSieben Wochen nach dem Verbrechen, das nicht nur Freiburg erschüttert hat, sieht sich die Polizei am Ziel. Einer Streifenwagenbesatzung fällt ein junger Mann mit rasierten Schläfen und Zopf auf. Die zwei Polizisten bringen ihn zur Kriminalpolizei. Die ist sich nach einem DNA-Abgleich sicher: Der 17-Jährige ist der Gesuchte. Er soll eine 19 Jahre alte Studentin vergewaltigt und ermordet haben.

Es ist ein junger Mann aus Afghanistan. Er kam 2015 als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland, lebte in Freiburg bei einer Pflegefamilie. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Der Fall hat bundesweit teils heftige Reaktionen ausgelöst. Selbst die „Washington Post“ und die „New York Times“ berichteten darüber.

Die ARD-„Tagesschau“ befand jedoch, am Samstag zumindest in ihrer TV-Ausgabe keine Meldung zur der Festnahme zu bringen. Anders als etwa auf „www.tagesschau.de“, im Südwestrundfunk (SWR) und in öffentlich-rechtlichen Radiosendern, wo sehr wohl der Fall ein Thema war.

Wieso fliehen junge Afghanen nach Europa – und wie radikal sind sie?

Der Attentäter besaß eine IS-Flagge. Ist der IS verbreitet in Afghanistan?

Den IS gibt es in Afghanistan erst seit Anfang 2015, und sein Wachstum ist auch wegen blutiger Rivalitäten mit den Taliben stark gebremst. Seine Kämpfer – angeblich derzeit rund 2500 – sind in nur ein bis zwei der 34 afghanischen Provinzen aktiv. US-Drohnen fliegen derzeit mehrmals wöchentlich Luftangriffe auf ihre Stellungen.

Wieso fliehen junge Afghanen aus ihrem Land?

Afghanistan ist immer noch eins der ärmsten Länder der Welt. Die Arbeitslosenrate wird auf etwa 40 Prozent geschätzt. Gleichzeitig verschlechtert sich die Sicherheitslage. Seit dem Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 fühlen sich die Taliban in vielen Provinzen ermutigt. 31 von 34 Provinzen waren nach Uno-Angaben in 2015 von Gewalt betroffen. Vor allem junge Menschen und solche mit Schulbildung sehen keine Zukunft in Afghanistan.

Sind unter den Flüchtlingen viele Extremisten?

Das ist schwer festzustellen. Viele der jungen Flüchtlinge gehören zur dünnen Mittelschicht. Sie haben Schul- und manchmal auch Universitätsbildung. Das Interesse der großen Mehrheit scheint nicht der Dschihad, sondern ein besseres Leben zu sein. Allerdings nimmt dem Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network zufolge die Radikalisierung auch an Afghanistans Universitäten zu.

Fliehen weniger Afghanen, seit die Balkanroute geschlossen ist?

Es sieht so aus – aber gestoppt ist die Fluchtbewegung damit nicht. Einer der vielen Menschenschmuggler in Kabul sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass er im vergangenen Jahr täglich bis zu 25 bis 30 „Kunden“ außer Landes geschafft habe. Nun seien es zehn bis zwölf.

Wie sind die Reaktionen in Afghanistan?

Afghanische Medien berichten am Dienstag über die Tat. In der Hauptstadt Kabul sind die Menschen schockiert. Von hier sind Tausende Flüchtlinge nach Europa aufgebrochen, viele Menschen haben nun Verwandte und Freunde in Deutschland. Sie hoffen, dass dass nicht alle Afghanen wegen der Tat eines Einzelnen verurteilt werden. Das müsse „ein Psycho“ gewesen sein, sagt ein Wirtschaftsstudent, Said Taufik Jakin, 26. Aber man müsse auch bedenken, was ihn möglicherweise zu seiner Tat getrieben habe: „Ich höre von meinen Freunden in Deutschland, dass afghanische Flüchtlinge dort eine Menge Probleme haben.“

Entsprechend groß ist der Unmut, der sich insbesondere in den sozialen Netzwerken über die „Tagesschau“ ergießt. Der Chefredakteur von ARD-Aktuell, Kai Gniffke, nahm die Redaktion indessen in Schutz, dagegen äußerte der Deutsche Journalistenverband scharfe Kritik. Und auch auf der Facebook-Seite der Nachrichtensendung meldeten sich User zu Wort.

Eine Sandra Segl schreibt: „Die ARD gehört ersatzlos wegen Dilettantismus geschlossen. Es ist eine unverfrorene Unverschämtheit, dass wir für diesen an Propaganda erinnernden Nanny Journalismus noch bezahlen müssen.“ Und ein Kurt Köhler ergänzt: „Liegt es vielleicht daran, dass bald Wahljahr ist und die Tagesschau auf Anweisung von Merkel nichts Negatives über Flüchtlinge bringen darf?“

Eine Marcel Heldt findet, dass sich die „Tagesschau“ „einfach nur lächerlich“ macht, denn national und international sei über den Fall berichtet worden. Auch ein Norbert Burger merkt an, dass „auf der ganzen Welt“ der Fall ein Thema war. „In der freien Wirtschaft würdet ihr für diese Arbeit sang und klanglos untergehen.“ Aber, fügt der User hinzu, „ihr habt ja noch die Zwangsabgabe die euch, egal wie schlecht ihr seit den Hintern rettet. So eine Wohlfühloase hätte ich auch gerne auf der Arbeit“.

Der Chef von ARD-Aktuell, Gniffke, verteidigte die Entscheidung, nicht über den Fall berichtet zu haben. „Die Redakteurinnen und Redakteure bei der Tagesschau sind nicht gefühllos“, schreibt Gniffke in seinem Blog. „Aber wir berichten nur sehr selten über einzelne Kriminalfälle.“ Es gebe im Medienmarkt Redaktionen, die sich auf die Berichterstattung über Kriminalfälle spezialisiert hätten und dies in der Regel auch „sehr angemessen“ täten. Die „Tagesschau“ hingegen berichte über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse. „Da zählt ein Mordfall nicht dazu.“

Kommentare (6)

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Novi Prinz

05.12.2016, 11:46 Uhr

Entschuldigung , der Herr heißt Gniffke !

Herr Thomas Bode

05.12.2016, 12:12 Uhr

Es hat auch niemand behauptet die seien gefühllos.
Diese Taktik, auf etwas zu antworten das niemand thematisiert hat, kennt man aus der Politik, das stammt aus dem rhetorischen Trick-Kasten.
So wie Merkel sagt dass "Abschottung" keine Lösung sei, obwohl kaum jemand Abschottung fordert. Sondern nur stinknormales Grenzregime, wie es seit 1949 weltweit üblich ist, und auch hier bis vor kurzem war. Und was diesen Fall vermutlich verhindert hätte.

Es geht darum, wie borniert muss man sein um das nicht zu merken oder wie unehrlich um so zu tun, dass hier wieder Volkspädagogik über Informationspflicht triumphiert. Verschwiegen wird was nicht ins ideologische Konzept passt.
Aber die Aufgabe der Vierten Gewalt ist objektive INFORMATION es nicht, und war es hier nie, die erwünschte politische Gesinnung zu fördern. Also in diesem Fall die Akzeptanz offener Grenzen und wahlloser Willkommenskultur als moralisch alternativlos darzustellen.

Die Grundregeln des Journalismus wurden über Bord geworfen, als ob Nottand herrscht und wir hier kurz vor dem Vierten Reich stehen, was ich doch sehr bezweifele. Der klassische Nazi ist chancenlos, aber der "Populist" entspricht eher dem klassischen CSUler des 20.Jahrhunderts, und den muss man aushalten in einer Demokratie.
Last not least: über die eigentliche Bedeutung des Wortes "Populist" solle man mal nachdenken. "Populus" heißt nämlich "Volk", und nach unserer Verfassung ist das der Souverän, und nicht die "Elite".

Rainer von Horn

05.12.2016, 12:26 Uhr

Ich kann mir nicht vorstellen, dass über einen etwaigen heimtückischen Mord an einem Flüchtling, begangen von einem deutschen Rechtsradikalen, nicht in der ARD berichtet worden wäre. Insofern kann ich den Anstieg der GEZ-Verweigerer, die in den ÖR nichts eiter als willige Staats-Propaganda-Sender sehen, gut nachvollziehen.

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