Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2016

18:49 Uhr

Muslimische Bundeswehrsoldatin gegen Vorurteile

„Ich bin stolz, Deutsche zu sein“

Nach den Kölner Übergriffen wurde Nariman Reinke mit schlechten Witzen über arabische Männer und Islamfeindlichkeit konfrontiert. Dann postete die Bundeswehrsoldatin einen Beitrag gegen Rassismus – mit ungeahnten Folgen.

Nariman Reinke, Bundeswehr-Soldatin mit marokkanischen Wurzeln, hat mit einem Internet-Posting zu den sexuellen Übergriffen von Köln bundesweit auf sich aufmerksam gemacht. dpa

Wütend über Rassismuss

Nariman Reinke, Bundeswehr-Soldatin mit marokkanischen Wurzeln, hat mit einem Internet-Posting zu den sexuellen Übergriffen von Köln bundesweit auf sich aufmerksam gemacht.

HannoverFrüher hat sich Nariman Reinke oft vergeblich bemüht, Aufmerksamkeit für die Projekte ihres Vereins „Deutscher.Soldat.“ zu erlangen. Er wurde von Offiziersanwärtern aus Migrantenfamilien gegründet. Jetzt kann sich die Bundeswehrsoldatin vor Anfragen kaum retten. Die 36-Jährige mit marokkanischen Wurzeln ist ein gefragter Talkshow-Gast, seit sie im Internet ein flammendes Plädoyer gegen Rassismus gehalten hat. Auslöser für ihren Facebook-Beitrag waren gehässige Kommentare in ihrem Bekanntenkreis nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht.

„Ausschlaggebend war, dass ein ehemaliger Freund auf meiner privaten Pinnwand einen Speck-BH gepostet hat, mit dem man sich vor Moslems schützen könne“, erzählt Hauptfeldwebel Reinke in ihrer Wohnung in Hannover. Über solche Witze könne sie nicht lachen. „Für mich ist es ganz schrecklich, dass der Islam für Köln verantwortlich gemacht wird.“

Die Chronologie der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof

21.00 Uhr

Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe kommen nach Polizeiabgaben 400 bis 500 augenscheinlich betrunkene Menschen zusammen, sie sind teilweise aggressiv. Unkontrolliert werden Böller und Raketen abgebrannt.

23.00 Uhr

Gedränge vor dem Hauptbahnhof, mittlerweile sind mehr als 1000 Menschen zusammengekommen. Es handelt sich „ausschließlich um junge Männer“, wie die Polizei später berichtet. Nach wie vor werden Raketen abgeschossen, einige davon absichtlich in die Menge. Polizeidirektor Michael Temme beschreibt die Stimmung im Nachhinein als „aggressiv“.

23.15 Uhr

Teile der Menge werden von einigen Menschen eingekreist. Mehrere Handys sollen dabei gestohlen worden sein. Weiterhin werden Raketen und Böller gezündet.

23.30 Uhr

Die Polizei räumt die Domtreppe und den Bahnhofsvorplatz, aus Sicherheitsgründen und um eine Panik zu vermeiden, wie es heißt. Nach ihren Angaben beruhigt sich die Situation.

00.30 Uhr

Nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ herrscht am Hauptbahnhof eine aggressive Stimmung: Mindestens 200 angetrunkene junge Männer mit ausländischem Hintergrund pöbeln in der überfüllten Bahnhofshalle Passanten an und belästigen zahlreiche Frauen.

00.45 Uhr

Die Lage beruhigt sich laut Polizei zunächst. Der Zugang zum Hauptbahnhof wird wieder freigegeben, der Platz füllt sich erneut. Erste Strafanzeigen von betroffenen Frauen wegen Diebstahls, einige von ihnen berichten laut Polizei von sexuellen Übergriffen aus den Gruppen heraus auf Passanten. Es werden alle Beamten vor dem Hauptbahnhof zusammengezogen, knapp 150 Polizisten sollen im Einsatz sein. Frauen ohne Begleitung werden angesprochen und zum Bahnhofseingang begleitet. Es soll aber auch im Bahnhof Übergriffe geben. Dort ist allerdings nicht die Kölner Polizei zuständig, sondern die Bundespolizei.

04.00 Uhr

Nach Einschätzung der Polizei beruhigt sich die Lage wieder.

08.57 Uhr

In einer Pressemitteilung schreibt die Polizei, die Silvesterfeier „auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen [sei] friedlich“ verlaufen. Die Vorgänge am Dom werden nicht erwähnt.

02. Januar, 17.00 Uhr

Kölns Polizei informiert jetzt auch über die Übergriffe. Es seien Anzeigen von 30 Betroffenen erstattet worden, eine Ermittlungsgruppe wird eingerichtet.

In ihrem inzwischen tausendfach geteilten und kommentierten Posting schreibt die Soldatin: „Wenn ich höre, dass manche der Verbrecher von Köln aus Marokko kommen sollen, wird mir schlecht!“ Dafür gebe es aber weder eine marokko- noch islamspezifische Entschuldigung oder Erklärung. „Vergewaltigung ist auch in Marokko strafbar und die Entehrung einer Frau ist für Muslime eine sehr schwerwiegende und schlimme Tat.“

Der Beitrag wurde inzwischen ins Arabische übersetzt und auch in Marokko veröffentlicht. Nariman Reinke weiß das von ihren Eltern, die vor 52 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, den Winter aber in ihrer Heimat verbringen. Schlucken musste ihre Familie lediglich bei dem Satz: „Ich bin stolz, Deutsche zu sein.“ Sie nimmt ihn nicht zurück, denn dies sei auch für ihre Eltern immer klar gewesen. „Ich bin auf vieles stolz. Ich bin auch stolz darauf, dass ich Soldatin bin und so tolle Kameraden habe.“

Im Internet erfährt Reinke viel Zuspruch, gleichzeitig aber auch böse Kommentare und Anfeindungen. „Das lese ich nicht mehr“, sagt sie. Vorgeworfen wird ihr etwa, die Situation von Frauen in der arabischen Welt zu verniedlichen. Ein anderer Kommentator hält der Soldatin vor, sich von der Bundesregierung als ihrem Arbeitgeber einspannen zu lassen, denn sie verteidigt in ihrem Posting auch Angela Merkels Flüchtlingspolitik.

Derzeit gehört die 36-Jährige zum Bataillon Elektronische Kampfführung, das im rheinland-pfälzischen Daun stationiert ist. Zweimal war sie als Übersetzerin in Afghanistan im Einsatz. Das Land, aus dem viele Menschen flüchten, kennt sie aus eigener Anschauung.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×