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15.05.2014

13:43 Uhr

Neue Studie

Karriere statt Kinder

VonThorsten Giersch

Die Geburtenrate bleibt niedrig, die Lust auf eine eigene Familie sinkt. Dabei zeigen andere Länder, dass Kind und Karriere kein Widerspruch sind. Tun die Firmen zu wenig? Oder sind die Deutschen schlicht zu feige?

Kind oder Kohle? Das muss sich nicht ausschließen – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. dpa

Kind oder Kohle? Das muss sich nicht ausschließen – wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Düsseldorf/BerlinEs riecht nach nassem Hund an diesem kalten und fiesen Maimorgen in Dortmund. Das Gedränge auf der Hundemesse ist groß. Skurrile Bilder zeigen sich, die im Kopf bleiben. Zum Beispiel der kleine Mops, der im umgebauten Kinderwagen durch die Halle geschoben wird. Die adrett gekleidete Mitfünfzigerin beobachtet die Szene und schüttelt mit dem Kopf: „Die Tiere werden immer mehr zum Ersatz für Kinder“, schimpft sie.

Haustiere sind in Mode, Kinder zu kriegen nicht. Die Stiftung für Zukunftsfragen befragte 2000 Bürger in einer repräsentativen Umfrage, die Handelsblatt Online exklusiv vorliegt. Die gute Nachricht: Der Stellenwert der Familie bleibt ungebrochen hoch – für 88 Prozent der Deutschen ist die Familie das Wichtigste im Leben. Die schlechte lautet: Das ist eine ziemlich theoretische Aussage, denn immerhin sagen auch beinahe zwei von drei Deutschen, dass ihnen die Karriere wichtiger ist als Kinderkriegen.

Die wichtigsten familienpolitischen Leistungen – ein Überblick

Kindergeld und Kinderfreibetrag

Für die ersten beiden Kinder zahlt der Staat jeweils 184 Euro, für jedes dritte Kind 190 Euro und für jedes weitere Kind 215 Euro monatlich. Zusammen mit dem steuerlichen Kinderfreibetrag kostet das den Staat 38,8 Milliarden Euro jährlich (Angaben jeweils für das Jahr 2010). Zuletzt wurde das Kindergeld 2010 um 20 Euro erhöht.

Elterngeld

Bis zu 14 Monate nach der Geburt eines Kindes können Mütter und Väter Elterngeld bekommen. Es orientiert sich am bisherigen Einkommen und beträgt mindestens 300 Euro und höchstens 1800 Euro im Monat. Nutzt nur einer der Partner die Elternzeit, wird die Leistung für maximal zwölf Monate gezahlt. Im Haushalt schlägt sie mit 4,6 Milliarden Euro zu Buche. Die Elternzeit ist den Analysen zufolge für Väter ein starker Anreiz, sich an der Betreuung zu beteiligen.

Ehegattensplitting

Das Ehegattensplitting, von dem vor allem Paare mit unterschiedlicher Einkommenssituation profitieren, kostet den Fiskus jährlich Einnahmen in Höhe von etwa 20 Milliarden Euro. Umstritten ist die Leistung, weil auch Ehepaare ohne Kinder profitieren.

Kinderbetreuung

Die Kinderbetreuung kostet die öffentliche Hand 16,2 Milliarden Euro. Über 15 Milliarden davon entfallen auf Tageseinrichtungen wie wie Krippe, Kindergarten und Hort. Seit August erhalten Familien, die ihre Kleinkinder zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr zu Hause betreuen, ein Betreuungsgeld. Für 2014 kalkulierte die Bundesregierung für diese Leistung mit Kosten von 1,2 Milliarden Euro.

Kinderzuschlag

Wenn Eltern wegen des Bedarfs ihrer Kinder in den Hartz-IV-Bezug zu rutschen drohen, haben sie Anspruch auf einen Kinderzuschlag. Die Leistung kann von Elternpaaren mit einem Mindesteinkommen von 900 Euro (Alleinerziehende 600 Euro) in Anspruch genommen werden. Die Höhe bemisst sich nach Einkommen und Vermögen der Eltern und der Kinder; er beträgt höchstens 140 Euro pro Monat. Das Familienministerium weist für die Leistung für das Jahr 2010 knapp 400 Millionen Euro aus.

Sozialversicherung

In der Kranken- und Pflegeversicherung sind nicht erwerbstätige Familienmitglieder beitragsfrei mitversichert. Dies verursacht Schätzungen zufolge allein bei den Krankenkassen Kosten von etwa 30 Milliarden Euro im Jahr. Für solche versicherungsfremden Leistungen gibt es einen Zuschuss des Bundes, der aber mit etwa elf Milliarden Euro deutlich geringer ausfällt. Die restlichen Kosten fangen alle Versicherten durch ihre Beitragszahlungen auf.

Arbeitslosenversicherung

In der Auflistung der Bundesregierung summieren sich die familienspezifischen Leistungen der Arbeitslosenversicherung auf gut 1,8 Milliarden Euro, darunter die Kinderkomponenten beim Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld. Quelle: dpa

Da wundert es nicht, dass die Geburtenrate in Deutschland mit 1,36 Kindern pro Frau weiterhin sehr niedrig ist. 2,1 wären nötig, damit die Bevölkerung stabil bleibt – der EU-Durschnitt liegt bei 1,57. Es gibt nur wenige Länder, in denen die Fertilität noch niedriger ist. Dabei versuchen Politiker und Unternehmer seit Jahren, das zu ändern – zumindest mit markanten Aussagen. Unterm Strich ist der Effekt gleich null, wie die Umfrage mit ihrem Vergleich zu Werten aus 2011 zeigt: Die Lust auf Kinder bleibt konstant niedrig. Berufliche Gründe werden auffällig häufiger angeführt als früher.

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Dass die Karriere schlecht mit einer Familie zu vereinbaren ist, geben 54 Prozent der Paare ohne Kinder an. Und für 59 Prozent ist die Karriere im Zweifel wichtiger als der Kinderwunsch. Fachleute verweisen bei der Beurteilung solcher Zahlen auf die Ängste der Deutschen beim Thema Familiengründung: Sie haben Angst ihre Freiheit aufgeben zu müssen, Angst die Karriere zu vernachlässigen, Angst den eigenen Lebensstandard einschränken zu müssen, Angst um die Zukunft der Kinder, Angst vor einer Scheidung, Angst den falschen Partner oder den falschen Zeitpunkt zu wählen.

Kommentare (9)

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15.05.2014, 13:51 Uhr

Politisch könnte man das Rentensystem so aufbauen, wie in kinderreichen 3.-Welt-Ländern: Das Einkommen und die Abgaben der Kinder bestimmen die Rente der Eltern. Dann steht jeder einzelne vor der Wahl, entweder Kinder zu haben und sich gut um deren Ausbildung zu kümmern (was mindestens so wichtig ist wie das Kinderkriegen selbst) oder er kümmert sich eben anderweitig um seine Versorgung im Alter. Ein solches System wäre dann natürlich komplett unsolidiarisch, weil sich jeder um sich kümmern müsste - aber im Endeffekt funktioniert das meist besser als Umverteilungssysteme.

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15.05.2014, 14:04 Uhr

Sie schreiben: Die meisten Kinder kriegen Mütter, die arbeiten Warum wohl ? Ganz einfach, weil sie es aus finanziellen Gründen müssen. Kindergeld, Elterngeld, Mütterrente ?? Das soll als Entschädigung herhalten ? Das Leben ist so teuer geworden das es längst nicht mehr reicht. Die Zeiten - als die Väter als Alleinverdiener das Geld nach Hause brachten und sich Familien noch einen bscheidenen Wohlstand mit Eigenheim, Auto und Sparguthaben aufbauen konnten- sind längst vorbei. Und alleinstehende Mütter will die Politik mit Kindergeld und Mütterrente abspeisen ? In welcher Phantasiewelt leben wir ? Die Deutschen sterben aus, das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Und alles nur weil keine grösseren Gehälter gezahlt werden und mit Flickschusterei versucht wird das Kinderkriegen schmackhaft zu machen. Die heutige Arbeitswelt ist derart kinderfeindlich, schlimmer gehts nimmer.

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15.05.2014, 14:34 Uhr

Ich bin alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Ich kann dazu nur sagen, dass der Staat zwar große Taten leistet, da er doch viel Kindergeld zahlt.

Aber andererseits handelt es sich beim Kindergeld auch zum größten Teil leider nur um eine Transferleistung.

Man bekommt Kindergeld, leitet dies aber fast 1:1 in jungen Jahren an den Kindergarten weiter, später für Bahn+Bustickets an den ÖPNV, Schulfreizeiten und inzwischen sogar ergänzende Schulbücher. Und seit Jahren steigt die EEG-Umlage derart stark, dass mit einiger Sicherheit die Haushalte der Alleinerziehenden zu jenem gehören, die unter der sogenannten "Stromarmut" leiden.

Bereits die Bahn und Bustickets zusammen mit der EEG-Umlage machen einige Monate Kindergeld aus. Das Kindergeld wird so im Prinzip nur zu einem Transferkreislauf als Nullsummenspiel.

Und dann sind da noch die lächerlichen Steuerfreibeträge zu erwähnen, die Alleinerziehende dafür erhalten, weil sie als Singles zwar die ungünstigste Steuerklasse haben, aber dennoch die Kinder finanzieren.

Alleinerziehend zu sein ist das größte Armutsrisiko in Deutschland. Und welcher Elternteil will das seinen Kindern antun? Einen so tollen Partner gibt es dann vermutlich für junge Menschen nicht, um dieses Risiko einzugehen.

Dann kann ich es kaum fassen, was uns da in den letzten Jahren so an blonden und blauäugigen Familienministerinnen präsentiert wurde. Die süßen Dinger sollen Familienpolitik machen? Oder sind sie dafür da, um Werbung fürs Kinderkriegen zu machen?

Mir liegt Deutschland sehr am Herzen, ist es doch wirklich ein sozialer Staat. Aber bei Kindern transferiert der Staat das Liquiditätsrisiko voll auf die Eltern. Mit dem Kindergeld kauft er sich lediglich frei von der Verantwortung die Preissteigerungen der letzten Jahre mitzutragen.

Wenn dieser Staat will, dann kann er damit zum Dieb werden und das demonstriert er gerade auch, denn das Kindergeld ist nicht gestiegen und die Steuerfreibeträge für Alleinerziehende auch nicht.

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