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01.03.2012

19:26 Uhr

Neue Regelung gefunden

Über Organspende soll bald jeder entscheiden

Für tausende Menschen ist es ein Wettlauf mit dem Tod. Rund 12.000 Kranke warten auf ein Spenderorgan - meist vergebens. Jetzt sollen sich viel mehr Menschen für eine Spende entscheiden - möglichst alle.

Eine spezielle Kühlbox für Spenderorgane. dpa

Eine spezielle Kühlbox für Spenderorgane.

BerlinJeder Erwachsene in Deutschland wird künftig regelmäßig per Brief aufgefordert, sich für oder gegen eine Organspende nach dem Tod zu entscheiden. Angesichts des drastischen Organmangels soll diese grundlegende Reform die geringe Zahl der Spender spürbar und schnell erhöhen. Einen Zwang zur Entscheidung soll es nicht geben.

Nach mehr als 15 Jahren Debatte mit vielen Rückschlägen erzielten Spitzenvertreter und Fachpolitiker aller im Bundestag vertretenen Fraktionen sowie die Bundesregierung am Donnerstag den Durchbruch. Sobald der geplante Gruppenantrag im Sommer Gesetz geworden ist, sollen die gesetzlichen und privaten Krankenkassen die Menschen schriftlich nach ihrer Spendebereitschaft fragen.

Fragen und Antworten zur Organspende

Wie soll der Weg zu mehr Organen geebnet werden?

Möglichst alle Erwachsenen sollen sich mit dem für viele heiklen Thema auseinandersetzen. Dazu werden sie schriftlich von ihren Krankenkassen aufgefordert. Sie sollen dann erklären, ob sie ihre Organe nach dem Hirntod spenden wollen oder nicht.

Wird Druck ausgeübt?

Nein. Niemand muss sich entscheiden. Man soll die Aufforderung sogar ungelesen wegwerfen können. Man kann auch schon wie bisher auf dem Spendeausweis die Spendebereitschaft nur für bestimmte Organe erklären.

Wie soll man die Entscheidung dokumentieren?

Wie bisher auf einem Spendeausweis aus Papier. Oder - wenn dies technisch möglich ist - in einem eigenen elektronischen Fach auf dem Chip der elektronischen Gesundheitskarte.

Warum war die Einigung so schwierig?

Nach langem Hin und Her einigten sich Union, FDP, SPD, Grüne und Linke im Bundestag im November auf Grundzüge eines gemeinsamen Gruppenantrags. Doch an immer neuen Detailfragen wurden tiefgreifende Differenzen deutlich. So sperrten sich die Grünen dagegen, dass die Krankenkassen die Bereitschaft auf der Gesundheitskarte speichern und somit diese intime Entscheidung ihrer Versicherten generell mitbekommen. Die SPD wollte verbindlichere Regelungen, die FDP pochte auf freiere. Die Linke war überhaupt skeptisch gegen Lösungen per Gesundheitskarte, die sie kritisieren

Sind alle Fragen nun restlos geklärt?

Keineswegs. Die Grünen-Verhandlungsführerin Elisabeth Scharfenberg machte noch am Donnerstagabend deutlich, dass auch der gefundene Kompromiss ihr noch Bauchschmerzen bereite. In der Umsetzung komme es nun auf eine größtmögliche Wahrung des Datenschutzes an.

Wie viele Menschen in Deutschland benötigen ein Spenderorgan?

Auf den Wartelisten stehen zurzeit rund 12.000 Patienten. Sie können ohne Transplantation nicht mehr lange überleben, weil sie an lebensbedrohlichen Krankheiten leiden oder Organe wie Herz oder Niere nicht mehr richtig funktionieren. Hilfsmittel wie Herzpumpen oder Dialyse können Organe oft nicht dauerhaft ersetzen. 2011 konnte 4054 Menschen mit einer Transplantation geholfen werden.

Wie viele Organe werden gespendet?

In Deutschland kommen auf eine Million Einwohner 14,9 Spender. International liegt die Bundesrepublik damit im unteren Drittel. 2011 wurden 1200 Menschen nach ihrem Tod 3917 Organe entnommen - das waren 7,4 Prozent Spender weniger als im Vorjahr. Ein einzelner Organspender kann bis zu sieben schwer kranken Menschen helfen.

Welche Organe können gespendet werden?

Nach dem Hirntod können Niere, Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm gespendet werden. Es gibt aber auch Lebendspenden. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier spendete 2010 seiner kranken Frau eine Niere.

Wird eine Organspende bezahlt?

Nein. In Deutschland ist der Handel mit Organen verboten.

Was ist die Voraussetzung für eine Organspende nach dem Tod?

Als potenzielle Organspender kommen nur Menschen infrage, bei denen der Hirntod vor dem Herzstillstand eintritt. Von den rund 400.000 Menschen, die jedes Jahr in deutschen Kliniken sterben, ist das nur bei einem Prozent der Fall. Ein Hirntod bedeutet, dass das Gehirn eines Menschen als Schaltstelle aller Lebensfunktionen keine Funktionen wie Ströme oder Reflexe mehr zeigt. Das Herz schlägt nur noch durch künstliche Beatmung auf einer Intensivstation weiter. Ein Hirntod wird häufig nach schweren Schlaganfällen, Hirnblutungen oder Schädel-Hirn-Traumata festgestellt. Dabei müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander urteilen.

Warum gibt es bisher so wenig Organspenden?

Bisher muss jeder Erwachsene aktiv sein Einverständnis zur Organspende geben. Einen Spenderausweis haben aber nur etwa 20 Prozent. Eine andere Möglichkeit ist bisher eine klare Aussage gegenüber Angehörigen. Zurzeit müssen bei neun von zehn Hirntoten die Angehörigen entscheiden.

Warum tun sich die Bürger schwer?

Immerhin 45 Prozent der Deutschen fürchten laut einer Umfrage von Bertelsmann Stiftung und Barmer, dass die Ärzte nicht mehr mit vollem Einsatz um ihr Leben kämpfen, wenn sie sich zu einer Spende bereiterklärt haben.

Was muss in den Kliniken besser werden?

Gerade kleinere Kliniken haben Probleme, Organspenden zu organisieren. Die Regierung hat bereits im Kabinett ein neues Transplantationsgesetz verabschiedet, was bald im Bundestag beraten wird. Krankenhäuser sollen klare Vorgaben bekommen, um mögliche Spender zu erkennen und Angehörige besser zu betreuen. Um den Weg für das Gesetz freizumachen, muss vorher aber die Organspende geregelt sein. Große Kliniken haben schon Transplantationsbeauftragte.

Man kann dann die Bereitschaft erklären (Ja), sie verneinen (Nein) oder das Anschreiben einfach wegwerfen. Auch die Bereitschaft, nur bestimmte Organe zu spenden, soll man erklären können, zudem soll man bestimmte Organe ausdrücklich ausschließen können. Die Erklärung soll wie bisher auf einem Organspendeausweis aus Papier dokumentiert werden.

Wenn dies technisch möglich ist, soll die Entscheidung auch auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden können. Diesen Eintrag sollen die Versicherten selbst an Terminals etwa beim Arzt vornehmen können. Sie sollen das aber auch ihren Ärzte oder ihrer Krankenkasse überlassen können. Die technischen Möglichkeiten solle die für die Karte zuständige Gesellschaft der Akteure im Gesundheitswesen, die Gematik, bis 2013 entwickeln.

Die erste Welle an Aufforderungen zur Entscheidung ohne Zwang soll binnen eines Jahres bis Mitte 2013 komplett verschickt sein. Dann sollen die Bürger den jetzigen Planungen zufolge ab Mitte 2015 und dann im Weiteren alle zwei Jahre auf dieselbe Weise nach ihrer Spendebereitschaft gefragt werden. Die Bürger sollen vor einer Entscheidung umfangreich informiert werden.

Kommentare (10)

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DERRichter

01.03.2012, 20:25 Uhr

Niemand möge sich etwas vorlügen. Die Menschen haben Angst
zu Gunsten von Reichen, Politikern und Beamten organisch ausgeschlachtet zu werden. Das Mißtrauen und der Hass auf Staatseliten und Finanzeliten hat -aus bekannten Gründen-
in den letzten Jahren noch zugenommen, und wird die Organ-Spendenbereitschaft weiter sinken lassen. Die meisten Menschen trauen -trotz aller Beteuerungen von Politikern und Ärzten- genauso wie ich dem System nicht mehr und werden das Anschreiben, wie es ja möglich ist, sofort wegschmeissen. Für die 12000 dringend von Organ-Spenden abhängigen Menschen besteht demnach wenig Hoffnung von der Gesetzesneuregelung zu profitieren.

Che

01.03.2012, 20:52 Uhr

@derrichterWie immer....gleich erstmal rumnürgeln ;)

Ich find das Gesetz super. Dadurch wird sich jeder mit dem Thema Organspende befassen und es wird definitiv mehr freiwillige Spender geben.

freiwillige Organspender: Gefällt mir ;)

Tetrapode

01.03.2012, 21:37 Uhr

Organspende ist der grundsätzlich falsche Weg und sollte deshalb auch nicht länger propagiert werden.

Der richtige Weg ist die Organreproduktion über Stammzellen sowie ggf. die Xenotransplantation für die Übergangszeit.

Bis dahin sollte man sich gedulden und die verfügbaren
Ressourcen hierauf konzentrieren.

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