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11.12.2013

14:43 Uhr

Nach Einführung

Mehr als 100.000 Anträge auf Betreuungsgeld

Politisch war das Betreuungsgeld hochumstritten, immer mehr Eltern nehmen es nun in Anspruch. Mehr als 100.000 Anträge gibt es bislang. Das Interesse ist im Westen deutlich höher als im Osten.

Das Betreuungsgeld können Eltern beantragen, die für ihre Kleinkinder weder einen Kita-Platz noch eine staatlich geförderte Tagesmutter beanspruchen. dpa

Das Betreuungsgeld können Eltern beantragen, die für ihre Kleinkinder weder einen Kita-Platz noch eine staatlich geförderte Tagesmutter beanspruchen.

BerlinVier Monate nach Einführung des Betreuungsgeldes steigt die Nachfrage nach der Leistung kontinuierlich. Bislang haben sie mehr als 100.000 Eltern beantragt. Das ergab eine Umfrage der „Passauer Neuen Presse“ (Mittwoch) bei den zuständigen Ministerien und Behörden der 16 Bundesländer. Das Betreuungsgeld ist eine Leistung für Eltern, die für ihre Kleinkinder weder einen Kita-Platz noch eine staatlich geförderte Tagesmutter in Anspruch nehmen.

Im Westen ist die Nachfrage bislang deutlich höher als im Osten: Spitzenreiter bei den Anträgen ist Nordrhein-Westfalen mit 27.784 Anträgen bis zum 6. Dezember. Dahinter folgen Bayern mit knapp 25.000 Anträgen (Anfang Dezember) und Baden-Württemberg mit 22 034 Anträgen bis Ende November.

So funktioniert die Kinderbetreuung im Ausland

USA

Von einem Rechtsanspruch auf Kinderbetreuungsplätze sind Eltern in den USA weit entfernt. Viele haben nicht einmal eine Garantie auf unbezahlte Elternzeit. Landesweiter gesetzlicher Mindeststandard sind zwölf Wochen unbezahlte Freistellung rund um die Geburt - aber nur für Eltern in Firmen mit mehr als 50 Angestellten. Mütter in Kleinbetrieben haben überhaupt keinen gesetzlichen Schutz. Wenn sie nicht sofort nach der Geburt wieder arbeiten, können sie ihren Job verlieren. Einige Bundesstaaten haben aber großzügigere Gesetze.

Schweden

In Schweden gingen im vergangenen Jahr 77 Prozent der Ein- bis Dreijährigen in einen Kindergarten. Auch hier gibt es einen Rechtsanspruch ab dem ersten Jahr, vorausgesetzt beide Eltern arbeiten oder studieren. Die Kommunen haben Schwierigkeiten, dem hohen Bedarf an Betreuungsplätzen gerecht zu werden. Vielerorts dienen Containermodule als provisorische Kindergärten. Eltern zahlen für den Kindergarten maximal 137 Euro im Monat. Die Vorschule im letzten Jahr vor der Einschulung ist gratis. Das Betreuungsgeld wird kaum angenommen. 81 Prozent der schwedischen Mütter arbeiten.

Großbritannien

In Großbritannien haben Kinder ab dem dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf 15 Stunden kostenlose Betreuung pro Woche in einer staatlichen Kita. Wer sein Kind privat unterbringt, bekommt einen finanziellen Ausgleich. Für Kinder von Eltern mit wenig Geld gilt der Rechtsanspruch bereits ab dem zweiten Lebensjahr. Ab drei Jahren gehen sie kostenlos in die Vorschule.

Frankreich

Frankreich gilt in Europa als Kinderbetreuungsparadies. Es gibt umfassende staatliche Förderungen wie etwa Geburtsbeihilfe, Steuererleichterungen und Kindergeld. Hinzu kommen Zuschüsse für Lernmittel, Wohngeld oder Hilfen für Alleinerziehende. Familien mit zwei und mehr Kindern können Steuererleichterungen und weitere Zulagen bekommen. Krippen nehmen Kleinkinder ab zwei Monaten auf.

Belgien

In Belgien gibt es kein verbrieftes Recht auf einen Krippen- oder Kitaplatz – die Chancen der Eltern auf einen Platz für ihr Kind sind aber durchwegs gut. Landesweit sind etwa 40 Prozent der unter Dreijährigen untergebracht. Eltern müssen für den Krippenplatz ihres ersten Kindes mit rund 250 Euro pro Monat rechnen. Mit zweieinhalb Jahren wechseln praktisch alle belgischen Kinder in die Vorschule.

Russland

Die russische Verfassung garantiert Kindern einen Platz in einer Krippe oder einem Kindergarten. Experten kritisieren allerdings, mit der Realität habe das wenig zu tun. Derzeit warten rund 1,3 Millionen Kinder auf einen Betreuungsplatz. Um einen der begehrten Plätze zu bekommen, zahlen manche Eltern Schmiergeld – geschätzt rund 2.500 Euro. In vielen Kommunen gibt es allerdings eine Art Betreuungsgeld: monatlich 5.000 Rubel (rund 125 Euro).

Tschechien

Die Zahl der Kitas ist wegen mangelnder Nachfrage seit dem Ende des Sozialismus dramatisch gesunken. Anfang der 1990er Jahre gab es landesweit noch 1.000 Krippen für unter Dreijährige, inzwischen sind es nur noch 45. Einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gibt es erst im letzten Jahr vor Schulbeginn.

Österreich

In Österreich gibt es eine Kindergartenpflicht: Alle fünfjährigen Kinder müssen in der Alpenrepublik für ein Jahr an mindestens vier Tagen pro Woche in den Kindergarten gehen. Der Besuch ist dann landesweit gratis.

Griechenland

In Griechenland hat jedes Kind ab sechs Monaten einen Anspruch auf einen Kitaplatz. Bei der Vergabe der Plätze werden das Einkommen und andere soziale Kriterien berücksichtigt. Wer mehr verdient und sein Kind in einen öffentlichen Kindergarten schicken will, muss je nach Einkommen einen Beitrag von 50 bis 500 Euro im Monat zahlen. Um den Bedarf zu decken, werden zusätzliche Kitaplätze mit EU-Mitteln subventioniert.

Australien

Kinderbetreuung in Down Under ist sehr teuer. Ein Kita-Platz kostet im Schnitt umgerechnet 1.650 Euro pro Monat. Die Plätze sind trotzdem knapp. Neben einer Einmalzahlung zur Geburt überweist der Staat viereinhalb Monate den Mindestlohn als Elterngeld. Das sind immerhin rund 1.700 Euro im Monat.

In Hessen belief sich die Zahl der Betreuungsgeld-Anträge demnach auf 9.189, in Rheinland-Pfalz auf 4108, allerdings zum Stichtag Ende Oktober. In Schleswig-Holstein waren es Ende November/Anfang Dezember 4.041 Anträge, in Hamburg 2.076, in Thüringen 1.641, im Saarland 1.401, in Bremen 713, in Brandenburg 624, in Mecklenburg-Vorpommern 603 und in Sachsen-Anhalt 370. Die Behörden in Berlin und Sachsen bestätigten der Zeitung für Ende Oktober 962 beziehungsweise 2423 Antragsteller. Niedersachsen machte keine Angaben.

Seit dem 1. August werden den Eltern pro Kind 100 Euro monatlich gezahlt, ab 1. August 2014 gibt es 150 Euro. Das Geld wird nur für Kinder bezahlt, die ab dem 1. August 2012 geboren wurden. Bundesweit müssen nach Auskunft der Behörden auch eine beträchtliche Zahl von Anträgen abgelehnt werden, weil die Kinder vor dem Stichtag geboren worden waren.

Das Betreuungsgeld war von der CSU durchgesetzt worden. Die SPD verlangte im Wahlkampf die Abschaffung der Familienleistung, konnte sich aber mit der Forderung in den Koalitionsverhandlungen nicht durchsetzen.

Von

dpa

Kommentare (4)

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staremperio

11.12.2013, 15:22 Uhr

Wahrscheinlich von bildungsfernen Immigrantenfamilien die somit noch mehr Sozialleistung abgreifen und sich gleichzeitig noch weniger integrieren.

hcbrinker

11.12.2013, 16:11 Uhr

Endlich die Wahrheit: Eltern wollen Betreuungsgeld, weil es eine Anerkennung der eigenen Erziehungsleistung im Unterschied zur staatlichen betreuung darstellt. Wenns mehr Geld gäbe, würden noch mehr Eltern auf die sündhaft teure Krippe verzichten!

Account gelöscht!

11.12.2013, 18:23 Uhr

Wirklich aussagekräftig wären diese Zahlen nur, wenn noch ausreichend freie Kitaplätze in erreichnarer Nähe der Wohnungen zur Verfügung stünden, also tatsächlich die freie Wahl zwischen Kitaplatz und Betreuungsgeld bestehen würde. Wer keinen Kitaplatz bekommt, wäre dumm, auf das Betreuungsgeld zu verzichten, wobei dies jedoch das Betreungsgeld zur Herdprämie reduziert.

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