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08.11.2012

14:58 Uhr

Mutmaßliche Terroristin

Bundesanwälte erheben Anklage gegen Zschäpe

Ein Jahr nach dem Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle hat die Bundesanwaltschaft Anklage gegen die Hauptbeschuldigte Beate Zschäpe erhoben. Neben ihr werden vier weitere Angeklagte vor Gericht stehen.

2004 zündeten Terroristen in Köln-Mülheim eine Nagelbombe. dpa

2004 zündeten Terroristen in Köln-Mülheim eine Nagelbombe.

München/KarlsruheDie Bundesanwaltschaft hat die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe als Mittäterin wegen Mordes angeklagt. Zschäpe sei nicht nur Mitglied der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gewesen, sondern selbst als Mittäterin für die Morde verantwortlich, sagte Generalbundesanwalt Harald Range am Donnerstag in Karlsruhe. Der Fall soll vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts München verhandelt werden.

Neben Zschäpe sollen sich in der Neonazi-Mordserie vier weitere Angeklagte vor Gericht verantworten. Dies teilte Generalbundesanwalt Range nach der Anklageerhebung mit. Zschäpe ist laut Range unter anderem als Mittäterin bei zehn Morden und 15 bewaffneten Raubüberfällen angeklagt, zwei der vier Mitangeklagten wegen Beihilfe zum Mord.

14 Jahre Untergrund - die Zwickauer Terror-Zelle

1998: Kampf aus dem Untergrund

26. Januar: Nach einer Razzia in ihrer Bombenwerkstatt in Jena tauchen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe unter. Sie beschließen, aus dem Untergrund mit Gewalt für ihr politisches Ziel zu kämpfen - ein nationalsozialistisches System in Deutschland.

18. Dezember: Mit einem Überfall auf einen Supermarkt versuchen Mundlos und Böhnhardt, das Geldproblem der Gruppe zu beheben.

1999: Bezug der Chemnitzer Wohnung

April: Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe ziehen in eine eigene Wohnung in Chemnitz.
6. und 27. Oktober: Überfälle auf zwei Postfilialen in Chemnitz.

2000: Beginn der Mordserie

9. September: Die Mordserie beginnt. Die Terroristen erschießen in Nürnberg den Blumenhändler Enver Simsek.

30. November: Überfall auf eine Postfiliale in Chemnitz.

2001: Bombeneinsatz

19. Januar: In einem iranischen Lebensmittelladen in Köln explodiert eine Bombe. Die Tochter des Inhabers wird schwer verletzt.

Frühjahr: Die Gruppe zieht in eine neue Wohnung in Zwickau.

13. Juni: Mord an dem Schneider Abdurrahim Özüdogru in Nürnberg.

27. Juni: Mord an dem Hamburger Gemüsehändler Süleyman Tasköprü.

5. Juli: Überfall auf eine Postfiliale in Zwickau.

29. August: Mord an dem Gemüsehändler Habil Kilic in München.

2002: Überfall

25. September: Sparkassen-Überfall in Zwickau.

2003: Fahndung eingestellt

15. September: Das Ermittlungsverfahren wegen des Bombenbaus wird wegen Verjährung beendet, die Fahndung eingestellt.

23. September: Sparkassen-Überfall in Chemnitz.

2004: Nagelbombe in Köln

25. Februar: In Rostock Mord am Imbiss-Verkäufer Mehmet Turgut.

14. und 18. Mai: Überfälle auf zwei Sparkassen in Chemnitz.

9. Juni: Die Terroristen zünden eine Nagelbombe in Köln-Mülheim. 22 Menschen werden verletzt, einige lebensgefährlich.

2005: Fortsetzung der Mordserie

9. Juni: Mord an dem Imbiss-Inhaber Ismail Yasar in Nürnberg.

15. Juni: Mord an dem Schlüsseldienst-Inhaber Theodoros Boulgarides in München.

22. November: Erfolgloser Sparkassen-Überfall in Chemnitz.

2006: Missglückter Sparkassen-Überfall

4. April: Mord an dem Kioskbesitzer Mehmet Kubasik in Dortmund.

6. April: Mord an Halit Yozgat, Besitzer eines Internet-Cafés in Kassel, in dem sich zur Tatzeit ein Verfassungsschützer aufhält.

5. Oktober: Erfolgloser Überfall auf eine Sparkasse in Zwickau. Der Täter - vermutlich Böhnhardt - schießt einen Mitarbeiter an.

7. November: Sparkassen-Überfälle in Stralsund.

2007: Polizistenmord in Heilbronn

18. Januar: Sparkassen-Überfälle in Stralsund.

25. April: Die Täter erschießen in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter. Ihr Kollege wird schwer verletzt.

Dezember: Die Täter erstellen die DVD mit dem „Paulchen Panther“-Bekennervideo.

2008: Umzug in das letzte Domizil

März: Das Trio zieht in die Frühlingsstraße in Zwickau - das letzte Domizil der Gruppe.

2011: Haftbefehl gegen Zschäpe

7. September: Überfall auf eine Sparkasse in Arnstadt.

4. November: Spakassen-Überfall in Eisenach. Böhnhardt und Mundlos verstecken sich in einem Wohnmobil. Als die Polizei sie entdeckt, erschießen sie sich. Als Zschäpe davon erfährt, zündet sie die Wohnung an.

8. November: Zschäpe stellt sich in Jena der Polizei.

13. November: Die Bundesanwaltschaft geht erstmals von Rechtsterrorismus aus. Der Bundesgerichtshof erlässt Haftbefehl gegen Zschäpe.

2012: Anklageerhebung

14. Januar: Die Bundesanwaltschaft sieht ihren Verdacht bestätigt, dass Zschäpe die Terrorvereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) mitgründete und sich bis zum Ende an ihr beteiligte.

8. November: Die Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen Zschäpe.

Die 37-jährige Zschäpe ist die einzige Überlebende der Terrorzelle. Ihre mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt töteten sich selbst. Die rechtsradikale Gruppe hatte sich den Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gegeben.

Zschäpe werden insgesamt neun Morde an türkischen und griechischen Kleinunternehmern in den Jahren 2000 bis 2006 zugerechnet, außerdem der Mordanschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn 2007, bei dem die Beamtin Michèle Kiesewetter getötet und ihr Kollege schwer verletzt wurde. Hinzu kommen zwei Bombenanschläge in Köln, bei denen 2001 und 2004 insgesamt mehr als 20 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden.

Ein BKA-Fahndungsbild von Beate Zschäpe. dapd

Ein BKA-Fahndungsbild von Beate Zschäpe.

Wegen welcher Taten Zschäpe im einzelnen angeklagt wird, wurde zunächst nicht bekannt. Im Haftbefehl waren ihr lediglich die Gründung einer terroristischen Vereinigung und besonders schwere Brandstiftung vorgeworfen worden. Auch wurde zunächst nicht mitgeteilt, welche mutmaßlichen Unterstützer der Gruppe zusammen mit Zschäpe angeklagt sind.

Insgesamt ermittelte die Bundesanwaltschaft gegen 12 Beschuldigte aus dem Umfeld der Gruppe. In Untersuchungshaft sitzt von ihnen derzeit nur noch der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben.

Wie das Oberlandesgericht München mitteilte, werde die Anklageschrift den Verteidigern in den nächsten Tagen zugestellt. Zugleich werde ihnen Gelegenheit gegeben, sich zu erklären.

Zschäpe war 1998 gemeinsam mit Mundlos und Böhnhardt untergetaucht, nachdem die Polizei eine Bombenwerkstatt der Neonazis entdeckt hatte. Fast 14 Jahre lang konnte sich die Gruppe im Untergrund halten. Ihren Lebensunterhalt finanzierten die drei unter anderem mit zahlreichen Banküberfällen. Zuletzt lebten sie in einer gemeinsamen Wohnung in Zwickau. Als Mundlos und Böhnhardt sich töteten, um nach einem Banküberfall der Festnahme zu entgehen, zündete Zschäpe die Wohnung an. Am 8. November 2011 stellte sie sich der Polizei.

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