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28.11.2013

15:30 Uhr

Neue Arbeitsmarkt-Zahlen

Job-Boom in Deutschland geht an Arbeitslosen vorbei

Die Marke der 42 Millionen Erwerbstätigen ist geknackt, der deutsche Arbeitsmarkt brummt. Dies ist vor allem den Personen zu verdanken, die neu ins Land kommen. arbeitslose profitieren hingegen wenig vom Jobaufbau.

Boom! Doch unter den Beschäftigten dürften etliche Geringverdiener sein – außerhalb der Baubranche mit dem Mindestlohn kann das problematisch sein, Statistiken nennen dies meist nicht an vorderster Stelle. dpa

Boom! Doch unter den Beschäftigten dürften etliche Geringverdiener sein – außerhalb der Baubranche mit dem Mindestlohn kann das problematisch sein, Statistiken nennen dies meist nicht an vorderster Stelle.

BerlinTrotz Beschäftigungsrekord und anziehender Konjunktur steigt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland. Sie kletterte im November um 5000 auf 2,806 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg am Donnerstag mitteilte. Zugleich waren im Oktober rund 42,2 Millionen Männer und Frauen in Lohn und Brot. Dies ist ein neuer Beschäftigungsrekord. Hiervon profitieren vor allem Frauen und Zuwanderer, viele Arbeitslose wegen mangelnder Qualifikation jedoch weniger. "Die Profile der Arbeitslosen passen nicht zu den angebotenen Arbeitsplätzen", sagte BA-Chef Frank-Jürgen Weise. Für diese Menschen sei es sehr schwer, eine Stelle zu finden.

Denn knapp jeder zweite Arbeitslose komme derzeit nur für eine eher unqualifizierte Helfertätigkeit in Frage. Unter den Beschäftigten sei aber nur jeder Siebte ein Helfer, ergänzte Weise. Zudem sei bei neun von zehn Arbeitnehmern eine abgeschlossene Ausbildung oder ein Studium Voraussetzung für den Job. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte, der neue Koalitionsvertrag von Union und SPD "enthält eine Fülle neuer Impulse für den Abbau der verbliebenen Langzeitarbeitslosigkeit". Angepeilt ist etwa, junge und ältere Menschen besser zu qualifizieren und junge Leute ohne Berufsabschluss zu fördern.

Die unterschiedlichen Mindestlöhne in Deutschland

Pflegebranche

Knapp 800.000 Pflegekräfte erhalten seit dem 1. August 2011 einen gesetzlichen Mindestlohn. Pflegehilfskräfte in der Alten- und ambulanten Krankenpflege bekommen im Osten 7,75 Euro und im Westen 8,75 Euro.

Wach- und Sicherheitsgewerbe

Für die 170.000 Beschäftigten der Branche beträgt der Mindestlohn in allen Regionen Deutschlands seit Anfang 2013 mindestens 7,50 Euro. Für einzelne Regionen im Osten bedeutete dies eine Lohnerhöhung um bis zu 60 Prozent. Die Verordnung ist bis 31. Dezember 2013 befristet.

Abfallwirtschaft

Ob Straßenreiniger, Sortierkraft, oder Müllwerker: Für 160.000 Beschäftigte der Abfallwirtschaft gilt seit Februar ein Mindestlohn von bundeseinheitlich 8,68 Euro.

Bergbau- und Spezialdienste

Für die etwa 2500 Beschäftigten gilt seit Oktober 2009 ein Mindeststundenlohn. Seit 1. November 2011 werden 11,53 Euro für einfache Tätigkeiten gezahlt, Facharbeiter erhalten 12,81 Euro.

Maler- und Lackierer

Für ungelernte Arbeitnehmer der Branche mit etwa 100.000 Beschäftigten gilt eine Lohnuntergrenze von 9,75 Euro, Gesellen verdienen 12,00 Euro pro Stunde.

Industrielle Großwäschereien

Die etwa 35.000 Beschäftigten erhalten seit April 2012 mindestens 8,00 Euro im Westen und 7,00 Euro im Osten.

Gebäudereiniger

Der Mindestlohn für die rund 700.000 Beschäftigten wurde angehoben. In der Innenreinigung werden seit 2012 nun mindestens 8,82 Euro im Westen (7,00 Euro im Osten) gezahlt, während Fassadenreiniger 11,33 Euro (8,88 Euro) erhalten.

Dachdecker

Die etwa 84.000 Arbeitnehmer bekommen seit Jahresanfang bundeseinheitlich einen Mindestlohn von 11,20 Euro.

Bauhauptgewerbe

Für die etwa 414.500 Beschäftigten im Westen gilt seit dem 01. Juli ein Mindestlohn von 11,05 Euro für Werker und 13,40 Euro für Fachwerker. Die 127.600 Beschäftigten im Osten verdienen einheitlich mindestens 10,00 Euro.

Elektrohandwerk

Betroffen sind etwa 280.000 Arbeitnehmer, die ein Mindestentgelt von 9,90 Euro (8,85 Euro Ost) erhalten.

Gerüstbau

Für die rund 30.000 Gerüstbauer in Deutschland gibt es seit dem 01. August einen bundesweiten Mindestlohn. Erstmals wurde eine untere Lohngrenze von 9,50 Euro in Ost und West vereinbart.

Berufliche Weiterbildung

Auch rund 23.000 Angestellte, die als Lehrer, Sozialpädagogen oder Handwerksmeister Jugendliche aus- und Arbeitslose weiterbilden, bekommen einen Mindestlohn. Er liegt je nach Tätigkeit bei mindestens 12,60 Euro im Westen und bei 11,25 im Osten.

Briefdienstleistungen

In weiteren Branchen ist ein Mindestlohn rechtlich möglich, aber nicht in Kraft. Betroffen ist zum Beispiel die Branche Briefdienstleistungen: Für Briefzusteller war 2009 ein Mindestlohn von 9,80 Euro festgelegt worden. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Mindestlohn aber im Januar 2010 gekippt, da er rechtswidrig zustandegekommen sei.

Forstliche Dienstleister

Für diese Branche liegen Mindestlohntarifverträge vor, die noch nicht für allgemeinverbindlich erklärt wurden. Vereinbart sind 10,52 pro Stunde.

Steinmetze und Steinmaurer

Auch im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk gibt es Mindestlohntarifverträge. Vereinbart wurde ein Mindestlohn von 9,75 bis 11,00 Euro pro Stunde.

Abbruch- und Abwrackgewerbe

Hier galt bis Ende 2008 ein Mindestlohn von 9,10 Euro bis 11,96 Euro. Ausführliche Informationen zur Allgemeinverbindlichkeit und geltenden Mindestlöhnen bietet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Der Arbeitgeberverband BDA kritisierte hingegen die Regierungspläne: "Ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro würde gerade für junge Menschen ohne Berufserfahrung und Geringqualifizierte eine Hürde am Arbeitsmarkt sein." BA-Chef Weise sagte, die Einführung des flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohns ohne Ausnahmen ab 2017 berge Chancen und Risiken. Wichtig sei, dass es vor allem in Ostdeutschland bis dahin Anpassungen geben. "Das muss vernünftig stattfinden", mahnte Weise. Sonst drohten Jobverluste.

Darauf weist auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) hin. Der Verband hält Ausnahmeregelungen bei der Mindestlohn-Vereinbarung von Union und SPD für unabdingbar. „Insbesondere für die ostdeutschen Bundesländer gibt es Einstiegslohngruppen in einigen Branchen, die noch unter der Marke von 8,50 Euro liegen. Für diese Branchen ist ein möglichst langer Übergangszeitraum unverzichtbar, um sowohl in den anstehenden Tarifverhandlungen die erforderlichen schrittweisen Anpassungen vorzunehmen, als auch um die steigenden Lohn- und Arbeitskosten sukzessive am Markt erwirtschaften zu können“, sagte ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke Handelsblatt Online. Das Handwerk erwarte daher, dass die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes „flexibel und unter Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse der betroffenen Branchen erfolgen wird“.

Kritisch sieht Schwannecke zudem, dass Union und SPD Fragen zu den Auswirkungen eines gesetzlichen Mindestlohnes auf die Ausbildung und Beschäftigung Jugendlicher bisher nicht beantworten hätten. „Die zahlreichen Ausbildungstarifverträge haben hier eine besondere Bedeutung“, betonte er. Dessen ungeachtet wies er darauf hin, dass das Handwerk gute Erfahrungen mit Mindestlöhnen gemacht habe, vor allem deshalb, weil die Sozialpartner für die Festlegung verantwortlich gewesen seien. „Daher ist der Tarifvorrang für das Handwerk von zentraler Bedeutung.“

Kommentare (8)

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RDA

28.11.2013, 08:36 Uhr

Na, und wer davon hat alles unbefristete Vollzeitverträge? Wie hoch ist der Anteil derer, die nur "atypische Arbeitsverträge" bekommen haben, aber gern vollzeit arbeiten würden?

HofmannM

28.11.2013, 08:43 Uhr

Und warum arbeiten soviele wie nie?! Genau...Demographischer Wandel nennt man so etwas! Es gehen immer mehr Menschen in Rente und es kommen immer weniger Arbeitssuchende nach. Die Nachfrage nach Arbeitskräften übersteigt das Angebot an Arbeitskräften. Die deutsche Gesellschaft wird daruch immer älter und kostet dadurch sehr viel! Viele junge Arbeitnehmer verdienen zusehends einen Hungerlohn. Weil das Leben in Deutschland zum Luxus durch EEG,ESM und Niedriglohnjobs wird!

Muscapede

28.11.2013, 09:32 Uhr

Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden bleibt dabei seit Jahren konstant. Das geht, wenn man aus einem sozialversicherungspflichtigem Vollzeitjob drei Minijobs macht.

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