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20.08.2015

14:20 Uhr

Nach Cyberangriff

Bundestag nimmt sich vom Netz

Ausgeforschte E-Mails? Offengelegte Geheimnisse? Ein Hackerangriff auf den Bundestag sorgte für große Verunsicherung. Jetzt wird dort das Computersystem überarbeitet – viele Fragen sind aber noch offen.

Nicht nur die Software wird aufgesetzt – auch zentrale Server werden ausgetauscht. dpa

Kurze Online-Pause

Nicht nur die Software wird aufgesetzt – auch zentrale Server werden ausgetauscht.

BerlinDer Bundestag zieht Konsequenzen aus dem schweren Hackerangriff: Das Computersystem des Parlaments wird für die kommenden Tage abgeschaltet und überarbeitet. Ziel sei ein „sauberes und sichereres System“, sagte Bundestagssprecher Ernst Hebeker am Donnerstag. Im Mai war bekanntgeworden, dass unbekannte Täter einen Trojaner in das IT-System geschleust und Daten abgezweigt hatten.

„Man muss davon ausgehen, dass der Bundestag für Monate ein offenes Buch für die Angreifer war“, sagte die Sprecherin des Chaos Computer Clubs, Constanze Kurz. Das sei peinlich für das Parlament. Die Bundestagsverwaltung müsse nun dafür sorgen, Sicherheitslücken zu schließen. „Das wird nicht einfach werden.“ Zudem müsse man die Parlamentarier gut informieren. „Der Nutzer ist immer ein Risiko.“

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Der US-Konzern AT&T hat der NSA jahrelang bereitwillig Daten geliefert. Unter den Kunden ist auch die Zentrale der Vereinten Nationen in New York. Auch in Deutschland hat der Konzern gute Kunden.

Auch der netzpolitische Sprecher der Grünen, Konstantin von Notz, spricht von einem „durchaus schwerwiegenden“ Angriff. Die Informationspolitik kritisierte er als „völlig unzureichend“. „So wissen wir bis heute nicht, welche Gremien von Datenabflüssen betroffen waren und welche Teile der IT-Infrastruktur nun ersetzt werden“, teilte er auf dpa-Anfrage mit.

Zu Details der Generalüberholung schweigt der Bundestag aus Sicherheitsgründen. Nach Informationen aus Parlamentskreisen wird aber nicht nur die Software neu aufgesetzt, sondern es werden auch zentrale Server ausgetauscht. Die Abgeordneten können vorerst nicht auf das System zugreifen, also zum Beispiel auf ihre Bundestags-E-Mails, die Terminverwaltung oder Unterlagen im Intranet.

Die Arbeiten fallen noch in die offizielle Sommerpause. Die Rechner sollten am Donnerstagabend runtergefahren werden. Voraussichtlich im Laufe des Montags soll das Computersystem dann wieder zur Verfügung stehen.

Wo die NSA im Ausland spioniert hat

Frankreich

Für Empörung sorgt diese Woche ein Bericht der französischen Tageszeitung „Le Monde“, wonach die NSA allein innerhalb eines Monats – zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 – 70,3 Millionen Telefonverbindungen in Frankreich überwachte. Bereits Anfang Juli hatte der britische „Guardian“ berichtet, der Geheimdienst habe unter anderem Frankreichs diplomatischen Vertretungen in Washington und bei den Vereinten Nationen in New York ausgespäht. Im September berichtete der „Spiegel“ auch von Spähangriffen gegen das französische Außenministerium in Paris.

USA

Die „Washington Post“ und der „Guardian“ berichten Anfang Juni, die NSA und die US-Bundespolizei FBI würden auf Serverdaten der großen Internetkonzerne wie Yahoo, Facebook, Google und Microsoft zugreifen. Der Name des geheimen Überwachungsprogramms: Prism.

Großbritannien

Der „Guardian“ berichtet Mitte Juni unter Berufung auf die Snowden-Dokumente, der britische Geheimdienst habe vor vier Jahren Delegierte von zwei in London stattfindenden G-20-Treffen ausgespäht. Ziele waren demnach die Delegationen Südafrikas und der Türkei. Die NSA soll bei der Gelegenheit versucht haben, ein Satelliten-Telefongespräch des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nach Moskau abzuhören.

EU und Uno

In seiner Ausgabe vom 1. Juli berichtet der „Spiegel“, die NSA habe in EU-Vertretungen in Washington, New York und Brüssel unter anderem Wanzen installiert. Auch sollen interne Computernetzwerke infiltriert worden sein. Ende August berichtet der „Spiegel“, die NSA habe auch die Zentrale der Vereinten Nationen in New York ausspioniert. Dem Geheimdienst gelang es demnach, in die interne Videokonferenzanlage der Uno einzudringen.

Brasilien

Der brasilianische Sender „Globo“ berichtet Anfang September, die NSA habe Telefonate und Internetkommunikation von Staatschefin Dilma Rousseff und ihren Mitarbeitern überwacht. Auch Unternehmen wie der Ölkonzern Petrobras und Millionen brasilianischer Bürger sollen ausgespäht worden sein. Verärgert verschiebt Rousseff einen für Oktober geplanten Staatsbesuch in den USA auf unbestimmte Zeit.

Mexiko

Der „Spiegel“ berichtet diese Woche, schon 2010 sei es einer NSA-Spezialabteilung gelungen, in das E-Mail-Konto des damaligen mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón einzudringen. Calderóns Nachfolger Enrique Peña Nieto forderte Anfang September Erklärungen von den USA, nachdem Globo berichtet hatte, die NSA habe ihn während des Wahlkampfs 2012 ausgespäht.

China

In einem Interview mit der Zeitung „South China Morning Post“ aus Hongkong gibt Snowden an, die NSA hätten chinesische Mobilfunk-Konzerne gehackt und Millionen von SMS ausgespäht. Demnach verübte die NSA auch Cyber-Attacken auf die Tsinghua-Universität in Peking. Dort sind sechs zentrale Netzwerk-Schaltstellen untergebracht, über die Chinas gesamter Internetverkehr läuft.

Bundestagspräsident Norbert Lammert warnte die Abgeordneten schon einmal vor, sie sollten sich rechtzeitig informieren, wie die Wiederanmeldung funktioniert. Er wolle verzweifelte Anrufe von Kollegen vermeiden, „sie hätten gehört, ab Montag wäre das System wieder verfügbar – sie kämen nur nicht rein“, hatte Lammert am Mittwoch in einer Sondersitzung des Bundestags erklärt. Die Abgeordneten müssen ihr Passwort ändern. Für das kompliziertere Verfahren bei Smartphones und Tablets gebe es eine Anleitung im Intranet, die man im Zweifelsfall ausdrucken möge.

Ursprünglich sollten die Arbeiten bereits vergangene Woche beginnen. Sie waren aber wegen der Sondersitzung zum neuen Griechenland-Hilfsprogramm verlegt worden. Was die Überarbeitung des IT-Systems kostet, ist bislang nicht bekannt. Auch die Ermittlungen zur Frage, wer hinter der Hackerattacke steckt, laufen noch.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Herr Manfred Zimmer

20.08.2015, 16:54 Uhr

"Bundestag nimmt sich vom Netz"

Versammelt er sich denn überhaupt noch einmal?
Nachdem aus Griechenland zu lesen ist, dass Tsipras zurücktritt und Neuwahlen ausgeschrieben werden, muss doch jedem klar sein, dass gestern und heute ein abgekadertes Spiel im Deutschen Bundestag abgelaufen ist. Dazu völlig passend, dass die deutsche Kanzlerin sich im Ausland aufhält.

Wer gestern noch zweifelte, ob die Deutschen je das Geld an Griechenland je wiedersehen, der hat heute die Antwort ganz klar auf der Hand.


M.E. gilt jetzt unsere größte Sorge unseren deutschen Bundestagsabgeordneten, die gestern für das Hilfs-"Paket" stimmten, und ihren Familien. Hoffen wir, dass sie damit klar kommen, dass sie die deutschen Steuerbürger um so viel betrogen haben, wie noch niemand vor ihnen.

Dieser im Beitrag genannte Cyberangriff dürfte wohl ein "Mückenschiss" dagegen sein. Dieser "Cyberangriff" von gestern und die anderen Kredite an Griechenland zuvor war ein Nichts gegen den Schaden, den Hacker angerichtet haben und anrichten konnte.

Wir dürfen uns nicht wundern, wenn verantwortungsbewusste Politiker die Konsequenzen ziehen.

Herr Wolfgang Trantow

21.08.2015, 12:25 Uhr

Es wird sich nichts ändern. Die selben unfähigen, versagenden Experten dürfen ungestraft weiter uns schaden! Wo sind die ersten fristlosen Entlassungen?

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