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21.11.2016

17:19 Uhr

Nach Kundenschelte von VW-Chef Müller

Politiker fordern von Großaktionär mehr Härte gegen VW-Spitze

VonDietmar Neuerer

In der VW-Debatte gerät das Land Niedersachsen unter Druck. Nachdem Konzernchef Müller betrogene VW-Kunden kritisiert hat, soll nun der Großaktionär des Autobauers einschreiten. Unmut regt sich in allen Parteien.

Der VW-Konzernchef Matthias Müller (l.) und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD): Das Land Niedersachsen hat mit 20 Prozent der VW-Stammaktien ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen des Autobauers. AFP; Files; Francois Guillot

Müller und Weil.

Der VW-Konzernchef Matthias Müller (l.) und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD): Das Land Niedersachsen hat mit 20 Prozent der VW-Stammaktien ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen des Autobauers.

BerlinNach kritischen Äußerungen des VW-Chefs Matthias Müller zu Kunden in Europa, die vom Dieselskandal betroffen sind, ist der Ruf nach einem Einschreiten des VW-Großaktionärs Niedersachsen laut geworden. „Die Zurückhaltung von Niedersachsens Ministerpräsident Weil als Anteilseigner von VW ist für mich nicht nachvollziehbar. Da wären klare Worte des Landes Niedersachsen angebracht“, sagte der Vize-Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs, dem Handelsblatt.

„Wenn ein Vorstandsvorsitzender seinen Kunden Vorwürfe macht, dann ist das kontraproduktiv und offenbart eine Haltung, die sich am Ende des Tages nicht auszahlt“, kritisierte Fuchs. „Ein Unternehmen muss sich auch dem Kaufverhalten seiner Kunden anpassen, nicht anders herum.“ Auch hätte er von den Sozialdemokraten erwartet, „dass sie die Boni-Zahlungen an die VW-Manager verhindern, die den Abgas-Skandal mit zu verantworten haben“.

Was der Zukunftspakt für die VW-Standorte bedeutet

Wolfsburg

Bis 2020 sollen am Stammsitz rund 1000 Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern entstehen. Der nächste Golf 8 für die USA soll in Wolfsburg gefertigt werden, außerdem ein SUV für die spanische Tochter Seat. In anderen Bereichen läuft die Fertigung bis 2022 aus – unter anderem beim Lenkstangenrohr und der Räderfertigung.

Kassel

Das größte Teilewerk des Konzerns soll im VW-Konzern das Leitwerk für den Elektro-Antriebsstrang werden – samt Entwicklungsaufgaben. Zudem sollen in Nordhessen auch mehr Ersatzteile gefertigt werden.

Salzgitter

Das Motorenwerk in Salzgitter gilt als einer der Verlierer aufkommender E-Antriebe. Der Standort soll daher die Federführung bei der Entwicklung von Batteriezelltechnologien erhalten und – soweit wirtschaftlich tragbar – auch die Serienfertigung der Zellen. Die Produktion von Hauptkomponenten für E-Motoren soll sich Salzgitter mit Kassel teilen.

Emden

Ab 2019 soll Emden ein viertes Modell bekommen, um die Auslastung des Werkes an der Küste zu sichern. Im Zuge der Abgasaffäre hatte VW im März angekündigt, die Verträge von 2150 Leiharbeitern nicht zu verlängern.

Hannover

Die Gießerei und der Bereich Wärmetauscher standen auf dem Prüfstand, bleiben aber erhalten und sollen auch Komponenten für die E-Antriebe der Zukunft liefern. Zudem wird in der Gießerei der 3D-Druck von Teilen angesiedelt. In beiden Bereichen fallen jedoch Stellen weg.

Braunschweig

Das Werk bekommt die Entwicklung für Batteriesysteme in den Produktionsbaukästen des Konzerns sowie die Montage von einigen Batterien. Zudem soll die Produktion von Lenkungen ausgebaut werden. Die Kunststofffertigung wird dagegen bis 2021 eingestellt, auch Fahrwerke werden wohl Arbeit verlieren.

Zwickau

Neue Golf-Modelle sollen auch weiter in Zwickau gebaut werden, zudem soll das Werk ein Elektromodell erhalten. Dennoch wird die Zahl der Beschäftigten sinken.

Auch die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Recht und Verbraucherschutz, Renate Künast, sieht Niedersachsen am Zug. Vom zweitgrößten VW-Eigner erwarte sei, „dass er ein Interesse daran hat, dass Konzerne Verbraucher nicht einfach konsequenzenlos hinters Licht führen können“, sagte die Grünen-Politiker dem Handelsblatt. Der VW-Konzern habe deutsche Verbraucher getäuscht. Sie hätten beim Kauf Autos mit anderen Abgaswerten erhalten als ihnen zugesagt worden sei. „Dafür müssen sie entschädigt werden. Es ist mir unerklärlich, dass dem VW Chef dafür die Einsicht fehlt“, so Künast.

Der Grünen-Wirtschaftsexperte Dieter Janecek forderte von der Landesregierung in Hannover ebenfalls klare Worte. „Verbraucherbeschimpfung ist genauso wenig hilfreich wie Wählerbeschimpfung“, sagte der Bundestagsabgeordnete dem Handelsblatt.

Harte Konsequenzen für die Konzernspitze brachte der stellvertretende Bundesvorsitzende der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Christian Bäumler, ins Spiel. „Müller gefährdet mit der Beleidigung von Kunden Arbeitsplätze“, sagte Bäumler dem Handelsblatt. „Das Land Niedersachsen muss im Interesse der Arbeitnehmer klären, ob Volkswagen mit diesem Vorstandschef noch eine Zukunft hat. Manager, die so auftreten wie Müller, unterminieren die soziale Marktwirtschaft in Deutschland.“

Die niedersächsische Landesregierung verwies auf eine Stellungnahme von Niedersachsens Wirtschaftsminister und VW-Aufseher Olaf Lies. „Ich halte die Äußerung für mehr als ungeschickt“, sagte der SPD-Politiker und betonte: „Das ist der völlig falsche Weg.“ VW habe das aber nun verstanden. war zunächst keine Stellungname zu bekommen.

Das SPD-geführte Verbraucherschutzministerium in Berlin wollte sich nicht zu Müller äußern und verwies auf eine Kommentierung des Parlamentarischen Staatssekretärs Ulrich Kelber (SPD) bei Twitter. „Ob bei dem Fehlverhalten des VW-Managements Kundenschelte das Richtige ist? Habe da berechtigte Zweifel“, schrieb Kelber am Sonntag in dem Kurznachrichtendienst.

Müller hatte zuvor die Position des Autobauers bekräftigt, vom Dieselskandal betroffenen VW-Kunden in Europa keine ähnlichen Entschädigungen zu zahlen wie in Amerika. „Man kann das nicht über einen Kamm scheren, denn die Ausgangssituation ist völlig unterschiedlich“, sagte Müller der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. „Den Kunden in Europa entsteht kein Nachteil, weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften. Und wenn ich das anfügen darf: Auf der einen Seite kritisieren viele die amerikanische Gesetzgebung in anderen Zusammenhängen, siehe TTIP. Wenn es aber darum geht, selbst Vorteile daraus zu ziehen, scheint das amerikanische Recht auf einmal der richtige Weg zu sein.“

Kommentare (4)

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Frau Pia Paff

21.11.2016, 15:57 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Otto Lehmann

21.11.2016, 16:12 Uhr

und wer geht mit Härte gegen Politiker vor?

Herr Eduardo Lopez

21.11.2016, 16:30 Uhr

Was dem aktuellen VW-Vorstand fehlt: Kundenorientierung. An was erinnert mich das? An Publikumsbeschimpfung, ein Schauspiel von Peter Handke, dass am 8. Juni 1966 in Frankfurt am Main im Theater am Turm unter der Regie von Claus Peymann uraufgeführt wurde. Die Ausführungen von Herrn Müller sind ein Schlag ins Gesicht der Kunden mit vergleichbaren Character wie das vorgenannte Schauspiel. Das sollte doch potenziellen Autokäufern, die bisher schon fast aus Tradition ein Produkt aus dem Konzern VW gekauft haben, zu denken geben. Auch andere Mütter haben schöne Töchter.

Zum Aufsichtsrat: Hier bestimmt eindeutig der Familienclan Porsche/Piech und der sagt was läuft. In der Tat: Man sollte eine Wiederberufung von Wendelin Wiedeking in Erwägung ziehen.

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