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17.10.2012

12:36 Uhr

Nach Energie-Engpässen

Bund will Kraftwerke wegen Blackout-Gefahr am Netz halten

Vergangenen Winter war die Auslastung des deutschen Stromnetzes enorm. Reservekraftwerke hielten das Netz am Laufen. Um einen Blackout zu vermeiden, soll nun die Stilllegung alter Kraftwerke per Gesetz verboten werden.

Die Leistung heruntergefahrener Atomkraftwerke wie hier das AKW Biblis fehlt besonders in der kalten Jahreszeit im Stromnetz. dpa

Die Leistung heruntergefahrener Atomkraftwerke wie hier das AKW Biblis fehlt besonders in der kalten Jahreszeit im Stromnetz.

BerlinZur Vermeidung von Stromausfällen will die Bundesregierung die Stilllegung von Kraftwerken notfalls per Gesetz verbieten. Das Bundeskabinett beschloss nach Angaben aus Regierungskreisen am Mittwoch Regelungen, wonach Betreiber von systemrelevanten Anlagen gezwungen werden können, das Kraftwerk für bis zu zwei Jahre betriebsbereit zu halten. Dafür wird der Versorger dann entschädigt. Zudem soll im Energiewirtschaftsrecht verankert werden, dass die Stilllegung eines Kraftwerks der Bundesnetzagentur mindestens zwölf Monate vorher gemeldet werden müsse.

Um Engpässe bei Gaskraftwerken wie im vergangenen Winter zu verhindern, sollen die Betreiber zudem verpflichtet werden, ihre Versorgung mit Brennstoff sicherzustellen. Hintergrund ist, dass einige Betreiber Verträge abgeschlossen haben, wonach in Einzelfällen ihre Belieferung mit Gas ausgesetzt werden kann. Dies war ein Grund, warum im vergangenen Winter Reservekraftwerke die Lücke füllen mussten.

Diese hatte die Netzagentur unter Vertrag genommen, um Stromengpässe vor allem in Süddeutschland nach der Abschaltung der älteren Atomkraftwerke zu verhindern. Mit den Neuregelungen soll dieses Vorgehen nun auch auf eine gesetzliche Basis gestellt werden. Die Kosten des gesamten Pakets werden über die Netz-Umlage auf die Verbraucher verteilt. Für einen Durchschnittshaushalt bedeute dies eine Mehrbelastung von etwa zwei Euro im Jahr, hieß es im Wirtschaftsministerium.

Nachdem im vergangenen Winter rund 1.600 Megawatt-Leistung als Reserve von der Netzagentur unter Vertrag genommen worden waren, werden es dieses Jahr über 2000 Megawatt sein. Die Lage hat sich noch einmal verschärft, weil Versorger wie E.ON erwägen, einzelne Kraftwerke aus betriebswirtschaftlichen Gründen vom Netz zu nehmen. Da Strom aus Wind oder Sonne einen immer größeren Anteil am Markt einnimmt, laufen Gas- oder Kohlekraftwerke weniger und werden unwirtschaftlicher.

Wie Netzagentur und Betreiber den Netzausbau stemmen

Ausbau ist zentrales Thema

Der Ausbau der Stromnetze ist ein zentrales Thema der Energiewende. In Zukunft muss verstärkt Strom transportiert werden, etwa von den Windkraftanlagen an der Nordsee zu den Verbrauchern in Süddeutschland. Die Planung des Stromnetzes der Zukunft ist ein komplizierter Prozess, an dem die Bundesnetzagentur und die vier großen Übertragungsnetzbetreiber beteiligt sind.

Am Dienstag informierte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über den Stand des Ausbaus der Stromnetze.

Netzplanung

Die Planungen zum Netzausbau konzentrieren sich derzeit auf bestehende und künftig notwendige Stromautobahnen, die nötig sind, um Energie durchs Land zu transportieren. Dabei handelt es sich um das sogenannte Höchstspannungsnetz. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Tennet, Amprion und TransnetBW haben den Bedarf an Leitungen für die nächsten zehn Jahre ermittelt.

Sie überreichten der Kanzlerin nun den Entwurf eines "nationalen Netzentwicklungsplans", mit dem das Netz für die Zukunft gerüstet werden soll. Der Plan soll am Mittwoch vorgestellt und danach öffentlich diskutiert werden.

Transporttrassen

Ist die grobe Planung des künftigen Netzes fertig, schlagen die Netzbetreiber dann im Detail vor, wo und wie das Netz verstärkt oder ausgebaut werden soll. Die Firmen müssen Korridore festlegen, in denen sie Stromtrassen verlegen wollen, und Alternativen vorstellen. Auch die erwartbaren Folgen für Mensch und Umwelt müssen aufgezeigt werden.

Die Netzbetreiber verfeinern dann immer weiter ihre Pläne - etwa bis auf die Ebene der Standorte einzelner Strommasten -, stellen diese öffentlich zur Diskussion und müssen sie zudem von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen.

Stromleitungen

Bislang bestehen die Höchstspannungsnetze nach Angaben der Bundesnetzagentur ausschließlich aus Überlandleitungen. Diese sind vergleichsweise kostengünstig und einfach zu warten. Nachteil ist allerdings, dass sie das Landschaftsbild durch ihre Größe beeinträchtigen und Tiere verschrecken können.

Zudem sind sie witterungsanfällig. Derzeit wird auch die Verlegung unterirdischer Erdkabel erprobt. Diese sind zwar wetterunempfindlich und stören nicht in der Landschaft. Dafür ist das Verlegen aufwändig, Reparaturen kompliziert sowie die Kosten deutlich höher.

Voll wirksam werden die Regelungen allerdings wohl erst im Winter 2013/14, da das Gesetz nach derzeitiger Planung erst Anfang 2013 in Kraft treten könnte. Ersetzt werden könnte das Vorhaben noch durch eine freiwillige Selbstverpflichtung der Energiebranche. Hier waren die Gespräche zuletzt aber ins Stocken geraten. Die Bundesregierung will die Regelungen aber schnell in Kraft setzen. Das Kabinett beschloss daher sogenannte Formulierungshilfen für die Fraktionen, die in die laufenden Beratungen des Energiewirtschaftsrechts zum Offshore-Strom einfließen sollen. Dies beschleunigt das Verfahren.

Von

rtr

Kommentare (8)

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blosseinbuerger

17.10.2012, 13:16 Uhr

Ein weiterer unverschämter Griff der Politik in die Taschen der Bürger. Nachdem wir bisher die satten Profite der Solaranlagenbetreiber, das Risiko des Netzanschlusses von Hochseewindparks, den Netzausbau für die sogenannten Erneuerbaren zahlen dürfen, hat die Politik nunmehr eine weitere Abgabe im Sinn. Für die Bereitstellung von Reserveleistungen erhalten die Betreiber, zurecht, eine Entschädigung. Zahlen müssen nicht die, die das Problem verursachen, sondern einmal mehr der Verbraucher. Wie wäre es, wenn die Rendite der Betreiber der Erneuerbaren auf 5% begrenzt würde. Für ein quasi risikoloses Geschäft wäre das eine erklägliche Rendite. Diese Deckelung bliebe solange bestehen, bis die Netze ausgebaut sind, alle notwendigen Reservekraftwerke vorhanden sind und alle weiteren umgelegten Kosten beglichen sind. Doch ich fürchte, dies bleibt nur ein Traum. Der ökoindustrielle Komplex und mit ihn seine Profiteure werden alles versuchen, dies zu verhindern. Verantwortliche Politik für alle sieht anders aus.

Account gelöscht!

17.10.2012, 13:18 Uhr

"Vergangenen Winter war die Auslastung des deutschen Stromnetzes enorm. Reservekraftwerke hielten das Netz am Laufen. Um einen Blackout zu vermeiden, soll nun die Stilllegung alter Kraftwerke per Gesetz verboten werden."

Planwirtschaft vom Feinsten. Fahrt die AKW's wieder hoch und streicht die EEG und macht erst einmal eine vernünftige Planung. Die fehlenden 4500 km Netz, überirdisch und an die siebziger Jahre erinnernd, will kein Mensch.

merxdunix

17.10.2012, 14:22 Uhr

Aua! Gibt das jetzt (bezahlte) Zwangsarbeit für Kraftwerker?! Aber unsere Politiker können es ja gar nicht besser. Wenn einer nicht genug Scheiße baut, wird er eben zwangsernährt, siehe Griechenland- und Bankenrettung oder Länderfinanzausgleich.

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