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03.09.2013

13:27 Uhr

Neue Polit-Karriere

Kubickis Geige

VonDietmar Neuerer

Die FDP kämpft um den Wiedereinzug in den Bundestag. Gelingt es, könnte auch der Klartext-Liberale Kubicki im Parlament landen – und einen Top-Posten beanspruchen. Eine zweite Geige will er jedenfalls nicht spielen.

Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Kubicki: Bald im Bundestag Rededuelle mit Gabriel, Gysi & Co.? dpa

Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Kubicki: Bald im Bundestag Rededuelle mit Gabriel, Gysi & Co.?

BerlinZum Karriere-Ende von der Provinz in die Metropole: FDP-Spitzenpolitiker Wolfgang Kubicki strebt in den Bundestag. Für ihn steht der Wahlerflog bereits fest, auch wenn ein Wiedereinzug seiner Partei in den Bundestag ungewiss ist. „Wie sehr ich sicher bin, dass das passieren wird, können Sie daran sehen, dass ich bereits eine Wohnung in Berlin für die Zeit nach dem 22. September anmiete“, sagt Kubicki dem „Hamburger Abendblatt“. Und auch, dass Schwarz-Gelb weiterregieren wird, steht für ihn außer Frage: „Die schwarz-gelbe Koalition wird zwischen 47 und 48 Prozent der Stimmen bekommen, und das wird jedenfalls mehr sein, als Rot-rot-grün auf die Waage bringt.“

Für solche klaren Aussagen ist das Enfant terrible der Liberalen bekannt. Es ist vielleicht auch die politische Erfahrung Kubickis, die bei solchen Einschätzungen mitschwingt. Immerhin: 2009 führte Kubicki die Landespartei mit dem Top-Ergebnis von 14,9 Prozent nach Jahrzehnten wieder in die Regierung.

Dass es ihm mit dem damaligen CDU-Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen gelang, das hoch verschuldete Land auf Konsolidierungskurs zu führen, rechnet er sich hoch an. Aber als größten Erfolg nennt er die 8,2 Prozent von 2012, weil die FDP damals bundesweit tief im Keller saß.

Die Ambitionen der FDP-Spitzen

Philipp Rösler (40):

Vor nicht einmal fünf Monaten sah es so aus, als ob der Wirtschaftsminister und Vizekanzler Geschichte ist. Es folgten 9,9 Prozent in seiner Heimat Niedersachsen und ein kluger Schachzug, um seinen ärgsten Rivalen Rainer Brüderle abzuschütteln: Rösler bot dem überrumpelten Fraktionschef den Vorsitz an. Brüderle traute sich nicht. 2011 bekam Rösler in Rostock bei seiner Premiere 95,1 Prozent. Am Samstag könnte es weniger sein. Einige halten ihn weiter für eine Fehlbesetzung. Sechs Monate vor der Wahl sollte aber auch die FDP begriffen haben, dass der eigene Chef ein starkes Votum braucht.

Rainer Brüderle (67):

Der Fraktionschef hat harte Wochen hinter sich. Erst die Schlappe gegen Rösler, dann die Sexismus-Affäre. Eine „Stern“-Journalistin hielt ihm mit einem Jahr Verspätung vor, sich anzüglich geäußert zu haben. Die Story löste über Twitter die nationale Aufschrei-Debatte aus. Brüderle traf der Vorwurf ins Mark, er schweigt bis heute dazu. Auf dem Parteitag will die Basis ihm neue Kraft geben. Per Abstimmung durch Zuruf soll Brüderle als Spitzenkandidat für den Wahlkampf gekürt werden. Im Präsidium sitzt er als Fraktionschef.

Christian Lindner (34):

Lange ließ er Rösler zappeln. Jetzt wird der NRW-Landeschef erster Stellvertreter jenes Mannes, der ihn im Dezember 2011 zum Rücktritt als Generalsekretär brachte. Lindner wäre bereit gewesen, mit Brüderle zu marschieren. Nun gilt das Verhältnis zu Rösler als stabil. Auf längere Sicht ist Lindner der nächste Parteichef. Spannende Frage am Wochenende: Wer holt das bessere Ergebnis - Rösler oder Lindner?

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (61):

Als Vorkämpferin für die Bürgerrechte genießt die Bundesjustizministerin großes Ansehen an der Basis. Rösler muss deshalb darüber hinwegsehen, dass die Bayern-Chefin nach Niedersachsen Brüderle unterstützt hätte. Leutheusser wird stellvertretende Vorsitzende bleiben.

Guido Westerwelle (51):

Der Ex-Parteichef macht bei den Präsidiumswahlen nicht mit. Er wird wieder geschätzt und im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen. Schafft es Schwarz-Gelb, will er Außenminister bleiben.

Dirk Niebel (49):

Er hat gezockt und droht seinen Platz als Beisitzer im Präsidium zu verlieren. An Dreikönig blies er, kurz vor der Niedersachsen-Wahl, offen zum Putsch. Das kann Rösler dem Entwicklungsminister nicht verzeihen. Niebels Abstrafung wäre nicht ohne - schließlich ist er Spitzenkandidat in Baden-Württemberg und soll im FDP-Stammland viele Stimmen bei der Bundestagswahl holen.

Birgit Homburger (47):

Sie ist erste Stellvertreterin von Rösler. Ihr droht eine Kampfabstimmung gegen den Sachsen Holger Zastrow. Homburger werden die besseren Karten eingeräumt, weil sie mit Nordrhein-Westfalen, Bayern und ihrem eigenen Verband Baden-Württemberg die Schwergewichte hinter sich hat.

Holger Zastrow (44):

Der Werbe-Profi aus Dresden wurde von Rösler 2011 als Gesicht des Ostens ins Präsidium geholt. Der Parteivize stützte Rösler auch in schwierigen Zeiten. Er will aber oft mit dem Kopf durch die Wand, etwa in der Energie- oder Steuerpolitik. Die ostdeutschen Landesverbände stehen hinter dem Sachsen.

Daniel Bahr (36):

Der Bundesgesundheitsminister hielt sich in der Führungskrise im Hintergrund. Er will jetzt ins Präsidium, um nach dem Verlust des NRW-Landesvorsitzes an Lindner wieder mehr Gewicht in der Partei zu bekommen. Möglicherweise tritt er gegen Niebel an.

Wolfgang Kubicki (61):

Der Kieler Fraktionschef war stets einer der schärfsten Kritiker Röslers, den er für zu weich hält. Er fühlt sich an der Förde unterfordert und kandidiert für den Bundestag. Kubicki will ins Präsidium, beruft sich auf seinen Landtagswahlsieg. Die Parteispitze aber sähe es nicht ungern, wenn der Querulant draußenbleibt.

Patrick Döring (39):

Seinen Freund machte Rösler nach Lindners Abgang zum Generalsekretär. Der Sieg in Niedersachsen war auch sein Verdienst. Er könnte bei der Wiederwahl aber Schrammen bekommen, wenn ihn Rösler-Gegner stellvertretend für den Chef abstrafen.

Otto Fricke (47):

Der Haushaltsexperte und Holland-Fan soll und wird Schatzmeister bleiben. Die Zahlen stimmen, 2012 machte die Bundespartei einen Rekordüberschuss von mehr als 3,5 Millionen Euro.

Jörg-Uwe Hahn (56):

Der Hesse dürfte seinen Präsidiumsplatz behaupten. Er sorgte bundesweit mit einem schrägen Satz über Röslers vietnamesische Herkunft für Befremden. Rösler steht zu ihm.

Mit einem ähnlichen Ergebnis rechnet er für die FDP bei der Wahl in 19 Tagen. „Bundesweit zwischen acht und neun Prozent, in Schleswig-Holstein wird es zweistellig“, sagt er. Dann wird auch er als Abgeordneter in den Bundestag einziehen.

Für Kubicki, der in Schleswig-Holstein schon seit Jahrzehnten als so etwas wie der unumschränkte Herrscher der FDP gilt, dürfte dann eine neue Zeitrechnung beginnen. Mit neuen Funktionen. Möglicherweise gar nicht an vorderster Front. Als unwahrscheinlich gilt, dass er wie bereits in Kiel auch in Berlin an den Fraktionsvorsitz übernimmt. Dafür ist er zu sehr er selbst, zu laut, zu oft an der Parteilinie vorbei. Wird er dann also im Bundestag die zweite Geige spielen?

Kubicki will das auf keinen Fall. „Ich habe noch nirgendwo die zweite Geige gespielt, sondern immer nur meine eigene Geige“, sagt er. Die FDP muss sich auf etwas gefasst machen. Einfach wird er es ihr nicht machen. Er lässt seine Partei derzeit aber lieber noch im Ungewissen. Bei Posten in der künftigen FDP-Fraktion will er sich nicht zu früh festlegen. „Ich mache mir momentan noch keine Gedanken darüber, was ich nach dem 22.9. in Berlin an Funktionen anstrebe“, sagt er und macht aber zugleich Andeutungen, die Raum für Spekulationen lassen. „Es gibt zwei Gebiete, in denen ich von Natur aus zu Hause bin. Das ist zum einen alles, was mit Recht zu tun hat. Zum anderen ist es die Haushalts- und Finanzpolitik.“ Damit habe er sich über 20 Jahre lang in Schleswig-Holstein beschäftigt.

Ob Kubicki Ähnliches im Bundestag im Sinn hat? Er lässt es offen, freut sich aber schon mal auf die Rededuelle mit den „neuen“ politischen Gegnern. Dem Kieler SPD-Fraktionschef Ralf Stegner und den verbalen Auseinandersetzungen mit ihm weint er keine Träne nach. „Ich bin mir sicher, dass Sigmar Gabriel und ich uns aneinander reiben werden“, sagt Kubicki. Und auf Gregor Gysi freue er sich „riesig“. Das sei eine andere Qualität als Stegner. „Der ist so unlustig.“

Kommentare (1)

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zenzes

03.09.2013, 13:37 Uhr

Seitdem die AfD immer stärker wird, wird es wohl nicht für Schwarz-Gelb reichen, ebenso nicht für Rot-Grün. Dann wäre das erste Etappenziel der AfD erreicht. Die zweite und wesentlich wichtigere Etappe ist die Europawahl 2014. Da stimmt endlich mal das Volk ab!! Die AfD hat Riesenchancen, den Ausverkauf unseres Landes zu brechen. Schlau wählen, AfD wählen!

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