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16.07.2014

08:22 Uhr

Nachholbedarf bei Kitas

Platz nur für jedes dritte Kind

Der Kita-Ausbau hinkt den gestiegenen Elternwünschen hinterher. Doch die befürchtete Klagewelle bleibt seit der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz bislang aus. Die Politik ist „noch nicht am Ziel“.

Ein seltenes Bild: Eine Erzieherin liest mit zwei Kindern ein Buch in einer Kindertagesstätte. Im Kita-Ausbau muss nachjustiert werden. dpa

Ein seltenes Bild: Eine Erzieherin liest mit zwei Kindern ein Buch in einer Kindertagesstätte. Im Kita-Ausbau muss nachjustiert werden.

Wiesbaden/BerlinTrotz verstärkter Anstrengungen von Bund und Kommunen gibt es beim Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige noch erheblichen Nachholbedarf. Nach Erhebung des Statistischen Bundesamtes fanden zum 1. März knapp 662 000 Kinder einen staatlich geförderten Betreuungsplatz - entweder in einer Kita oder bei einer Tagesmutter. Dies entspricht einer bundesweiten Betreuungsquote von 32,5 Prozent.

Nach einer jüngsten Befragung wünschen sich allerdings 41,7 Prozent der Eltern ein solches Betreuungsangebot. Seit dem 1. August 2013 haben Eltern einen Rechtsanspruch darauf.

Fakten zur Betreuung

Was tun, wenn Eltern für ihr Kleinkind leer ausgehen?

Man kann vor dem Verwaltungsgericht (VG) auf einen Platz klagen. Gerade erst hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Eltern geraten, von diesem Klagerecht Gebrauch zu machen. Weil eine Klage vielen aber zu langwierig ist, empfehlen Rechtsanwälte, ein Eilverfahren anzustrengen. So ist die Stadt Köln vor zwei Wochen per Eilentscheid verpflichtet worden, zwei Kleinkindern einen Platz zu verschaffen. So manche Kanzlei scheint ein Geschäft zu wittern und wirbt: „Wir klagen Ihr Kind in die Kita ein!“ Andere Anwälte halten es für sinnvoller, selbst initiativ zu werden, das Kind privat - oft teurer - unterzubringen und die Mehrkosten via Schadenersatzverfahren von der Kommune einzufordern.

Können Eltern immer zwischen Kita und Tagesmutter wählen?

Laut Gesetz besteht ein Recht auf Frühförderung in einer Tageseinrichtung oder in der Kindertagespflege. Manche Rechtsexperten bewerten das ausdrücklich als Entweder-Oder-Wahlrecht. Thomas Meysen vom Institut für Jugendhilfe und Familienrecht sagt dagegen, man müsse auch die jeweils andere Alternative akzeptieren, wenn nicht beide Varianten zur Verfügung stehen. Und das wird nach Ansicht des Städtetags definitiv nicht überall der Fall sein. Laut Kölner VG-Eilentscheid ist der Elternwille entscheidend. Die unterlegene Stadt Köln hat aber Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht eingelegt. Viele glauben, dass dieses die VG-Entscheidung kassieren wird.

Welche Variante ist denn besser?

Kita und Tagespflege stehen gleichwertig nebeneinander. Der Bund geht davon aus, dass gut zwei Drittel aller Plätze in einer Tageseinrichtung und rund 30 Prozent bei Tagesmüttern oder -vätern bereitstehen. In Kitas muss mindestens eine Kraft ausgebildete Erzieherin sein. Gruppengröße und Betreuer-Kind-Schlüssel legen die Länder fest. Tagesmütter können maximal fünf Kinder daheim aufnehmen oder kommen mitunter auch in den Haushalt der Eltern. Sie werben mit Flexibilität und Familienähnlichkeit. Tagesmütter müssen eine 160-Stunden-Qualifizierung absolvieren und brauchen vom Jugendamt eine Pflegeerlaubnis.

Wie steht es um die Qualität der U3-Betreuung?

Die umfassende und viel beachtete Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit (Nubbek-Studie) kam im Frühjahr zu ernüchternden Ergebnissen. Die pädagogische Arbeit in deutschen Kitas sei „im Durchschnitt nur mittelmäßig“. Quantität gehe vor Qualität. Die Kommunen betonen bei ihren Ausbau-Anstrengungen stets, dass sie Qualitätsansprüche hochhalten. Experten raten, genau auf den Schlüssel zu achten, wie viele ausgebildete Erzieherinnen auf wie viele Kleinkinder kommen.

Was ist wichtig für das Wohl der Kleinsten?

Kontinuität und Verlässlichkeit gehören dazu. Wird ein einjähriges Kind nur an zwei Tagen in der Woche gebracht, bleibt es immer fremd in der Gruppe. Regelmäßigkeit im Tagesablauf gibt den Kleinsten Sicherheit. Umstritten ist die Übernacht-Betreuung. Das Kind sollte niemals im Schlaf oder Halbschlaf in die Einrichtung kommen und immer von derselben Betreuungsperson zu Bett gebracht werden, die es dann am nächsten Morgen auch weckt. Mehr als 45 Wochenstunden externe Betreuung gelten als nicht förderlich.

In welchem Umfang haben Eltern Anspruch auf Betreuung?

In der Regel werden Halbtagsplätze angeboten. Ein- und zweijährige Kinder haben darauf auch dann einen Anspruch, wenn deren Eltern nicht arbeiten gehen. Das Angebot soll dem Eltern-Bedarf entsprechen. Wem ein Halbtagsplatz nicht reicht, der muss seinen erhöhten Bedarf nachweisen. Ob dabei Schichtarbeiter auch ein Übernacht-Angebot beanspruchen können, muss möglicherweise individuell geklärt werden.


Was gilt als zumutbar?

Der Platz muss in zumutbarer Nähe liegen - bisher wird das überwiegend definiert mit rund einer halben Stunde Zeitaufwand für eine Strecke. Bei speziellen Wünschen wie einer integrativen Gruppe oder Montessori-Pädagogik sind Absagen wohl angesichts geringer Kapazitäten hinzunehmen.

Im März 2013 hatte nach Angaben des Bundesfamilienministeriums die Betreuungsquote erst bei 29,3 Prozent gelegen. Die Zahl der betreuten Kleinkinder stieg danach in den vergangenen zwölf Monaten um 64 000. Das Ministerium zeigt sich zuversichtlich, dass bis Ende 2016 insgesamt 811 000 Plätze zur Verfügung stehen werden. Größtenteils seien diese bei den Kommunen bereits in Planung oder im Bau. Die Bundesmittel stünden dafür bereit.

Nach wie vor stellt sich die Betreuungssituation für Kleinkinder regional sehr unterschiedlich dar. Während in den ostdeutschen Bundesländern zum Teil schon Betreuungsquoten von um 50 Prozent erzielt werden, gibt es im Westen - vor allem in einigen Großstädten - noch erheblichen Nachholbedarf. Aber auch bei der Elternnachfrage gibt es erhebliche regionale Unterschiede.

Selbst innerhalb einer Kommune können die Elternwünsche zwischen verschiedenen Stadtteilen um bis zu 27 Prozentpunkte schwanken, zeigte eine jüngste Umfrage des Deutschen Jugendinstituts.

Kommentare (3)

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Herr Heinz Gase

16.07.2014, 09:37 Uhr

Tja, viele Eltern wissen scheinbar das es für Kinder am besten ist bei Mama und Papa aufzuwachsen. Man lässt sich nicht an der Nase herumführen mit der Behauptung, das Mama und Papa arbeiten sollen und die Kinder von Geburt an in die Tagesstätte geben sollen damit sie möglichst frühzeitig indoktriniert werden mit Genderwahn und Zuwanderungsfreundlichkeit :-) Gut so! Kinder gehören zu ihren Eltern!

Herr Wolfgang Trantow

16.07.2014, 11:44 Uhr

Ausbau hionkt? Am Geld kann es nicht liegen, nur am Willen unserer Politiker. Für kriminelle "Flüchtlinge" sind Millionen sofort da. Nur ich erhalte keine rentenerhlöhung, wie die Politiekr sich unverschämterweise nehmen. Auch wird meine Miete nicht vom Staat übernommen, nur weil ich kein ausländischer Erpresser bin!

Frau Margrit Steer

16.07.2014, 17:02 Uhr

Tja, Pech gehabt. Dauert halt noch etwas mit den DDR-Kindergärten ab Geburt.
Und somit auch mit dem Gesetz zum Arbeitszwang für Frauen.
Es gibt eben doch noch Mamas, die gerne ein Kind bekommen und sich selbst liebevoll um dieses kümmern wollen

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