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07.06.2016

18:42 Uhr

Neue Pizza-Connection

Im Genuss vereint, in der Politik entzweit

VonAnja Stehle

Peter Altmaier und Anton Hofreiter gehen gern gemeinsam Steak essen. Der Kanzleramtschef hat nun das Buch vom Fraktionschef der Grünen vorgestellt. Ein Vorbote für neue Beziehungen in der Bundespolitik?

Trotz der bundesspolitischen Differenzen teilen sich Anton Hofreiter (l) mit Peter Altmaier (r) gerne einen Tisch. Bascha Mika, Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“, muss nur bei offiziellen Terminen moderieren. dpa

Auf ein Steak

Trotz der bundesspolitischen Differenzen teilen sich Anton Hofreiter (l) mit Peter Altmaier (r) gerne einen Tisch. Bascha Mika, Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“, muss nur bei offiziellen Terminen moderieren.

BerlinEr war auch mal Grünkohl-König von Oldenburg. Landwirtschaftliches Know-How habe er also. Peter Altmaier (CDU) lacht. Und er schwitzt. Die Luft ist stickig in dem Presseraum, durch die großflächigen Fenster knallt die Mittagssonne. Altmaier ist gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe, aber es ist ihm ein Anliegen, diesen Termin wahrzunehmen.

Der Kanzleramtschef soll das neue Buch „Fleischfabrik Deutschland“ von Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter vorstellen. Eine einzige Abrechnung mit industrieller Massentierhaltung und effizienzgetriebener Landwirtschaft.

Wie passt das zusammen? Der grüne Hofreiter, der Bauernbetriebe und Tierschutz will und der Kanzleramtschef, dessen Partei derzeit für die Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat kämpft?

„Man sieht, beide essen gern“, frotzelt Moderatorin Bascha Mika. Hofreiter, gut gelaunt, gesunde Gesichtsbräune, nimmt es mit Stolz. Altmaier tupft Schweiß. Vor allem gehen beide gern gemeinsam Essen. „Erst vor ein paar Tagen habe ich mit Peter ein gutes Steak gegessen, in einem Laden, wo es auch um das Tierwohl geht“, verrät Hofreiter. Und Altmaier schwärmt vom „Filet mit Anton“. Um Verzicht geht es hier nicht, das wird schnell klar. Die Landwirtschaft muss auf anderem Wege gerettet werden.

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Deutschland verbraucht doppelt so viel Fleisch wie der Weltdurchschnitt. Grüne und Verbände fordern, die Deutschen sollten weniger davon essen. Doch der Verzehr ist seit Jahren rückläufig. Das Problem ist ein anderes.

Schon 2012 sind sich die Parteirivalen näher gekommen, als der Altmaier noch Bundesumweltminister war. Der Kanzleramtschef spricht von „guten Gesprächen“, die er damals mit dem Oppositionsangehörigen zur Gestaltung der Energiewende führte. Er habe „Respekt vor Anton.“ Was er allerdings nicht möge, warnt der Unionspolitiker „das ist, wenn man mir vorschreibt, wann ich Fleisch essen soll.“ Eine Anspielung auf den vergangenen Bundestagswahlkampf der Grünen, als diese sich mit dem Vorschlag für einen Veggi-Day bei den Fleischessern unbeliebt machten. Hofreiter nimmt den Seitenhieb gelassen.

Erlebt die Republik gerade eine Pizza-Connection reloaded? Bereits zu Bonner Zeiten gab es die schwarz-grünen kulinarischen Treffen, die sogenannte Pizza-Connection. Anders als Hofreiter, saß Altmaier damals schon mit am Tisch. Und er weiß deshalb gut über Fehlinterpretationen der Runde Bescheid: „Natürlich ist dieser Auftrag keine Koalitionsaussage“, entgegnet Altmaier allen, die die Buchvorstellung bereits als Vorboten für eine schwarz-grüne Zusammenarbeit im Bund interpretieren. Man habe eine funktionierende Regierung. „Ich finde die Grünen in den Umfragen zu gut bewertet“, sagt der Kanzleramtschef.

Damit war auch schon die Überleitung zu all den Punkten in Hofreiters Schrift getan, denen Altmaier nicht zustimmt.  Er sei auch für Tierschutz, aber „ohne professionelle Landwirtschaft geht es nicht“, sagt er. Denn irgendwie müssten ja die Milliarden Menschen ernährt werden. Das Wort „Fleischfabrik“ will er auch nicht negativ verstanden wissen. Stattdessen freue er sich, dass Deutschland in der Lage sei, seine Bürger zu ernähren.

Wer Deutschland mit Fleisch versorgt

Deutsche lieben Fleisch

Die Deutschen essen sehr viel Fleisch - und vor allem Schwein: 39,2 Kilogramm sind es pro Jahr und Person im Durchschnitt. Dazu kommen 11,5 KG Geflügel und 8,7 KG Rind. Davon ist nur ein Bruchteil Bio: Beim Schwein sind es 240 Gramm, beim Geflügel 60 Gramm, beim Rind 170 Gramm.

Platz 9: Röthkötter

Die Röthkötter-Gruppe machte 2010 einen Umsatz von 670 Millionen Euro und liegt damit auf Rang neun. Wichtigste Tochterfirma ist Emsland Frischgeflügel.

Platz 3: Müller

Die Müller-Gruppe aus Birkenfeld kommt auf einen Umsatz von 0,72 Milliarden Euro. Die wesentlicher Geschäftsfelder sind Schlachtung und Zerlegung von Rindern, Kälbern und Schweinen.

Platz 7: Sprehe

Die Sprehe-Gruppe aus Lorup kommt gerundet ebenfalls auf einen Umsatz von 0,72 Milliarden Euro. Rund 2500 Mitarbeiter sind für das Unternehmen aus Lorup tätig.

Platz 6: Zur Mühlen

Auf Rang 6 liegt die Zur-Mühlen-Gruppe aus Böklund. Aus der Werbung kennt man daher auch die Böklunder-Produkte am besten, allerdings macht das Unternehmen seine 830 Millionen Euro Umsatz mit weitaus mehr Marken wie Könecke, Redlefsen, Schulte, Zerbster Original und Plumrose.

Platz 5: Heristo

Heristo kommt auf einen Umsatz von 1,54 Milliarden Euro und ist in vielen Bereichen tätig. Neben der Fleischproduktion gehört dazu auch Tiernahrung. Das Familienunternehmen wurde 1913 in Versmold gegründet und hat seinen Sitz heute in Bad Rothenfelde.

Platz 4: Westfleisch

Auch der Viertplatzierte kommt aus Westfalen: Westfleisch aus Münster erwirtschaftet einen Umsatz von 1,93 Milliarden Euro. Gegründet wurde das Unternehmen am 28. Oktober 1928 als Westfälische Provinzial-Viehverwertungsgenossenschaft WPVG.

Platz 3: Wiesenhof

Die PHW-Gruppe aus Visbek kommt auf einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro und schafft es damit aufs Podium. Das Unternehmen ist der größte deutsche Geflügelzüchter und -verarbeiter. Bekannteste Marken sind Wiesenhof und Bruzzzler. 

Platz 2: Vion Food Germany

Inmitten den bekannten Namen von Familienunternehmen taucht mit Vion Food Germany sozusagen ein Exot auf Platz 2 auf. Das Unternehmen kommt hierzulande auf einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro und ist eine Tochterfirma des niederländischen Riesen Vion.

Platz 1: Tönnies

Clemens Tönnies ist den meisten Deutschen als Aufsichtsratsvorsitzender des Fußballclubs Schalke 04 bekannt. Sein Unternehmen ist mit einem Umsatz von 4,3 Milliarden Euro Deutschlands größter Fleischproduzent. Sitz des Konzerns ist Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen.

Neue Ställe in Deutschland

Derzeit werden in Deutschland überall neue Ställe gebaut - vor allem für Schweine und Geflügel. Vor allem niederländische Betriebe betrieben in der Heimat förmlich in ihrer Gülle, da lockt der Weg nach Deutschland.

Kritik an der Haltung

Massive Kritik gibt es an der Haltung und der Schlachtung längst nicht mehr nur von Tierschützern. In den "Ferkelbatterien" erlangen Jungtiere in 180 Tagen ihr Schlachtgewicht von 90 Kilogramm. Das sind pro Tag 200 Gramm mehr Fett und Fleisch. Vor allem die männlichen Ferkel durchlaufen dabei eine extrem schmerzhafte Prozedur.

Hofreiter entgegnet: Es gebe in Deutschland längst eine Überproduktion. Das billige Fleisch werde nach Afrika exportiert und würde die dortigen Bauern in den Ruin treiben. Nach China sei man mit jährlich 5507 Tausend Tonnen der größte Fleischproduzent der Welt, rechnet er vor. Megaställe hätten negative Auswirkungen, etwa weil die Gülle das Grundwasser verschmutze.

Am Ende wird klar: Den Fraktionschef der Grünen und den Unionspolitiker mag zwar ein gebratenes Steak an einen Tisch bringen. Im Ringen um die politischen Ansichten verhält es sich mit den beiden jedoch wie mit Wasser und Öl. Ob künftige gemeinsame Essen die Chemie verändern, wird der Bundestagswahlkampf zeigen. Jedenfalls, kündigte Altmaier an, werde man im Wahlkampf über diese Themen diskutieren.

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