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10.08.2016

11:51 Uhr

Muslime in Deutschland

Die üblichen Verdächtigen

Der IS-Terrorismus stellt den Islam unter Generalverdacht. Dagegen wehrt sich der Muslim Daniel Abdin. Für ihn hat Radikalisierung einiger Muslime viele Gründe, nur keine theologischen. Rechtspopulisten sehen das anders.

Razzien gegen mutmaßliche Islamisten in NRW und Niedersachsen

Video-News: Razzien gegen mutmaßliche Islamisten in NRW und Niedersachsen

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HamburgEigentlich ist Daniel Abdin ein umgänglicher Mensch, freundlich, gewinnend und charmant. Als der Vorsitzende des Rats der islamischen Gemeinden in Hamburg – Schura – sich aber schon wieder zu den jüngsten Anschlägen äußern soll, platzt ihm der Kragen. „Ich bin es leid, mich immer rechtfertigen zu müssen, wenn irgendein Idiot auf der Welt bestialisch Menschen ermordet.“ Das seien Kriminelle, mehr nicht. Natürlich seien die Taten von München, Würzburg und Ansbach eine Katastrophe. Aber dennoch, sagt Abdin in einem Tonfall, als hätte er diesen Satz schon mindestens hundert Mal von sich gegeben: „Die haben mit dem Islam nichts zu tun.“

Rechtspopulisten bezweifeln das schon lange. Aber auch bei anderen wächst die Verunsicherung, zumal sowohl der Attentäter von Ansbach als auch jener von Würzburg Muslime waren – und obendrein noch Flüchtlinge. Da kann Kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch so oft darauf hinweisen, dass Deutschland im Krieg gegen die Terrororganisation Islamischer Staat (IS), keinesfalls jedoch im Kampf gegen den Islam sei. Die Feindlichkeit gegenüber Muslimen und vor allem Asylbewerbern steigt, wie eine Studie der Universität Bielefeldt zeigt – und zwar unabhängig von den jüngsten Anschlägen, da die Daten für die Untersuchung davor erhoben wurden.

Daniel Abdin (Mitte), der Vorsitzende des Rats der islamischen Gemeinden in Hamburg, Schura, ist es leid, sich für Anschläge zu rechtfertigen. dpa

Daniel Abdin

Daniel Abdin (Mitte), der Vorsitzende des Rats der islamischen Gemeinden in Hamburg, Schura, ist es leid, sich für Anschläge zu rechtfertigen.

Abdin steht bei seinem Ausbruch in einer heruntergekommenen Tiefgarage unweit des Hauptbahnhofs im Hamburger Stadtteil Sankt Georg. Netze und Drähte versuchen oberhalb der Rampe zu den Parkdecks Tauben den Aufenthalt zu vergällen – vergeblich wie der Dreck zeigt. Und dennoch zieht der unwirtliche Ort, der den ADAC bei seinen Tiefgaragentests mit Sicherheit empört aufschreien ließe, seit mehr als 20 Jahren jeden Tag viele Gläubige an. Schließlich ist eines der beiden Parkdecks Gebetsraum der sunnitisch arabischen Al-Nour Moschee, die der gebürtige Jordanier Abdin ebenfalls leitet.

Aus fast aller Herren Länder stammen sie, die dort beten, Imam Samir El-Rajab zuhören oder schlicht Gleichgesinnte auf ein Gespräch treffen. In mühevoller Kleinarbeit haben Ehrenamtliche über die Jahre versucht, dem Raum Würde abzutrotzen, haben den Betonboden mit Teppichen ausgelegt, die Wände gestrichen, teils holzvertäfelt und Vorhänge aufgehängt – was aber trotz der Mühen nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Gebetsraum der auf arabisch „das Licht“ heißenden Moschee ursprünglich für das Abstellen von Autos gedacht war. „Im Sommer ist es wirklich stickig. Trotz der vielen Ventilatoren bekommt man kaum Luft. Und im Winter ist es sehr kalt“, sagt Abdin.

Das plant die Politik gegen den Terror

Was kann man gegen illegalen Waffenhandel tun?

Der Amokläufer von München besorgte sich seine Pistole vom Typ Glock 17 im Darknet, einem abgeschotteten Bereich des Internets. Es gibt Forderungen nach zusätzlichen Fahndungsmöglichkeiten der Behörden, um den Waffenhandel dort zu verhindern Außerdem ist gerade eine neue EU-Richtlinie in Arbeit.
Prognose: Die Fahndung im Internet nach Waffenhändlern wird ausgeweitet, aber kein Gesetz geändert.

Werden Computerspiele verboten?

Schon die Amokschützen von Erfurt, Winnenden und Emsdetten waren Fans von Computerspielen, die Gewaltakte simulieren. Jetzt trifft das auch für den Täter von München zu. Bundesinnenminister Thomas De Maizière würde sich des Themas gerne annehmen. Am Wochenende sprach er von einem „unerträglichen Ausmaß“ von Gewaltverherrlichung im Internet. Verbote hält er nicht für sinnvoll, wünscht sich aber eine gesellschaftliche Debatte.
Prognose: Konkrete Änderungen wird es nicht geben.

Muss die Bundeswehr im Inneren eingesetzt werden?

Im aktuellen Weißbuch zur Sicherheitspolitik haben sich die Koalitionspartner auf den Kompromiss verständigt, dass die Bundeswehr bei größeren Anschlägen auch ohne Grundgesetzänderung eingesetzt werden kann.
Prognose: Der Streit geht weiter, eine Klarstellung im Grundgesetz wird es aber mit Sicherheit nicht geben. Im Fall eines großen Terroranschlags in Deutschland ist ein Hilfseinsatz der Bundeswehr trotzdem wahrscheinlich.


Brauchen wir mehr Videoüberwachung?

Diese Forderung wurde bereits nach der Axt-Attacke von Würzburg erhoben. Die Befürworter erhoffen sich eine Abschreckung von Straftätern und eine leichtere Aufklärung. Kritiker fürchten den Überwachungsstaat.
Prognose: Eine Ausweitung der Videoüberwachung ist gut möglich.

Brauchen wir mehr Polizei?

In München waren 2300 Sicherheitskräfte aus ganz Deutschland im Einsatz - allen voran Spezialkräfte des Bundes und der Länder. Die Operation stieß auf viel Lob. Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte die Leistung der Sicherheitskräfte „großartig“. Eine Stärkung der Polizei hält nicht nur die Union für sinnvoll. Die SPD hat sich für 3.000 zusätzliche Bundespolizisten ausgesprochen.
Prognose: Die Polizei kann mit Verstärkung rechnen.

Hunderten Flüchtlingen war das im vergangenen Jahr egal. Sie waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und etwas zu Essen zu bekommen. Bis zu 400 von der Flucht erschöpfte Frauen, Männer und Kinder nahm die islamische Gemeinde zu Hochzeiten der Flüchtlingsbewegung täglich auf. Die meisten waren nur auf der Durchreise, blieben nur eine Nacht. Sie wollten rasch weiter nach Skandinavien. Allein sie zu betreuen, brachte die Gemeinde finanziell und auch personell an den Rand des Ruins, wie Abdin sagt.

Doch damit nicht genug: Seit in Hamburg tausende Flüchtlinge – bis zu 80 Prozent Muslime – teils dauerhaft leben, sei die Zahl der zum Freitagsgebet kommenden Gläubigen von 600 auf 2.500 gestiegen, was nur noch durch „Beten im Schichtdienst“ bewältigt werden könne. Gedankt wird die Flüchtlingsbetreuung dennoch kaum. Natürlich zollen Kirchen, Behörden und Institutionen, die sich mit Flüchtlingen beschäftigen, Respekt für das Engagement und helfen auch mal mit Zuschüssen, sagt Abdin. Doch abseits davon erinnern sich im Zusammenhang mit der Al-Nour Moschee etliche eher an den 8. Oktober 2014, als Kurden und mutmaßliche Salafisten unweit der Tiefgarage mit Steinen, Flaschen und sogar Macheten aufeinander losgingen und etwa 30 teils bewaffnete Salafisten in den Gebetsraum eindrangen.

Was bedeuten die Begriffe?

Amoklauf

In Asien nannte man sie „amucos“ – Krieger, die den Feind ohne Angst vor dem Tod angreifen und vernichten. Heute beschreibt der Begriff in der Regel blindwütige Aggressionen – mit und ohne Todesopfer. Die meisten Amokläufer sind männlich und eigentlich unauffällig, in vielen Fällen ledig oder geschieden. Neben psychisch kranken Tätern gibt es auch Amokläufer, die aus banalen Gründen plötzlich ausrasten. Angst, Demütigung oder Eifersucht haben sich oft lange aufgestaut, bevor es zur Katastrophe kommt. Teils werden Taten auch im Kopf durchgespielt. „Amok“ kommt aus dem Malaiischen und bedeutet „wütend“ oder „rasend“.

Terrorismus

...ist politisch motivierte, systematisch geplante Gewalt, die sich gegen den gesellschaftlichen Status quo richtet und auf politische, religiöse oder ideologische Veränderung ausgerichtet ist. Dass Terroristen töten und zerstören, ist Mittel zum Zweck. Sie wollen vor allem Verunsicherung in die Gesellschaft tragen. Terrorakte richten sich oft gegen die Zivilbevölkerung oder symbolträchtige Ziele.

Terror

...geht auf das lateinische Wort „terrere“ zurück, was „erschrecken“ oder „einschüchtern“ bedeutet. Terror und Terrorismus werden oft gleichbedeutend verwendet. Im Unterschied zum Terrorismus bezeichnet der Begriff „Terror“ aber eher das Machtinstrumentarium eines Staates. Der „Terror von oben“ steht für eine Schreckensherrschaft, die willkürlich und systematisch Gewalt ausübt, um Bürger und oppositionelle Gruppen einzuschüchtern. Auch in die Umgangssprache hat der Begriff Eingang gefunden – etwa für extreme Belästigung, zum Beispiel Telefonterror.

Attentate

...sind politisch oder ideologisch motivierte Anschläge auf das Leben eines Menschen, meistens auf im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten. Der Ausdruck „Attentäter“ wiederum wird auch für Menschen verwendet, die einen Anschlag auf mehrere Menschen begehen. Terroristische Attentäter zielen etwa auf Angehörige eines ihnen verhassten Systems oder einer Religion ab. Mit Anschlägen auf öffentlichen Plätzen, in Verkehrsmitteln oder auf Feste versuchen sie, in der Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Der Begriff „Attentat“ leitet sich vom lateinischen attentare (versuchen) im Sinne eines versuchten Verbrechens ab.

Kommentare (35)

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Account gelöscht!

10.08.2016, 12:01 Uhr

Der IS-Terrorismus stellt den Islam unter Generalverdacht. Dagegen wehrt sich der Muslim Daniel Abdin. Für ihn hat Radikalisierung einiger Muslime viele Gründe, nur keine theologischen. Rechtspopulisten sehen das anders.

....

Machen wir uns auf dem Erdball nichts vor...der Islam ist in der Mehrzahl !

Und davor haben wir alle die nicht zum Islam gehören ängste weil keiner wissen kann ob nicht irgend woher der nächster Islamischer Amoklauf beginnt ( DASS UNSERE POLITIKER TERRORISMUS NENNEN ! ).

Alles wird als Terrorismus eingestuft, doch Terrorismus und echte Terroristen sprengen sich nicht selbst in die Luft.

Echte Weltterrorismus hat unseren Erdball noch nicht erlebt ( Gott sei Dank ).

ABER wenn wir schon Terrorismus in Europa bekämpfen wollten dann nicht mit BLA-BLA-BLA von EU-Politiker sondern mit einem Heimatschutz wie es der USA nach dem 9/11 eingeführt hatte !
Na EU wann beginnst Du zu Arbeiten ?

Achso die 37 Stundenwoche ist voll und jetzt Überstunden abfeiern. :-)))
Toll EU ! :-)))

Account gelöscht!

10.08.2016, 12:03 Uhr

Diese Religion muß bekämpft werden, wie schon die letzten 1000 Jahre. Der Islam gehört weder
zu Europa noch zu Deutschland. Die Muslime sollten ihre friedliche Religion in ihren Ländern
ausüben. In Europa ist kein Platz für diese Gewalt-Religion. Es reicht schon das Christentum
und all seinen Opfern.

Rainer von Horn

10.08.2016, 12:04 Uhr

Zitat:
"„Die haben mit dem Islam nichts zu tun.“"

Ehrlich gesagt kann ich einen weltoffenen, humanistischen Islam nirgends erkennen. Stichworte: Kopftuchgebot, Burka-Gebot,Verbot Frauen Hände zu schütteln und sonstige Rechte der Frauen, fehlende Distanzierung führender islamischer Verbände von Greueltaten, die von Islamisten begangen wurden.
Zudem sind mir relativ wenige christliche Attentäter beannt,m die wahllos "ungläubige" Männer, Frauen und Kinder abschlachten unter "Gott-Will-es-Rufen, zu neuen Kreuzzügen aufrufen oder untreue Ehefrauen steinigen wollen.

Solange das so bleibt, bleiben mir solche Schönredner suspekt. Die wollen uns m.E. nur die "Unterwerfung" in Form der Toleranzausübung schmackhaft machen. Das wars dann auch.

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