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19.03.2011

18:25 Uhr

Nach AKW-Abschaltungen

Die Debatte um höhere Strompreise ist eröffnet

Mit Biblis A ist auch der letzte der sieben ältesten Atommeiler vom Netz gegangen. Spekulationen über Stromausfälle und Rufe nach einem schnellen Ausbau des Ökostroms heizen nun die Debatte über höhere Strompreise an.

Als letzter der sieben Atom-Meiler ist nun auch Biblis A vom Netz gegangen. Quelle: dpa

Als letzter der sieben Atom-Meiler ist nun auch Biblis A vom Netz gegangen.

BerlinDer Energiekonzern RWE gab am Samstag bekannt, dass das hessische AKW Biblis A vollständig heruntergefahren sei. Der Betreiber sei damit einer Anordnung des hessischen Umweltministeriums gefolgt. Mit Biblis A ist der letzte der insgesamt sieben deutschen Atommeiler, die vor 1980 in Betrieb gegangen waren, vom Netz.    

Die Bundesregierung hatte nach dem Reaktorunglück in Japan beschlossen, die sieben ältesten Reaktoren für drei Monate vom Netz zu nehmen. Bis Mitte Juni sollen diese Alt-AKW sowie alle übrigen Reaktoren einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen werden.  Die vor Ende 1980 in Betrieb genommenen Atomkraftwerke haben zusammen eine Leistung von rund 7000 Megawatt, etwa ein Drittel der Leistung aller 17 deutschen AKW.

Zwei der Meiler - Brunsbüttel und Biblis B - waren bereits vorher abgeschaltet gewesen. Zudem steht der nach 1980 ans Netz gegangene Reaktor in Krümmel seit einer Pannenserie 2007 still.   

Fragen und Antworten zum Atom-Moratorium

Stehen wir vor dem Einstieg in den Atomkraft-Ausstieg?

Außenhandelspräsident Anton Börner sagt „wahrscheinlich ja“, wenn auch nicht ganz kurzfristig. Er hat dabei Europa im Blick. Deutschland werde sicher den Vorreiter geben, sagte er schon früh in einem Reuters-Interview. Die Regierung will in den nächsten drei Monaten prüfen, wie es mit der Kernenergie in diesem Lande weitergehen soll.    

Kommt damit die deutsche Energieversorgung in Gefahr?

Knapp ein Viertel der deutschen Stromversorgung wird durch die Atomkraft sichergestellt. Dabei kommt knapp die Hälfte der Grundlast, also der Basisversorgung, aus der Kernenergie. Ob es hier zu Engpässen kommt, hängt von Anzahl und Dauer der Stillegungen ab.„Kurzfristig kann man insgesamt bis zu vier oder fünf Kernreaktoren vom Netz nehmen“, sagt die Energieexpertin des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert. Auch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle versichert: „Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist nicht gefährdet.“ Die Versorgung sei auch bei Abschaltung alter Anlagen hinreichend gegeben.    

Müssen wir mit Stromsperren rechnen?

Bei der Stilllegung von alten Anlagen und einem schrittweise Umsteuern gemäß dem alten Kompromiss zum Atomausstieg wären Stromsperren eher unwahrscheinlich.    

Drohen Verbrauchern und Industrie Preissteigerungen?

Allein wegen des Moratoriums und der Stilllegung alter Anlagen eher nicht. „Wir haben einen Stromüberschuss, es ist deshalb nicht mit steigenden Preisen zu rechnen“, sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn. Entschließt man sich aber zum vollkommenen Ersatz aller 17 deutschen AKW in den nächsten Jahren, hieße das Milliardeninvestitionen, die auch auf den Preis durchschlagen könnten. Um dies zu begrenzen, setzen Verbraucherschützer auf mehr staatliche Preisaufsicht und Regulierung.

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs warnt aber, werde der Strom deutlich teurer, gerate die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, besonders der energieintensiven wie der Chemie-, Papier- oder Aluminiumindustrie, in Gefahr. Wirtschaftsminister Brüderle hält sich zu dieser Frage noch zurück, bevor nicht alle Einzelheiten zu den Konsequenzen aus Japan gezogen sind. Auch der Bundesverband der Industrie und der DIHK halten sich noch bedeckt, warnen aber schon einmal.    

Welche Energieformen sollen die Atomenergie ersetzen?

Kurzfristig werden erneuerbare Energien das Loch, dass durch einen Ausfall der Stromerzeugung aus Kernenergie gerissen wird, nicht ausgleichen können. Damit dürfte vor allem Erdgas, das Deutschland insbesondere in hohem Maße aus Russland importiert und aus dem derzeit 14 Prozent des deutschen Stroms erzeugt wird, eine deutlich größere Rolle spielen. Neue Gaskraftwerke würden benötigt.

Ein Hochfahren der Stromproduktion aus Kohle erscheint wegen der relativ hohen Emissionen unwahrscheinlich. Und auch das Hochfahren von Öl als Energiequelle hat viele Risiken. Dazu reicht allein schon ein Blick auf die Unruhen im Ölland Libyen und die Folgen für den Ölpreis in den letzten Wochen. Die zweite, längerfristige Ersatzschiene für die Atomkraft sollen nach Einschätzung aller, auch der Bundesregierung, die erneuerbaren Energien sein. Am schnellsten und am relativ kostengünstigsten wäre der Ausbau der Windkraft zu Land.     

Das Abschalten alter Atomkraftwerke, Spekulationen über Stromausfälle und der Ruf nach einem schnellen Netzausbau für Ökostrom haben derweil die Debatte über höhere Strompreise weiter angeheizt. Die Atomkatastrophe in Japan führte offensichtlich zu einem Bewusstseinswandel beim Verbraucher.

Nach einer Emnid-Umfrage für „Focus“ unter 1000 repräsentativ ausgewählten Personen würden mehr als zwei Drittel der Bürger (69 Prozent) höhere Stromrechnungen in Kauf nehmen, wenn der Strom nicht mehr aus Kernenergie stammt.   

Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) dringt auf einen möglichst raschen Ausstieg aus der Kernenergie. „Die Konsequenz aus den Ereignissen in Japan muss sein: Wir müssen alles daran setzen, schneller aus der Kernenergie herauszukommen“, sagte Röttgen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Nun sei klar, dass die Laufzeiten der Kernkraftwerke auch immer Laufzeiten eines Restrisikos seien.

Kommentare (12)

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AndreAdrian

19.03.2011, 19:54 Uhr

höhere Stromrechnungen

Bevor der Verbraucher nach höheren Stromrechnungen fragt, sollte er zuerst nach den Gewinnen der Energieunternehmen fragen. Die Stilllegung der alten AKWs macht es den Energieunternehmen schwieriger, deutschen Strom in das Ausland zu exportieren. Den Export von deutschen Atomstrom habe ich nie gut gefunden - wir in Deutschland haben das AKW-Risiko, die Abnehmer im Ausland haben die Energie und die Konzerne haben den Gewinn.
Aber viele Jahre Propaganda durch RWE und Co haben ihre Spuren hinterlassen. Der deutsche Michel glaubt einfach nicht das die deutschen Energiekonzerne auch Exportweltmeister sind.

Armes_D

19.03.2011, 20:22 Uhr

Die neu zu bauenden Trassen stellen Sonntagsverbindungen dar, die ausschließlich mit der stark fluktuierenden Einspeisung aus Windenergie beaufschlagt werden. Dies bedeutet, dass die Leitungen zu 75% eines Jahres leerlaufen. Dem schlecht in Windenergie investierten Geld wird nun noch gutes Geld hinterhergeworfen. Wer für diesen energiewirtschaftlichen Blödsinn ist, kann nur ein von Panik getriebener, opportunistischer Politiker sein.
Wir sollten alles tun, um diesem Leitungsbau jeden nur erdenklichen Stein in den weg werfen.

Handelsblatt-Leser

19.03.2011, 20:51 Uhr

Ich dachte wir leben in einer Republik. Da entscheidet das Parlament und ggf. der Bundesrat über ein ordentliches Gesetz, welches dann zur Anwendung gebracht wird. Aber offenbar leben wir in einer Aristokratie, wo eine Kanzlerin mal eben so die Abschaltung von in privatem Eigentum befindlichen Reaktoren befehlen kann. Und zwei Drittel der Deutschen finden das angeblich gut.

Die Geschichte lehrt uns, daß Freiheit und Rechtsstaatlichkeit immer dann ein Ende fand, wenn es die Menschen selbst zugelassen haben.

Und zum Präsidenten des UBA: Ich weiß nicht, welche Bildung der Präsident des UBA genossen hat, aber offenbar hat er den wirtschaftlichen Sachverstand eines Erstklässlers bis heute noch nicht erreicht. Wenn ein Stromkonzern weniger Strom ins Ausland exportieren kann, sinken seine Einnahmen und damit sein Gewinn. Was glaubt eigentlich das UBA, was dann mit den Strompreisen geschieht?

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