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10.10.2016

21:32 Uhr

Nach Sprengstoff-Fund in Chemnitz

Terrorverdächtiger plante wohl Anschlag auf Berliner Flughafen

Der in Sachsen gefasste Terrorverdächtige hatte Kontakte zur Extremistenmiliz Islamischer Staat. Die Behörden werten seine Festnahme als großen Erfolg – obwohl sie erst im zweiten Anlauf glückte.

Fahndung in Chemnitz

Der Schrecken ist vorbei - mutmaßlicher Terrorist gefasst

Fahndung in Chemnitz: Der Schrecken ist vorbei - mutmaßlicher Terrorist gefasst

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DresdenMit der Festnahme eines mutmaßlichen Terroristen in Leipzig ist offenbar ein größerer Anschlag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland verhindert worden. Der 22-jährige Syrer Dschaber al-Bakr habe konkrete Pläne verfolgt und Vorbereitungen getroffen, sagte Sachsens Innenminister Markus Ulbig am Montag. Nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz wollte der Verdächtige wohl einen Flughafen in Berlin attackieren.

„Wir hatten Hinweise - nachrichtendienstliche Hinweise -, dass er zunächst einmal Züge in Deutschland angreifen wollte. Zuletzt konkretisierte sich dies mit Blick auf Flughäfen in Berlin“, sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen am Montag der ARD.

Vorgehensweise und Verhalten des Verdächtigen sprächen für einen „IS-Kontext“, sagte der Leiter des Landeskriminalamtes (LKA), Jörg Michaelis. Die sichergestellten 1,5 Kilogramm Sprengstoff sind wohl identisch mit dem, den IS-Terroristen in Frankreich und Belgien verwendet haben.

„Die Ermittlungen zeigen, dass solche Taten, wie wir sie in Frankreich und Belgien gesehen haben, auch in Deutschland nicht auszuschließen sind“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Es herrsche eine „unverändert hohe Bedrohungslage durch den internationalen Terrorismus“. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schloss zur Terrorabwehr auch Gesetzesverschärfungen nicht aus. „Wir müssen alles Menschenmögliche tun, notfalls dann auch die Gesetze verändern, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten.“

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Hauptverdächtiger

Hauptverdächtiger ist der Syrer Dschaber al-Bakr, geboren am 10. Januar 1994 in Sasa, einem Ort südlich von Damaskus. Der mutmaßliche Islamist wurde schon länger vom Verfassungsschutz beobachtet, zu ihm lagen „Erkenntnisse“ vor. Der junge Mann kam vor einigen Monaten als Flüchtling nach Deutschland.

Hinweise

Der Hinweis auf die später vom SEK gestürmte Wohnung kam am vergangenen Freitag vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Der 22-Jährige soll sich in der Wohnung aufgehalten und einen Bombenanschlag vorbereitet haben.

Flucht

Der als Flüchtling registrierte Syrer war am Samstag der Polizei entwischt, während sie die Überprüfung einer Wohnung im Fritz-Heckert-Viertel in Chemnitz vorbereitete. Die Beamten haben Dschaber al-Bakr erkannt und einen Warnschuss abgegeben, sind aber nicht auf ihn zugegangen.

Festnahme

Al-Bakr konnte in der Nacht zum Montag im Leipziger Plattenbauviertel Paunsdorf gefasst werden - in der Wohnung eines Landsmannes. Den hat er nach Medienberichten am Hauptbahnhof angesprochen und gefragt haben, ob er bei ihm schlafen könnte. Der Syrer lud ihn zu sich nach Hause ein und informierte die Polizei, nachdem er von der Fahndung gehört hatte. Die Polizisten konnten Al-Bakr dann schon gefesselt in der Wohnung festnehmen.

Ermittlungen

Die Èrmittlungen wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe übernommen. Sie geht von einem islamistischen Motiv des Hauptverdächtigen aus.

Haftbefehl

Der Mieter der Chemnitzer Wohnung, in der der Sprengstoff gefunden wurde, befindet sich in Untersuchungshaft. Die Ermittler halten den anerkannten syrischen Flüchtling für einen Komplizen des 22-Jährigen. Er war am Samstag am Chemnitzer Hauptbahnhof festgenommen worden. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat erlassen.

Sprengstofffund

In seiner Wohnung wurde etwa ein Kilogramm Sprengstoff gefunden, die Behörden sprechen offiziell bisher von „mehreren hundert Gramm“. Er war gut versteckt. Dabei handelt es sich um ein Gemisch, das weit gefährlicher als das bekannte TNT ist. Das Material wurde in einem ausgehobenen Erdloch kontrolliert vernichtet, die Detonation war noch in deutlicher Entfernung spürbar.

Komplizen

Zwei Landsleute des Gesuchten, die am Samstag in der Siedlung und am Hauptbahnhof festgenommen worden waren, kamen am Sonntag wieder frei. Der Verdacht, Kontakt zu dem Flüchtigen gehabt zu haben, bestätigte sich nicht.

Suche nach Komplizen

Befragt wurde ein weiterer Mann, der Kontakt zu dem gesuchten Syrer gehabt haben soll. Das Spezialeinsatzkommando hatte seine Wohnung im Chemnitzer Yorckviertel gestürmt.

Wegen der besonderen Bedeutung des Falles übernahm die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen. Al-Bakr wird der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verdächtigt. Nach Verkündung des Haftbefehls durch einen Amtsrichter am Montag in Dresden befindet er sich in Untersuchungshaft.

Der 22-Jährige war in der Nacht in Leipzig festgenommen worden. Zwei Syrer hatten ihn nach eigenen Angaben in einer Wohnung im Nordosten der Stadt überwältigt, gefesselt und der Polizei übergeben. „Er hat versucht, uns mit Geld zu bestechen“, sagte einer von ihnen dem Sender RTL. „Wir haben ihm gesagt, du kannst uns so viel Geld geben wie du willst, wir lassen dich nicht frei.“ Sein Anruf bei der Polizei sei zunächst aufgrund von Verständigungsproblemen erfolglos geblieben. Daraufhin sei er mit einem Foto von Al-Bakr zu einem Polizeirevier gefahren. „Ich war total wütend auf ihn. So etwas akzeptiere ich nicht - gerade hier in Deutschland, dem Land, das uns die Türen geöffnet hat“, sagte Mohammed A.

Merkel dankte dem Syrer, dessen Hinweis zur Festnahme geführt habe. Auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) lobte ihn als „mutigen und verantwortungsbewussten“ Mitbürger.

Maaßen zufolge ging im September beim Verfassungsschutz ein Hinweis auf IS-Anschlagsplanungen gegen die Infrastruktur in Deutschland ein, am vergangenen Donnerstag sei es schließlich gelungen, Al-Bakr zu identifizieren. Bei der daraufhin eingeleiteten Observierung sei festgestellt worden, dass er Heißkleber gekauft habe. „Und unverzüglich haben wir dann alle Maßnahmen in Bewegung gesetzt, damit ein Zugriff erfolgte, weil wir davon ausgingen: Dies kann im Grunde genommen die letzte Chemikalie sein, die für ihn notwendig war, um eine Bombe herzustellen“, so Maaßen in der ARD.

Die Fahndung nach Al-Bakr hatte die Sicherheitsbehörden nach einem missglückten Zugriff am Samstagmorgen in Chemnitz das ganze Wochenende in Atem gehalten. Nach einem Hinweis der Bundesamtes für Verfassungsschutz sollte ein Spezialeinsatzkommando den Verdächtigen in einer Wohnung im Chemnitzer Stadtteil Kappel festnehmen. Das klappte aber nicht, ein verdächtiger Mann entkam trotz eines Warnschusses der Beamten. Ob es sich bei dem Mann um Al-Bakr handelte, sei noch unklar, so LKA-Chef Michaelis.

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Einzeltäter?

Handelte Al-Bakr aus eigenem Antrieb oder hatte er Hintermänner im Ausland? Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur soll er Kontakte zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) haben. Ein im September in Köln festgenommener 16-jähriger Flüchtling aus Syrien erhielt nach Ermittler-Angaben von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau.

Gefahr

Für wie gefährlich hat das Bundesamt für Verfassungsschutz Dschaber al-Bakr eingeschätzt? Warum hat die Bundesanwaltschaft erst so spät das Verfahren übernommen?

Anschlagsziel

Über mögliche Anschlagsziele wurde bisher nichts bekannt. Informationen, wonach ein deutscher Flughafen angegriffen werden sollte, wurden von den Behörden nicht bestätigt.

Mittäter

Unklar ist auch, ob der Syrer allein handelte oder Mittäter hatte.

Fluchtmöglichkeit

Weshalb konnte der junge Mann letztlich entkommen, obwohl er seit längerem observiert wurde? Wie der 22-Jährige verschwinden konnte und wo er sich in den beiden Tagen danach aufgehalten hat, ist ebenfalls offen. Auch blieb zunächst offen, ob er auf seiner Flucht bewaffnet war oder Sprengstoff bei sich trug.

Panne?

Gab es eine Panne bei dem Chemnitzer Einsatz? Das Landeskriminalamt wies am Wochenende entsprechende Vorwürfe zurück. Die Behörde begründete das Verhalten der Einsatzkräfte mit der Gefahr, dass er Sprengstoff bei sich gehabt haben könnte, das Haus noch nicht evakuiert und unklar war, ob sich dort explosives Material befindet.

Angaben zur Person

Unbekannt ist bisher, wo Dschaber al-Bakr in Deutschland gemeldet und seit wann er in Chemnitz war.

Sprengstoffart

Berichte, wonach es sich bei dem Sprengstoff um das hochexplosive TATP (Azetonperoxid), das auch bei Anschlägen in Brüssel und Paris verwendet wurde, sind bisher nicht offiziell bestätigt.

In der Wohnung fanden die Beamten 1,5 Kilogramm eines hochexplosiven Sprengstoffs. „Die vor Ort befindlichen Spezialisten des Landeskriminalamtes schlussfolgerten, dass es sich hierbei um TATP handeln könnte“, sagte Michaelis. „Diese Art würde dem verwendeten Sprengstoff bei den Attentaten von Paris und Brüssel entsprechen.“ Außerdem seien Metallteile wie Muttern und zwei Zünder entdeckt worden.

Der 33 Jahre alte Wohnungsmieter wurde als möglicher Komplize in Untersuchungshaft genommen. Den Angaben zufolge ist Khalil A. wie Al-Bakr als syrischer Flüchtling nach Deutschland gekommen, aber erst Ende November 2015. Im Juli sei er aus Nordrhein-Westfalen nach Sachsen gezogen, sagte Ulbig. Al-Bakr war im Februar 2015 über München nach Chemnitz gelangt, seit März lebte er im nordsächsischen Eilenburg.

Von

dpa

Kommentare (33)

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Herr Peter Kastner

10.10.2016, 08:30 Uhr

Der Feststellung, das Merkel IS Kämpfer ins Land gelassen hat, kann nun nicht mehr widersprochen werden. Sehr bedenklich finde ich, das das Bamf gefälschte Pässe
schulterzuckend ignoriert.
Ein Dankeschön an die sächsische Polizei, die hier einen guten Job gemacht hat.
Auf der sächsischen Polizei wurde von Seiten der Medien ja gern mal ein wenig herumgetrampelt.

Herr Max Nolte

10.10.2016, 09:01 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Ciller Gurcae

10.10.2016, 09:22 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. http://www.handelsblatt.com/netiquette

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