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04.03.2013

15:04 Uhr

Nach Schweizer Anti-Abzocke-Votum

Deutsche Politik schießt sich auf Manager ein

Das Schweizer Volksvotum zur Deckelung von Managergehältern mischt die Wahlkämpfer in Deutschland auf. Selbst die Koalition sieht Regelungsbedarf – allerdings nicht in der von der Opposition geforderten Schärfe.

Manager-Boni: Der Schweizer Königsweg

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BerlinNach dem Schweizer Bürgervotum gegen überzogene Manager-Gehälter wird auch in Deutschland der Ruf nach schärferen Gesetzen lauter. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle plädierte am Montag dafür, noch bis zur Bundestagswahl im September eine neue Regelung zu finden. Ähnlich äußerte sich Joachim Poß, der Vize-Fraktionschef der SPD. Im Kampf gegen exzessive Manager-Gehälter müssten die deutschen Gesetze verschärft werden, sagte er Reuters.

Der Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, Norbert Walter-Borjans (SPD), erhob schwere Vorwürfe gegen die deutsche Wirtschaft. „In den Topetagen der Wirtschaft hat sich vielerorts ein Selbstbedienungswettbewerb mit gleichzeitigem Ausschluss jedes Haftungsrisikos breitgemacht, mit dem der Höhenflug der Vergütungen noch immer gerechtfertigt wird“, sagte Walter-Borjans Handelsblatt Online. „Viele Verträge sind zunehmend zu einer höchstdotierten Rundumversicherung bis ans Lebensende geraten, die auch bei unternehmerischem Misserfolg goldene Nasen garantieren.“

Gehälter ausgewählter Dax-Chefs 2012

Infineon - Reinhard Ploss / Peter Bauer

Zum Ende des Infineon-Geschäftsjahrs (30. September 2012) wechselte auch der Vorstandschef. Reinhard Ploss übernahm von Peter Bauer den Posten.

Bauer hatte 2011/12 insgesamt 2,9 Millionen Euro verdient und damit etwas deutlich weniger als 2011 (3,7 Millionen Euro).

Kurt Bock - BASF

Der Chef des Chemiekonzerns, Kurt Bock, verdiente mit 5,29 Millionen Euro im Jahr 2012 nahezu unverändert im Vergleich zum Vorjahr. Er hatte sein Amt im Mai 2011 angetreten.

Marijn Dekkers - Bayer

Marijn Dekkers, Niederländer an der Spitze des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer, hat im Jahr 2012 insgesamt 5,06 Millionen Euro verdient, nach 4,49 Millionen Euro im Vorjahr.

Stefan Heidenreich - Beiersdorf

Ende April hatte Stefan Heidenreich beim Kosmetikkonzern Beiersdorf das Amt des Vorstandschefs übernommen. Im Jahr 2012 verdiente er 2,6 Millionen Euro.

Herbert Hainer - Adidas

Das Adidas-Ergebnis fiel 2012 vor allem wegen eines schwachen Geschäfts der Marke Reebok nicht so rosig aus. Adidas-Chef Herbert Hainer verdiente 2012 insgesamt 4,18 Millionen Euro und damit 28 Prozent weniger als 2011 (5,14 Millionen Euro).

Heinrich Hiesinger - Thyssen-Krupp

Bei Thyssen-Krupp kämpft Vorstandschef Heinrich Hiesinger mit der Aufarbeitung diverser Skandale und Fehlinvestitionen. Im Geschäftsjahr 2011/2012 (bis 30. September) verdiente er 3,85 Millionen Euro.

Karl-Ludwig Kley - Merck

Der Vorstandschef des Pharmakonzern verdiente 2012 insgesamt 5,52 Millionen Euro und damit fast ein Drittel mehr als 2011 (4,2 Millionen Euro).

Peter Löscher - Siemens

Der Österreicher verdiente im Geschäftsjahr 2011/2012 insgesamt 7,87 Millionen Euro, im Jahr zuvor waren es 8,74 Millionen Euro.

René Obermann - Deutsche Telekom

Ende 2013 gibt René Obermann sein Amt an den jetzigen Finanzvorstand Timotheus Höttges weiter. Obermann verdiente 2012 insgesamt 3,78 Millionen Euro und damit nahezu unverändert so viel wie 2011 (3,85 Millionen Euro).

Wolfgang Reitzle - Linde

Der Linde-Chef hat gesagt, kein Interesse an einer Vertragsverlängerung zu haben. Im Jahr 2012 verdiente er bei dem Industriegase-Spezialisten 6,9 Millionen Euro, fast genau so viel wie ein Jahr zuvor.

Kasper Rorsted - Henkel

Der dänische Chef des Konsumgüter- und Klebstoffkonzerns Henkel, Kasper Rorsted, hat im Jahr 2012 insgesamt 6,18 Millionen Euro verdient, ein sattes Plus von fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr (4,79 Millionen Euro).

Peter Terium – RWE

Zur Jahresmitte 2012 hatte Peter Terium den Spitzenposten beim Energiekonzern RWE angetreten. Er verdiente im Jahr 3,8 Millionen Euro, ein sinnvoller Vergleich zum Vorjahr ist nicht möglich.

Martin Winterkorn - Volkswagen

Der VW-Chef erhält rund 14,5 Millionen Euro für das abgelaufene Jahr (2012) und damit 5,5 Millionen weniger, als ihm nach den zuletzt gültigen Kriterien zugestanden hätten.

Damit will VW verhindern, erneut ins Zentrum einer Diskussion um hohe Managementbezüge zu geraten wie 2011, als Winterkorn mehr als 17 Millionen Euro verdiente.

Dieter Zetsche - Daimler

Der Daimler-Vorstandschef hat im vergangenen Jahr inklusive Aktienoptionen 8,15 Millionen Euro verdient. Das war etwas weniger als 2011 (8,65 Millionen Euro).

Quelle

Geschäftsberichte / Hostettler, Kramarsch & Partner

Mit Markt habe das schon lange nichts mehr zu tun, kritisierte der Minister. „Mir kann niemand erzählen, dass sich unterhalb eines gesicherten Millionengehalts keine erfahrenen Menschen mehr finden lassen, die ein Unternehmen mit dem notwendigen Engagement führen würden.“ Es sei daher „dringend“ nötig, dass die vorhandenen Ansätze für eine Deckelung der Managergehälter, vor allem aber für eine Einbeziehung der Aktionäre, mit Nachdruck weiter entwickelt würden. „Ziel muss es sein, Topgehälter nicht nur zu veröffentlichen, sondern den Einfluss der Aktionäre auch vor Vertragsabschluss zu gewährleisten“, sagte Walter-Borjans.

Den Schweizern sollte der Minister „Respekt“ für ihre erfolgreiche Volksinitiative. „Das ist ein Signal mit Aufforderungscharakter weit über die Alpenrepublik hinaus“, betonte der SPD-Politiker. „Die Abzocke durch explodierende Topgehälter von Managern, die von darauf spezialisierten Anwälten beraten werden, ist kein Phänomen, das auf die Schweiz begrenzt ist.“

Schärfere Kontrolle von Managergehältern

Video: Schärfere Kontrolle von Managergehältern

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Auch Linke und Grüne wollen Grenzen für Vorstandsvergütungen. Der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Bundestag, Jürgen Trittin, konkretisierte Überlegungen seiner Fraktion für ein härteres Vorgehen gegen überzogene Managergehälter. „Wir brauchen so schnell wie möglich eine Begrenzung der steuerlichen Absetzbarkeit von Managergehältern auf 500.000 Euro“, sagte Trittin Handelsblatt Online. „Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass der Steuerzahler in Deutschland für die Gehaltsexzesse der Chefetagen mitbezahlt“, betonte der Grünen-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl und fügte hinzu: „Von der Schweiz lernen heißt sparen lernen.“

Die Schweizer hatten am Wochenende mit fast 68 Prozent für eine "Volksinitiative gegen die Abzockerei" gestimmt. Diese zielte darauf ab, dass künftig Aktionäre in der Hauptversammlung jedes Jahr neu über die Höhe der Manager-Vergütungen von börsennotierten Firmen entscheiden. Bisher ist das Sache der Verwaltungsräte. Antritts- und Abgangszahlungen soll es zudem überhaupt nicht mehr geben. Bei Verstößen drohen hohe Geldbußen und Freiheitsstrafen.

Deutsche Politiker quer durch alle Parteien äußerten Verständnis für den Unmut vieler Bürger über Millionen-Gehälter und hohe Boni für Vorstände. "Wir können in der Koalition noch vor der Bundestagswahl ein Zeichen setzen", sagte Brüderle. Er hoffe, dass sich aus der Diskussion Konsequenzen entwickelten. "Wir prüfen die Schweizer Entscheidung", hieß es im Justizministerium. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) begrüßte den Ansatz, der Hauptversammlung stärkeres Gewicht zu geben.

SPD-Fraktionsvize Poß sagte: "Im Kampf gegen exzessive Managergehälter reicht die derzeitige gesetzliche Grundlage nicht aus." Änderungen seien nötig. Freiwillige Lösungen und Absprachen führten hier nicht weiter. Das zeige die Vergangenheit. Darüber hinaus will er die Bonuszahlungen für Bank-Manager noch stärker als von der EU vorgeschlagen deckeln. "Hier müssen wir das, was aus Brüssel kommt, nicht nur Eins zu Eins umsetzen, sondern noch verschärfen."

Kommentare (14)

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Brasil

04.03.2013, 14:08 Uhr

Na, das kommt doch gerade gelegen. kann man mal wieder eine Nebelkerze starten! Mit dem dem Deutschen eigenen Neid-Gen ist das eine tolle Sache!
Es ist absolut nicht zu verstehen, dass einerseits von euren polit oelpels die marktwirtschaft beschjworen wird und nun andererseits solche Dinge diskutiert werden!
Schliesslich ist es ausschliesslich sache der Eigner (Aktionaere) einer Bank, wieviel an Kosten und Unkosten sie zulassen! Die Politik hat unter demokratischen gesichtspunkten in einer Marktwirtschaft hier ueb erhaupt nicht mitzureden! Man braucht auch keine Gesetze fuer die Aktionaere, schliesslich ist das eine Selbstverwaltungsorganisation!
Das Problem ist, dass die Politiktrottel bereits sind das Volekvermoegen an die Baankengesellschafter zu verschenken und da spielen natuerlich solche Dinge wiederum eine Rolle. Wuerden die Politverbrecher ihr Mandat ausueben und das Volk vor Verlusten schuetzen, dann waere das Salario fuer bankangestellte ueberhaupt kein Thema fuer die Oeffentlichkeit!

Kisch

04.03.2013, 14:20 Uhr

Wer hat eigentlich den Fehler begangen und allen suggeriert, das es bei der Schweizer Abzocker Initiative um Manager Gehälter geht?
Es geht nur um Antritts und Abgangsentschädigungen sowie die Stärkung der Aktionärsrechte. Nichts weiter. Die Löhne und boni der Manager tangiert das auf keinen Fall.

F.REX.

04.03.2013, 14:26 Uhr

Da freut sich die Politik! Endlich eine neue Sau die sie durchs Dorf treiben können. Wir sind mit der Aufarbeitung der "Bankenkrise" noch nicht mal ansatzweise fertig und jetzt stürzen sich die Politiker, egal welcher Farbe, freudig erregt auf die allg. Manager. Was soll das jetzt werden? Gibt das jetzt das große Wettkuscheln zwischen ROT-ROT-GRÜN-GELB-SCHWARZ? Jetzt müssen wir gar nicht mehr wählen gehen, anscheinend wollen jetzt plötzlich alle nur das Beste für uns. Und die Presse gibt den Rest dazu! Was wirklich in der Schweiz gemacht wird interessiert schon keinen mehr, es werden sofort demagogische Parolen in die Presse geschmiert und die Politiker "twittern" in Bester SocialMedia-Kultur ihre nicht überlegten Kommentare. Mir wird langsam übel.

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