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23.02.2015

13:33 Uhr

Nahles rekrutiert EU-Azubis

Ab nach Deutschland

VonLaura Waßermann

Es gibt zu wenig Azubis, also wirbt Deutschland um Nachwuchs aus den Krisenländern. Die Berufseinsteiger sollen ihr Wissen später in die Heimat zurücktragen. Doch das Modell hat Schattenseiten. Zwei Auswanderer erzählen.

Wegen der schlechten Wirtschaft kommen viele junge Menschen aus EU-Ländern für eine Ausbildung in die Bundesrepublik. Getty Images

Alleine in Deutschland

Wegen der schlechten Wirtschaft kommen viele junge Menschen aus EU-Ländern für eine Ausbildung in die Bundesrepublik.

DüsseldorfMagda* hat einiges vorzuweisen. Sie ist bilingual aufgewachsen, hat erfolgreich deutsch-spanisches Dolmetschen studiert. Sie ist erst 23, ehrgeizig und bereit, hart zu arbeiten. Beste Voraussetzungen also, um einen guten Job zu finden. Eigentlich. Aber Magda kommt aus Spanien, dem Land, in dem fast jeder zweite junge Erwachsene derzeit keine Arbeit findet.

Wie so viele ihrer Generation sah sie keine andere Chance, als ihre Heimat, ihre Freunde, ihre Familie zu verlassen. Sie wanderte aus nach Deutschland und macht nun nach ihrem Studium in Spanien in der Fremde eine Ausbildung zur Hotelkauffrau. Sie fing im vergangenen Jahr mit 22 an einem Punkt an, an dem in Deutschland üblicherweise die 16- oder 17-Jährigen einsteigen. Ihr Bruder arbeitet ebenfalls in Deutschland, er ist erst 19.

Die Chancen hier seien für sie viel besser als in Spanien, glaubt Magda. Mit dieser Überzeugung ist sie nicht allein. Die Bundesregierung versucht aus der Not an Jobs in den Krisenländern wie Spanien, Griechenland oder Portugal und den vielen unbesetzten Ausbildungsstellen hierzulande eine Tugend zu machen.

Um den Fachkräftemangel im eigenen Land abzufedern und die Zahl der Azubis zu erhöhen, holt sie mit Hilfe verschiedener Programme ausländische junge Menschen nach Deutschland. „Wir brauchen junge Fachkräfte. Vor allem die, die in Deutschland bleiben“, sagt eine Sprecherin von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) in Bonn. Dem demographischen Wandel zum Trotz.

Was ist MobiPro-EU?

Programm

MobiPro-EU heißt „Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen aus Europa“. Seit Januar 2013 läuft das Programm.

Geld

Monatlich soll der Jugendliche insgesamt 818 Euro verdienen. Je nach Ausbildungsgehalt wird das Geld bis zu diesem Betrag aufgestockt. Zudem finanziert der Staat zwei Heimreisen mit je 300 Euro im Jahr.

Zahlen

Seit dem Start wurden 9100 Förderanträge gestellt, 6400 für eine Ausbildung und 2700 als Fachkraft.

Finanzierung

Ursprünglich hat die Bundesregierung für den Zeitraum zwischen 2013 und 2018 139 Millionen Euro bereitgestellt. Durch die hohe Nachfrage wurde dieser Etat auf insgesamt 560,1 Millionen Euro erhöht.

Ausbildung

Laut dem aktuellen Arbeitsmarktbericht sin insgesamt 2, 7 Millionen Menschen arbeitslos. Derweil gibt es 37.000 unbesetzte Ausbildungsstellen.

Magda ist Teil dieser Strategie. Sie nimmt an einem der Förderprojekte teil, die die Bundesregierung deshalb aus der Taufe gehoben hat. Durch die Initiative „Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen aus Europa“, kurz MobiPro-EU, erhalten Schul- und Universitätsabgänger zwischen 18 und 27 aus EU-Ländern seit 2013 staatliche Unterstützung, wenn sie in Deutschland eine Ausbildung machen.

Im vergangenen Jahr sind mit dem Projekt fast 8000 Jugendliche nach Deutschland gekommen, zwei Drittel davon waren Spanier. So wie Magda konzentrieren sich viele auf das Berufsfeld Tourismus, inklusive Gastronomie und Co.

Nur aus sechs anderen EU-Ländern kamen mehr junge Arbeitssuchende nach Deutschland. Der Grund für die hohe Einwanderungsrate aus ihrem Land sei die wirtschaftliche Krise, glaub Magda: „Viele Jugendliche fühlen sich gezwungen, nach ihrem Studium ins Ausland zu gehen, vor allem nach Deutschland oder England“, sagt sie. Die Arbeitslosigkeit der 15- bis 24-Jährigen in Spanien lag Ende 2014 bei 53,5 Prozent. Insgesamt sind knapp 5,5 Millionen Menschen arbeitslos.

Schirmherrin der „Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen aus Europa“ ist Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Sie stand für ein Interview mit Handelsblatt Online zum Thema nicht zu Verfügung, ließ ihren Pressesprecher aber per E-Mail mitteilen: „MobiPro-EU soll jungen Menschen aus ganz Europa eine Chance auf eine gute betriebliche Berufsausbildung in Deutschland geben und hinsichtlich der Fachkräftegewinnung den Unternehmen den grenzüberschreitenden europäischen Ausbildungsmarkt näherbringen.“

Kommentare (11)

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Herr Eberhard Steinweg

23.02.2015, 14:15 Uhr

Das ist ja menschlich wie eine Verschickung ins Arbeitslager, dann die Frage der Kosten. Zahlt der Unternehmer die duale Ausbildung wissen, dass er nichts davon haben wird ?

Account gelöscht!

23.02.2015, 14:21 Uhr

Dieser Artike ist sehr interessant, stellt er doch gleich mehrere Dogmen der deutschen Politik mehr als in Frage. Und selbst die ausländischen Gastarbeiter wundern sich über soviel "Selbstlosigkeit" der deutschen Politik ihrem eigenen Nachwuchs gegenüber! Es zeigt sich deutlich, europäische Zusammenarbeit macht Sinn, aber eine europäische Identität ist ideologischer Bullshit! Claudia Roth, bitte jetzt laut und hysterisch aufschreien ...

Herr Markus Bullowski

23.02.2015, 14:24 Uhr

Ich freue mich für diese Jugendlichen und wünsche Ihnen alles Gute. Trotzdem soll das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Problemursachen (Eurokrise, Arbeitslosigkeit im Süden) bekämpft werden müssen und dass ein "Brain Drain" zu Ungunsten der (wie Deutschland) kinderarmen Herkunftsländer neue Ungleichgewichte hervorbringt.
Aus meiner Sicht muss Deutschland den Spagat schaffen, den perspektivlosen Jugendlichen Südeuropas einerseits gute Angebote zu machen (um hier zu leben, eine Ausbildung anzufangen, zu arbeiten...), anderseits den Heimatländern aber damit nicht mittelfristig zu schaden. Das ist glaube ich nicht einfach.

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