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08.07.2012

20:01 Uhr

Nach umstrittenem Urteil

Ärztepräsident Montgomery rät von Beschneidungen ab

Bundesärztekammer-Chef Ulrich Montgomery hält das vielkritisierte Beschneidungs-Urteil des Kölner Landgerichts für „unbefriedigend“ und „gefährlich“. Gleichzeitig warnt er Ärzte davor, die Maßnahme weiter vorzunehmen.

Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery stellt sich hinter die Kritiker des Kölner Beschneidungs-Urteils. dapd

Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery stellt sich hinter die Kritiker des Kölner Beschneidungs-Urteils.

Berlin/StuttgartDer Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, rät Medizinern, religiös begründete Beschneidungen von Jungen wegen des Kölner Urteils dazu vorerst nicht mehr vorzunehmen. Das Landgericht Köln hat die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Körperverletzung gewertet, weil ein medizinisch nicht notwendiger Eingriff nicht dem Kindeswohl entspreche. „Wir raten allen Ärztinnen und Ärzten, wegen der unklaren Rechtslage den Eingriff nicht durchzuführen“, sagte Montgomery der Zeitung „Die Welt“ (Montag/Ausgabe Hamburg).

Nach seiner Ansicht ist das Urteil für „Ärzte unbefriedigend und für die betroffenen Kinder sogar gefährlich“. Denn nun bestehe die große Gefahr, dass dieser Eingriff von Laien vorgenommen werde. „Allein schon wegen der oft unzureichenden hygienischen Umstände kann das zu erheblichen Komplikationen führen.“

Nach dem Gerichtsbeschluss ist die Maßnahme auch nicht durch die Einwilligung der Eltern gerechtfertigt, da sie nicht dem Wohl des Kindes entspreche. Dessen Körper werde durch die in Islam und Judentum verbreitete Beschneidung „dauerhaft und irreparabel verändert“. Das rechtskräftige Kölner Urteil ist allerdings nicht für andere Gerichte verbindlich.

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Nach Ansicht des CSU-Rechtspolitikers Norbert Geis müssen Beschneidungen aus religiösen Gründen in Deutschland weiterhin möglich bleiben. Dies werde der Bundestag nötigenfalls auch durch eine Gesetzesänderung klarstellen, sagte Geis am Samstag im Deutschlandfunk. Er glaube, dass es über die Parteigrenzen hinweg Einigkeit darüber gebe, „dass die Beschneidung möglich sein muss“. Geis fügte hinzu, dass seiner Ansicht nach die derzeitigen Gesetze aber ausreichten.

Die umstrittene Entscheidung des Kölner Landgerichts bezeichnete der CSU-Politiker als „Fehlurteil“ eines einzelnen Gerichts. Das Wohl des Kindes dürfe nicht auf körperliche Unversehrtheit reduziert werden, sagte der Bundestagsabgeordnete. Auch die religiöse Erziehung gehöre dazu.

Eingriff in die Religionsfreiheit oder Schutz vor Körperverletzung - das Urteil des Kölner Landgerichts gegen die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen hat heftige Kritik von Juden, Muslimen und Katholiken ausgelöst. Der Zentralrat der Muslime nannte die Entscheidung „einen eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht“. Die Türkische Gemeinde in Deutschland warnte vor einem „Beschneidungstourismus“ in Länder, in denen solche Eingriffe nicht bestraft werden. Nach dem Zentralrat der Juden äußerten am Mittwoch auch andere Juden ihr Unverständnis.

Kommentare (14)

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ex_Kamikaze

08.07.2012, 20:28 Uhr

Egal wie oft die Medien das wiederholen: das Menschenrecht der Kinder auf Unversehrtheit steht turmhoch über den religösen Befindlichkeiten einiger Konfessionen.
Das Urteil des Kölner Gerichtes entspricht dem Rechtsempfinden der Mehrheit, notfalls muß die Minderheit sich also beugen.
Wenn immer die Ratschläge der Bischöfe und ihrer politischen Vertreter befolgt worden wären dann gebe es heute noch Bistümer und Erzbistümer mit eigener staatlicher Hoheit und eigener Rechtssprechung.

OliverS

08.07.2012, 20:37 Uhr

Die religiöse Erziehung wird durch die Gesetze gewährleistet insbesondere durch das Grundgesetz und das "Gesetz über die religiöse Kindererziehung" (KErzG). Wer aber glaubt, zur _Erziehung_ seiner Kinder einen Chirurgen hinzuziehen zu müssen, der hat meines Erachtens ein Problem.

Fehlurteil hin oder her, das Gericht hat sich lediglich der herrschenden juristischen Lehre angeschlossen, so falsch kann das also nicht sein.

Fimose

08.07.2012, 20:38 Uhr

Oooch Leute, macht das Faß wieder zu.
Hat nicht mal jemand geguckt ob in 99,8% der Fälle ohnehin MEDIZINISCHE Gründe vorliegen, wenn irgendwo was beschnitten wird? (Sonst die Kasse das doch nicht.)

Ja, da staunt der Bischof. Und der Menschenrechtler!

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