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04.02.2015

15:27 Uhr

NDR-Sendung „Panorama“

AfD-Anhänger spielen interessierte Bürger

VonKevin Knitterscheidt

Diese Rettungsaktionen von AfD-Anhängern gingen nach hinten los: Zwei Männer spielten am Wahlkampfstand in Hamburg interessierte Passanten. Dumm nur, dass sie dem Kamerateam schon vorher als AfDler aufgefallen waren.

DüsseldorfDie Passanten eilen vorbei, einige winken sogar ab, als Jörn Kruse sie anspricht und ihnen einen Flyer der AfD reichen will. Kruse ist Spitzenkandidat der Protestpartei für die Bürgerschaftswahl am 15. Februar in Hamburg und hat es nicht leicht in den Niederungen des Straßenwahlkampfes im Hamburg-Poppenbüttel.

Dort versucht er, begleitet von einem Kamera-Team des NDR-Magazins „Panorama“, die Vorbeieilenden trotz Kälte und Desinteresse für die AfD-Ansätze zu Themen wie innere Sicherheit und Bildung zu begeistern. In Umfragen liegt die AfD in der Hansestadt bei nur vier Prozent.

Dass keiner der Passanten stehenbleibt, kommt da nicht gut. Schon gar nicht, wenn die Reporter vom NDR alles auf Video festhalten. Zwei AfD-Anhänger wollten das offenbar nicht hinnehmen.

Die AfD – neue Volkspartei oder kurze Protestepisode?

Wie viel Union steckt in der AfD?

Es steckt einiges von der Union früherer Zeiten in der Alternative für Deutschland (AfD). Nur in der Europapolitik grenzt sich die AfD klar von dem ab, was Helmut Kohl zu seinen Kanzlerzeiten wichtig war. Die AfD besetzt aber andere zentrale Themen der Union wie Familie, Kriminalität und Zuwanderung. Die Warnungen der AfD vor einer Überlastung der Sozialsysteme durch Asylbewerber erinnern an die aufgeheizte Das-Boot-ist-voll-Debatte Anfang der 90er Jahre. Die AfD knüpft zudem an die konservative Gedankenwelt von Bundesministern wie Manfred Kanther (CDU) und Theo Waigel (CSU) an.

Kümmern sich CDU und CSU um solche Themen nicht mehr?

Doch. Auch heute sind das Schwerpunkte der Union. Doch die CSU war im Europa-Wahlkampf mit ihrer auf Ausländer gemünzten Parole „Wer betrügt, der fliegt“ und dem Herziehen über die EU-Kommission nicht erfolgreich. Und CDU und CSU bekamen unter Angela Merkel und Horst Seehofer bei der Bundestagswahl 41,5 Prozent - mit einer liberaleren Einstellung zu Homosexuellen, mit einer neuen Definition von Familie, aber ohne einen Law-and-Order-Mann als Bundesinnenminister. So machte die Union die Erfahrung, dass ein Kurs der Mitte mehr Stimmen bringt als das Beharren auf konservativen Positionen.

Was steckt noch in der AfD?

Die AfD setzt sich für mehr Basisdemokratie ein – und steht damit im Kontrast zur CDU. Einige ihrer Mitglieder stammen außerdem aus der Konkursmasse kleinerer rechter, liberaler und konservativer Parteien. Ehemalige Angehörige von NPD und DVU können dagegen nicht Mitglied der AfD werden. Im Osten wirbt die Partei um DDR-Nostalgiker, die zwar den Sozialismus nicht zurückhaben wollen, aber zum Beispiel Elemente des alten Bildungssystems gut finden.

Ist die AfD denn eine Gefahr für die Union?

Ja - auch wenn die CDU in Brandenburg und Thüringen trotz Stimmenverlusten an die AfD zulegen konnte. Erstens hat die Union durch ihren Wandel hin zu einer modernen, urbanen Partei eine Flanke an ihrem rechten Rand aufgemacht und könnte weiter Konservative, die in der Union keine Heimat mehr sehen, verlieren. Und zweitens wirbelt die AfD die Parteienlandschaft so durcheinander, dass die Machtoptionen für die Union schwinden. Eine Koalition mit der AfD schließt die CDU genauso aus wie mit der Linken, und auf die FDP kann sie nicht mehr zählen. Unabhängig davon, dass Schwarz-Grün im Bund ein Novum wäre, könnte es mit den Grünen knapp werden - wenn die AfD denn 2017 in den Bundestag einzöge. Bliebe ein Bündnis mit der SPD - das sollte aber aus Sicht beider Parteien kein Dauerzustand sein.

Wie wehrt sich die Union gegen die AfD?

Nicht einheitlich. CDU-Generalsekretär Peter Tauber sagt: „Wir wollen die Wähler zurückgewinnen.“ Fraktionschef Volker Kauder (CDU) will die AfD ignorieren und sich mit ihren Politikern nicht einmal in eine Talkshow setzen. Wolfgang Bosbach vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU hält das für falsch. Viele Unionspolitiker raten inzwischen, sich intensiv mit der AfD auseinanderzusetzen. Parteichefin und Kanzlerin Angela Merkel ging im Brandenburger Wahlkampf deutlich auf die Grenzkriminalität ein, nachdem die AfD bei der Sachsen-Wahl damit punktete. Koalitionen mit der AfD schließt sie aber aus.

Was macht die AfD attraktiv?

Die AfD stellt sich als Partei der braven Sparer und Steuerzahler dar, deren Wohlstand durch die Rettung maroder Banken und überschuldeter Euro-Länder gefährdet ist. Sie fordert, dass außer Flüchtlingen nur noch „qualifizierte und integrationswillige“ Ausländer nach Deutschland kommen dürfen und bemüht dafür gerne das Beispiel des Einwanderungslandes Kanada. Die AfD, die sich seit ihrem guten Abschneiden bei drei Landtagswahlen als „kleine Volkspartei„ bezeichnet, wettert gegen die in Deutschland inzwischen weit verbreitete Kultur der „politischen Korrektheit“. Ihrer Führungsriege gehören etliche Ex-Mitglieder von CDU und FDP an. Deshalb finden einige wertkonservative Wähler die Strategie der CDU, die AfD wie eine nicht-salonfähige Randgruppe zu behandeln, wenig glaubwürdig.

Droht der AfD das selbe Schicksal wie den Piraten?

Nein. „Eintagsfliege“, „Protestpartei“ – diese Etiketten wurden der AfD in den ersten Monaten oft aufgeklebt. Doch im Gegensatz zu den Piraten, die sich lange vor allem der Selbstzerfleischung widmeten, halten sich die internen Streitereien noch im Rahmen. Außerdem hat sich die AfD rasch von einer Ein-Thema-Partei (Eurorettung) zu einer gemausert, die verschiedene Politikfelder besetzt.

Die „Rettungsaktionen“ gingen allerdings nach hinten los. Ein junger Mann schlich sich am Kamerateam vorbei und spielte, etwas ungelenk, den interessierten Wähler. Das Programm habe er nicht gelesen, erklärt er, aber bei der Europawahl habe er trotzdem für die AfD gestimmt. Er lässt sich von Kruse den Flyer geben, versichert, er werde das Programm herunterladen und verabschiedet sich artig.

Auf die Aktion angesprochen, gab sich Kruse kleinlaut: „Ja, das ist wohl so“, sagte er nur. Doch damit nicht genug. In einem zweiten Video des NDR bleibt noch ein weiterer Herr stehen, der betont interessiert nach einer Infobroschüre greift und sich betont leidenschaftlich gibt: Kruse spreche ihm aus dem Herzen, erklärt der Mann, als dieser ihn auf die „ganz akute islamistische Gefahr“ in Hamburg anspricht.

Dann bedankt sich der „Laienschauspieler“, steckt das Programm ein und geht weiter. Die „Panorama“-Sprecher aus dem Off bemerkt am Ende des ersten Videos nur ironisch: „Merke, die Lügenpresse lässt sich nicht so einfach hinters Licht führen.“

Kommentare (12)

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Herr Ragin Allraun

04.02.2015, 16:47 Uhr

Das ist doch ganz normal das "gefaked" wird.

Das ist bei jeder Pressekonferenz so, bei jeder Talkshow, wo Interviewte schon vorher den Fragenkatalog wissen den sie serviert bekommen, damit sie vorbereitet sind und adäquate Antworten geben können.

So gut wie gar nichts wird aus der realen Situation gefilmt, weder Demos, noch sonst irgendwas.

Hollywood mit Plaste, Plüsch und Popkorn hat die Realität fest im Griff. Willkommen in der Wirklichkeit 2015.

Herr Roman Tersano

04.02.2015, 16:54 Uhr

Nur bei 4%?

Die AfD steht nach den letzten Umfragen bei 6% .
Vielleicht sollte Herr Knitterscheidt besser recherchieren, bevor er Artikel schreibt.

http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/hamburg.htm

Herr Horst Meiller

04.02.2015, 17:07 Uhr

Ist das "RTL macht rechte Stimmung bei Pegida in Dresden"(Welt) hier auch thematisiert worden?

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