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11.08.2015

07:10 Uhr

Neue Kita-Streiks drohen

Verdi-Chef Bsirske kündigt „mehr Stress“ an

Neue Streiks in kommunalen Kindertagesstätten rücken näher. Die Gewerkschaft Verdi hatte die Schlichtungsempfehlung am Dienstag abgelehnt. Der Arbeitskampf soll laut Verdi „spürbar einschneidendere“ Formen annehmen.

Kampfansage vom Verdi-Chef

„Kita-Streik wird erhebliche Belastungen bringen“

Kampfansage vom Verdi-Chef: „Kita-Streik wird erhebliche Belastungen bringen“

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BerlinIm Kita-Tarifstreit mit den Kommunen will die Bundestarifkommission von Verdi am Dienstag in Frankfurt am Main über das weitere Vorgehen beraten. Fast 70 Prozent der betroffenen Mitglieder der Dienstleistungsgewerkschaft hatten in einer Befragung die Schlichtungsempfehlung von Ende Juni abgelehnt.

Sie sah zwischen 2 und 4,5 Prozent mehr Geld für Erzieher und Sozialarbeiter vor, die Gewerkschaften hatten etwa 10 Prozent gefordert. Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) wies die Forderung nach Zugeständnissen zurück. Neue Streiks in den Kindertagesstätten rückten damit immer näher. Die nächsten Verhandlungen sind an diesem Donnerstag (13. August) in Offenbach geplant.

Nach der Ablehnung des Kompromissangebots durch die Mehrheit der betroffenen Gewerkschaftsmitglieder hatte Verdi-Chef Frank Bsirske die Schlichtung für die rund 240.000 Beschäftigten für gescheitert erklärt. Er werde der Tarifkommission eine entsprechende Empfehlung vorlegen.

Fragen und Antworten zum Kita-Streik

Worum geht es bei der Tarifauseinandersetzung?

Gewerkschaften und kommunale Arbeitgeber verhandeln nicht über eine prozentuale Tariferhöhung. Es geht darum, wie die Arbeit von Erzieherinnen und Sozialarbeitern bewertet und bezahlt wird. Die Gewerkschaften wollen durchsetzen, dass die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst mehrere Tarifstufen höher eingruppiert werden. Nach ihren Angaben hätte dies im Durchschnitt eine Gehaltserhöhung um zehn Prozent zur Folge.

Für wen wird verhandelt?

Die Verhandlungen laufen nur für die bei den Kommunen beschäftigten Erzieher. Das ist laut Verdi etwa ein Drittel - zwei Drittel arbeiten für freie Träger wie Kirchen oder die Arbeiterwohlfahrt. Bei den freien Trägern orientieren sich die Arbeitgeber der Gewerkschaft zufolge am Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, allerdings häufig mit Eingruppierungen unterhalb des Niveaus bei den Kommunen.

Wie begründen die Gewerkschaften ihre Forderung?

Mit dem Ausbau der frühkindlichen Bildung seien die Anforderungen an die Erzieherinnen stark gestiegen, betont Verdi. Eine entsprechende Bezahlung sei aber ausgeblieben. Auch die Bertelsmann Stiftung streicht die gewachsenen Ansprüche an Erzieherinnen heraus. „Das Anforderungsprofil entspricht dem von Grundschullehrern“, sagt Anette Stein, die bei der Stiftung Direktorin des Programms Bildungsinvestitionen ist. Die Bezahlung bleibe aber „deutlich“ hinter der von Grundschullehrern zurück.

Wie werden Erzieherinnen bezahlt?

Die Einstufung im Tarifsystem erfolgt nach Tätigkeit und Berufserfahrung. Eine Kinderpflegerin erhält als Anfangsgehalt 2043 Euro brutto im Monat, die Leiterin einer Kita kann, bei besonders großen Einrichtungen, bis zu 4749 Euro im Monat verdienen. Eine Erzieherin mit achtjähriger Tätigkeit bekommt nach Angaben von Verdi derzeit 2946 Euro im Monat, nach den Vorstellungen der Gewerkschaft soll sie künftig 3387 Euro erhalten.

Was sagen die Arbeitgeber?

Die meisten Erzieherinnen seien bereits jetzt in die höchste Erfahrungsstufe eingruppiert und hätten damit ein Monatsgehalt von 3289 Euro. Die kommunalen Arbeitgeber vergleichen die Bezahlung der Erzieherinnen mit der von Handwerkern im öffentlichen Dienst oder Brandmeistern bei der Feuerwehr. Das Einkommen des Ausbildungsberufs Erzieherin liege oberhalb dieser Gruppen.

Und die Erzieherinnen?

Viele Kita-Beschäftigte haben in einer aktuellen Befragung eine schlechte Bezahlung und fehlende Wertschätzung beklagt. Das Vorurteil „wir spielen, basteln und betreuen die Kinder nur“ sei noch weit verbreitet. In einer beim Kitaleiter-Kongress am Mittwoch in Dortmund vorgestellten repräsentativen Umfrage gaben fast 88 Prozent der Befragten an, ihre Bezahlung entspreche nicht den gestiegenen Anforderungen an ihre Arbeit.

Falls die Arbeitgeber nicht nachlegen, will er die Streiks wieder aufnehmen. Bsirske setzt dabei auf unberechenbarere und noch „spürbar einschneidendere Streikformen“. Das kündigte der Gewerkschaftschef am Montag in Düsseldorf an. Falls es dazu komme, würden die Streiks voraussichtlich in der zweiten Oktoberhälfte fortgesetzt. „Aber nicht einfach mit Dauerstreiks.“ Wenn die Arbeitgeber nicht einlenkten, müsse es „mehr Stress“ geben, sagte Bsirske.

Der Hauptgeschäftsführer beim Deutschen Landkreistag, Hans-Günter Henneke, warnte Verdi. „Ein erneuter Streik würde das Fass zum Überlaufen bringen, aus gewerkschaftspolitischen Motiven gesellschaftliche Realitäten verkennen und die finanziellen Möglichkeiten der Kommunen überschätzen“, sagte Henneke der „Rheinischen Post“ (Dienstag).

„Hier wird eine Tarifauseinandersetzung auf dem Rücken von Kindern und Eltern ausgetragen, die bereits während des ersten Streiks über Gebühr strapaziert worden sind“, fügte der Hauptgeschäftsführer des kommunalen Spitzenverbands der Landkreise hinzu. Niemand bestreite, dass die Erzieherinnen eine verantwortungsvolle Aufgabe „für uns alle erfüllen“, die auch angemessen honoriert werden müsse. „Dem wird aber durch den Vorschlag der Schlichter Rechnung getragen“, sagte Henneke

Von

dpa

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