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07.01.2013

16:53 Uhr

Nach Skandalen

Zahl der Organspenden dramatisch gesunken

In Deutschland werden immer weniger Organspenden durchgeführt. Verantwortlich dafür werden die Skandale in Transplantationszentren gemacht. Die DSO fordert eindeutige Konsequenzen.

Eine Kühlbox für Spenderorgane. dpa

Eine Kühlbox für Spenderorgane.

FrankfurtDie Organspende-Skandale haben zu einem dramatischen Einbruch der Spendenbereitschaft in Deutschland geführt: 2012 sank die Zahl der Organspenden im Vergleich zum Vorjahr um 12,8 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2002, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) am Montag in Frankfurt am Main mitteilte. Der Bundesverband der Organtransplantierten (BDO) sprach von einer "erschreckenden Entwicklung".

Nach den vorläufigen Zahlen der DSO spendeten im vergangenen Jahr lediglich 1046 Menschen nach ihrem Tod Organe, um schwerkranken Patienten zu helfen. 2011 waren es noch 1200 Spender. Die Zahl der gespendeten Organe sank im selben Zeitraum von 3917 auf 3508. Den deutlichsten Rückgang gab es in der zweiten Jahreshälfte nach Bekanntwerden von Manipulationen an mehreren Transplantationszentren. Die Stiftung sprach von einer "besorgniserregenden Entwicklung".

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Die Manipulationsvorfälle in den Transplantationszentren seien "durch nichts zu entschuldigen", erklärte Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der DSO. Dadurch sei auch das Vertrauen in die Organspende "massiv erschüttert" worden. Die nachlassende Spendenbereitschaft habe den ohnehin bestehenden Organmangel weiter verschärft. Kirste forderte eindeutige Konsequenzen. Nur so könne das Vertrauen wieder hergestellt werden. Bundesweit warten rund 12.000 Menschen dringend auf eine Transplantation.

Im vergangenen Sommer hatten Organspende-Skandale an den Unikliniken Göttingen und Regensburg für Schlagzeilen gesorgt. An den Kliniken sollen Krankenakten manipuliert worden sein, so dass bestimmte Patienten bei der Organspende bevorzugt wurden.

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Auch aus einem Münchner Klinikum hatten die Prüfer im September "Auffälligkeiten" gemeldet. Erst vor wenigen Tagen waren zudem Manipulationen bei Organtransplantationen am Leipziger Uniklinikum bekannt geworden.

Aus Sicht der DSO hat die Politik mit der Einführung der Entscheidungslösung und von Transplantationsbeauftragten an den Kliniken entscheidende Weichen für die Organspende gestellt. Der neue DSO-Vorstand Rainer Hess forderte nun mehr Transparenz und eine strengere Qualitätssicherung, um zukünftig einen Missbrauch zu verhindern. "Das Vertrauen müssen wir uns neu verdienen", erklärte Hess. Die Organspende und Organübertragung seien zwar zwei getrennte Bereiche. Wenn Ärzte bei der Transplantation aber manipulierten, "ist das gesamte System betroffen".

Was man über Organspenden wissen sollte

Zustimmung zur Organspende

Wer in Deutschland nach dem Hirntod seine Organe spenden möchte, muss einer Entnahme ausdrücklich zustimmen. Das ist am einfachsten mit einem Organspendeausweis möglich. Darin kann jeder festlegen, ob er generell mit einer Organ- und Gewebespende einverstanden ist oder auch nicht. Die Bereitschaft lässt sich aber auch einschränken: Wer etwa nicht möchte, dass sein Herz entnommen wird, kann dies auf dem Ausweis vermerken.

Der Hirntod wird festgestellt

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Zustimmung der Verwandten bei hirntoten Spendern

Wenn ein möglicher Spender zu Lebzeiten nichts verfügt hat, wird nach seinem Tod mit den Angehörigen gesprochen und gefragt, ob sie einer Spende zustimmen.

Gewebespende

Das Gewebegesetz ergänzt das Transplantationsgesetz und regelt unter anderem die Entnahme von Knochen, Knorpeln, Augenhornhäuten und Herzklappen.

Lebendspende

In Deutschland regelt seit 1997 das Transplantationsgesetz die Organspende sowohl für Spenden während des Lebens als auch nach dem Tod. Wer zeitlebens etwa eine Niere spenden will, muss volljährig sein und über alle Risiken aufgeklärt werden. Ein Organ kann allerdings nur Verwandten, Ehegatten, Lebenspartnern oder engen Freunden gespendet werden.

Auswahl der Empfänger

Organe dürfen nur in den deutschlandweit gut 40 Transplantationszentren übertragen werden. Wer als Empfänger infrage kommt, ist auf einer Warteliste vermerkt. Bei jedem Organ wird geprüft, wer es am dringendsten benötigt und bei wem die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung am größten erscheinen. Dabei ist es unabhängig, ob eine Person arm oder reich, berühmt oder der Öffentlichkeit unbekannt ist.

Organhandel

Der Handel mit Organen ist nach dem Gesetz verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Abgeschwächte Strafen gelten für den Verkauf und Erwerb von Produkten, die aus Gewebe und Organen hergestellt worden sind.

Widerspruchsregelung

In Österreich und Belgien gilt eine Widerspruchslösung: Hier zählt jeder von Geburt an als Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern immer auch mit den Angehörigen gesprochen und geklärt, ob Einwände gegen die Spende bestehen.

Die Vorsitzende des Bundesverbandes der Organtransplantierten (BDO), Lieselotte Hartwich, warnte vor einer immer stärkeren Verunsicherung in der Bevölkerung. Die Organspende-Skandale gingen "voll zu Lasten der Patienten auf der Warteliste", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. Die Aufklärung über die Organspende und Transplantation werde dadurch erheblich erschwert. Viele Menschen lehnten aus Angst vor Ungereimtheiten eine Organspende ab.


Von

afp

Kommentare (7)

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jhkjhk

07.01.2013, 17:22 Uhr

Was heisst denn hier erschreckende Entwicklung.
Was hier erschreckt ist der Umgang mit denen die gegen Bezahlung andere Menschen bevorzugen.
Ein Korruptes System und von Strafen hört man viel zu wenig.

Ich würde sogar soweit gehen und prüfen lassen ob durch die Bevorzugung aufgrund einer Bestechung nicht ein Menschenleben gefährdet wurde und den verantwortlichen auch da noch packen versuchter Totschlag oder Mord.

Ich bin nur noch als Knochenmarkspender eingetragen...

lkjlkj

07.01.2013, 17:24 Uhr

Außerdem bin ich der Meinung dass ohnehin nur die Organge empfangen dürfen die auch als Spender eingetragen waren.
Ausgenommen Kinder/Jugendliche und ähnliches...

spacewalker

07.01.2013, 19:03 Uhr

Bei der heutigen Nachrichtenlage drängt sich die Frage auf: was unterscheidet das Verhalten vieler Ärzte von dem unseres Ex-Präsidenten? Ich fürchte, nicht viel! Aber die in der Ärzteschaft herrschende "Omerta" wird eine gründliche Aufklärung der Schweinereien und allzu schmerzliche Konsequenzen für die Betroffenen verhindern. Verwunderlich ist nur, daß sich bei Wulff der Pöbel ein ganzes Jahr nich mehr einkriegen kann; ähnliches, oder gar schlimmeres Verhalten bei einem Berufsstand, von dem Gesundheit oder gar das Leben von uns allen abhängt, läßt den Ducrchschnittsbürger dagegen völlig kalt.Immerhin ist als Folge von Wullfs Verhalten Niemand ums Leben gekommen.

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