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18.11.2012

18:44 Uhr

Neue Studie

Deutschland steuert auf Pflegekrise zu

Laut einer Studie könnten am Ende des Jahrzehnts rund 500.000 Vollzeit-Pflegekräfte fehlen. Dagegen wird die Zahl der Pflegebedürftigen bis dahin stark ansteigen. Ein Experte warnt vor „erheblichen Versorgungsproblemen“.

Es mangelt oft an Hilfe: Eine pflegebedürftige Frau in einem Seniorenheim in Stuttgart. ap

Es mangelt oft an Hilfe: Eine pflegebedürftige Frau in einem Seniorenheim in Stuttgart.

BerlinDeutschland droht einer neuen Studie zufolge ein massiver Mangel an Betreuungskräften für Pflegebedürftige. Rund eine halbe Million Vollzeit-Pflegekräfte könnten im Jahr 2030 fehlen - dies ergab eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung, über die der „Spiegel“ berichtete und die im Internet veröffentlicht ist.

Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland bis 2030 um fast die Hälfte auf knapp dreieinhalb Millionen steigen wird - in bestimmten Kommunen wird sie sich der Stiftung zufolge sogar verdoppeln. „In vielen Landkreisen wird es zu erheblichen Versorgungsproblemen kommen, wenn heute nichts geschieht“, sagt Heinz Rothgang vom Bremer Zentrum für Sozialpolitik, einer der Autoren der Studie. Darin sind Daten für jeden Kreis und jede kreisfreie Stadt in Deutschland ausgewiesen. Damit sollen sich Bürgermeister und Landräte ein Bild machen können, was auf sie und ihre Nachfolger zukommt.

Die Rezepte der Parteien gegen Altersarmut

Gemeinsames Ziel

Im Ziel sind sich alle einig: Die Geringverdiener von heute sollen nicht die armen Rentner von morgen sein. In ihren Rezepten gegen die Altersarmut unterscheiden sich die Parteien aber. Der Vorstoß von Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat einen Wettstreit unterschiedlicher Konzepte ausgelöst.

CDU, CSU

In der Union läuft die Diskussion über Maßnahmen im Kampf gegen die Altersarmut noch. Offen ist bislang, ob CDU und CSU die Pläne von der Leyens für eine Zuschussrente überhaupt akzeptiert. Sie will die Renten von Geringverdienern auf 850 Euro aufstocken lassen; finanziert werden soll dies aus Rentenbeiträgen. Die Hürden für den Erhalt der Zuschussrente sind hoch: Voraussetzung sind ab dem Jahr 2023 dann 35 Beitragsjahre sowie 45 „Versicherungsjahre“, zu denen auch Ausbildung oder Arbeitslosigkeit gehören. Weitere Voraussetzung ist, dass der Empfänger bereits im Erwerbsleben private Zusatzvorsorge betrieben hat. Einkünfte daraus sollen nicht wie bisher bei der Grundversicherung wieder abgezogen werden.

SPD

Auch die SPD will kleine Renten auf 850 Euro aufstocken. Finanziert werden soll dies aber aus Steuermitteln. Die Partei setzt außerdem auf einen massiven Ausbau der Betriebsrenten, der sich in erhöhten Beitragszahlungen bemerkbar machen würde: Jeder Arbeitnehmer soll zwei Prozent des Bruttolohns zur Betriebsrente einzahlen - es sei denn, er widerspricht. Voraussetzung für die Mindestrente sind 30 Beitrags- und 40 Versicherungsjahre. Eine private Zusatzvorsorge ist nicht Bedingung. Wer die Rente auf 850 Euro aufgestockt bekommt, darf - anders als bei von der Leyen - keine anderen Einkünfte beziehen.

FDP

Die FDP lehnt eine beitragsfinanzierte Zuschussrente ab und bewertet auch steuerfinanzierte Modelle sehr skeptisch. Die Liberalen setzen vor allem auf Prävention und wollen die private Vorsorge und die Betriebsrenten stärken. Bei der Grundsicherung wollen sie Freibeträge für private und betriebliche Vorsorge einführen: Der Freibetrag soll bei mindestens 100 Euro liegen. Außerdem will die FDP das Renteneintrittsalter flexibel gestalten.

Grüne

Die Grünen wollen jedem Bürger eine Garantierente zusichern, damit sie nicht auf die Grundsicherung angewiesen sind. Sie soll laut Fraktionschef Jürgen Trittin jedem zustehen, der 33 Jahre lang dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestanden hat. Diese Garantierente soll leicht über der bisherigen Grundsicherung liegen. Die Bedingungen für diese Garantierente sollen weniger rigide sein als bei von der Leyen geplant.

Linkspartei

Die Linke setzt sich für eine Mindestrente ein, die mindestens 1000 Euro betragen soll. Um die Finanzierung zu gewährleisten, sollen anders als bislang auch Freiberufler, Beamte und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.

Ein Beispiel: Ein Großteil Brandenburgs ist auf der Deutschland-Karte tiefrot gefärbt. Demnach steigt die Zahl der Pflegebedürftigen zwischen 2009 und 2030 hier um 60 Prozent oder mehr. Gleiches gilt für weite Teile Süd- und Nordwestdeutschlands.

Konkret fallen die Prognosen für die Bundesländer sehr unterschiedlich aus. So wird für Bremen ein Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen um rund 28 Prozent vorausgesagt, für Brandenburg hingegen um rund 72 Prozent. Für Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wird ein Anstieg um 56 Prozent prognostiziert, für Baden-Württemberg, Bayern und Schleswig-Holstein um 54 Prozent. Die übrigen Bundesländer: Sachsen 46 Prozent, Thüringen 46 Prozent, Niedersachsen 45 Prozent, Hessen 43 Prozent, Nordrhein-Westfalen 41 Prozent, Rheinland-Pfalz 41 Prozent, Sachsen-Anhalt 40 Prozent, Saarland 34 Prozent, Hamburg 32 Prozent.

Einen Anstieg der Pflegebedürftigen um weniger als ein Fünftel prognostizieren die Experten für gerade einmal neun Kreise und Städte, darunter Gelsenkirchen, Hagen und Kassel. Mit der stärkste Anstieg wird dagegen für München vorhergesagt.

Den stärksten Bedarf an Pflegekräften sieht die Studie für Nordrhein-Westfalen, Ostdeutschland und Teile Nordwestdeutschlands. Im Kreis Recklinghausen etwa werden der Prognose zufolge 2030 rund 4500 Vollzeitkräfte fehlen. In diese Zahl sind auch Nicht-Pflegekräfte einkalkuliert, die Heimen dann ebenfalls fehlen dürften, wie etwa Köche.

Als Maßnahme gegen den Pflegekräfte-Mangel schlägt die Bundesagentur für Arbeit (BA) eine Verkürzung der Altenpflege-Ausbildung vor. Für Arbeitslose mit Vorkenntnissen sollten zwei statt drei Jahre Ausbildung genügen, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker den „Ruhr Nachrichten“ (Samstag). „Im Bereich der Altenpflege könnten sofort 10 000 Fachkräfte eingestellt werden, wir haben aber einen erheblichen Mangel an examinierten Kräften“, kritisierte Becker gesetzliche Hürden.

Von

dpa

Kommentare (20)

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Ichbinsdoch

18.11.2012, 19:19 Uhr

Wird wahrscheinlich doch so kommen wie zu befürchten ist.
"Alte und Nutzlose" werden dann verklappt. Irgendwo ins Ausland verfrachtet, paar Euros überwiesen und danach ist dann das verrotten angesagt.
Schöne neue Welt die wir uns hier schaffen, bzw von der Polit- und Finanzmafia schaffen lassen

Martina

18.11.2012, 19:52 Uhr

wen interessierts ? Hauptsache Bankerboni werden gerettet !

kantor

18.11.2012, 20:59 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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