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21.11.2015

09:43 Uhr

Naïna Kümmel

„Ich habe wohl einen Nerv getroffen“

VonThomas Tuma

Wie viel Wirtschaft soll in der Schule stattfinden? Jedenfalls mehr als heute, meint die Abiturientin Naïna Kümmel – und löste mit einem einzigen Tweet eine bundesweite Debatte aus. Zeit für ein Resümee.

Mit nur einem Satz, den sie bei Twitter postete, löste die Kölner Schülerin Anfang des Jahres eine Bildungsdebatte im Land aus. Judith Wagner für Handelsblatt

Naïna Kümmel

Mit nur einem Satz, den sie bei Twitter postete, löste die Kölner Schülerin Anfang des Jahres eine Bildungsdebatte im Land aus.

Ein Café in Köln. Die Abiturientin Naïna Kümmel kommt überpünktlich. Sie hat jetzt wieder ein bisschen mehr Luft. Nicht nur, weil der Schulstress hinter ihr liegt und bis zum geplanten Studium noch Zeit ist. Auch die Zahl ihrer TV-Auftritte und Interviews hat doch deutlich nachgelassen seit Anfang des Jahres, als sie mit einer kleinen Twitter-Botschaft von nicht einmal 140 Zeichen buchstäblich über Nacht ziemlich berühmt wurde. Zeit, mal Bilanz zu ziehen.

Frau Kümmel, Sie haben zwar gerade erst Abitur gemacht, aber schon eine bildungspolitische Debatte ausgelöst, die bundesweit für Furore sorgte. Darf man Sie eigentlich noch duzen?

Ja klar, zumal ich selbst ja am wenigsten zu der Diskussion beigetragen habe.

Am 10. Januar hast du dich via Twitter beschwert: „Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Was war der Auslöser deiner Klage?

Es war ein Samstagabend. Ich saß zu Hause und überlegte, was für mich eigentlich nach dem Abi kommen soll. Mach ich ein freiwilliges soziales Jahr? Soll ich von zu Hause ausziehen, will ich das überhaupt, und was muss man dabei beachten? Bin ich überhaupt noch über die Familie versichert, wenn ich 18 werde? Wie funktioniert ein Mietvertrag? All solche Fragen, die ich später auch mit Freundinnen diskutierte, ‧gingen mir durch den Kopf. Und auf einmal merkte ich, wie wenig Antworten ich darauf hatte.

Chancen durch Veränderung der Schulstruktur

Verlängerung der Grundschule

33 Prozent der Lehrer und 27 Prozent der Eltern meinen mit einer Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre kann man benachteiligte Kinder am besten fördern.

Quelle: Allensbach

Einzelunterricht in der Schule

26 Prozent der Lehrer und 33 Prozent der Eltern meinen, der Einzelunterricht in der Schule verbessere die Situation der Kinder.

Bildung von Klassen mit ähnlich leistungsstarken Schülern

Die Bildung von Klassen mit ähnlich leistungsstarken Schülern ist für 21 Prozent der Lehrer und 40 Prozent der Eltern maßgeblich für eine verbesserte Förderung.

Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems

21 Prozent sowohl der Lehrer als auch Eltern meinen, die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems ist die beste Lösung.

Abschaffung der Noten

Lediglich sieben Prozent der Lehrer und acht Prozent der Eltern würden die Abschaffung der Noten als eine verbessere Förderung benachteiligter Kinder betrachten.

Abschaffung des Sitzenbleibens

Zehn Prozent der Lehrer und zwölf Prozent der Eltern denken, die Abschaffung des Sitzenbleibens ist am besten.

Für solche Dinge hat man ja auch Freunde, Verwandte, Eltern.

Später gab’s dann auch Leute, die meiner Mutter vorwarfen, sie hätte ihren Erziehungsauftrag verfehlt, was natürlich der größte Quatsch ist. Klar rede ich mit meiner Mama dauernd über solche praktischen Fragen. Aber erstens wissen ja auch Erwachsene nicht über alles Bescheid. Und zweitens bleibt trotz aller Gespräche eben doch eine gewisse Bildungslücke...

...die deiner Meinung nach von der Schule gefüllt werden muss?

Ich erinnere mich jedenfalls nur an ein einziges Mal, als quasi das reale Leben in meine Klasse kam: Im Deutschunterricht haben wir den Aufbau eines ‧Lebenslaufs behandelt. Das reicht nicht unbedingt, um die ersten Karriereschritte zu überstehen.

Sozialkunde oder Ähnliches genügt dir als Fach nicht?

Da geht es ja in der Regel eher um Politik oder um gesellschaftliche Entwicklungen. Alles wichtig. Aber praktische Orientierung liefert auch das nicht.

Du warst auf der Erzbischöflichen Ursulinenschule in Köln. Was hast du dort an Vorbereitung aufs Leben vermisst?

Ach, die Gedicht-Interpretationen und all das andere sind ja durchaus sinnvoll. Das will ich gar nicht anprangern. Deshalb bin ich meiner Schule auch sehr dankbar, sie verschafft einem viel Allgemeinbildung, aber auch soziale Kompetenz. Ich hätte nur eben gern noch ein paar andere Dinge gelernt, um die Welt besser zu verstehen... zum Beispiel auch über Wirtschaft. Wohlgemerkt: zusätzlich.

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