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17.01.2014

06:57 Uhr

Neue Studie

Wer Kinder hat, zahlt im Rentensystem drauf

Trotz vieler Steuermilliarden ist das deutsche Rentensystem familienfeindlich, ungerecht und nicht demografiefest – heißt es in einer neuen Studie. Die Autoren fordern Reformen, zu Lasten vor allem von Kinderlosen.

Die Rentenversicherung benachteiligt nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung Väter, Mütter und Kinder massiv. dpa

Die Rentenversicherung benachteiligt nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung Väter, Mütter und Kinder massiv.

Rund 200 Milliarden Euro gibt der Staat im weitesten Sinn pro Jahr für familienbezogene Leistungen aus – und ausgerechnet bei der Rente gibt es offensichtlich ein großes Defizit: Die Rentenversicherung benachteiligt nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung Väter, Mütter und Kinder massiv. Also jene, auf die das System besonders angewiesen ist, sagt Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger.

Das Fazit der Studie lässt sich schlicht so umschreiben: „Wer Kinder hat, zahlt drauf.“ In welchem Ausmaß, hat der Autor der Analyse, der Bochumer Ökonom und Berater der Bundesregierung Martin Werding, ermittelt: In sogenannten Projektionen, die weit in die Zukunft reichen. Danach wird ein heute 13-Jähriger im Laufe seines Lebens im Schnitt etwa 77.000 Euro mehr in die Rentenkasse einzahlen als er später daraus erhalten wird. Für Werding steht damit fest: „Das rentenfinanzierte Umlagesystem belastet Familien in besonderer Weise - und beengt damit die Spielräume, unter denen Kinder aufwachsen.“

Die Pläne zur abschlagfreien Rente mit 63

45 Jahre eingezahlt

Wer 45 Jahre lang Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt hat, kann mit 63 Jahren ohne Abschläge in den Ruhestand gehen. Für jeden Monat, den die Rente vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter beginnt (2014: 65 Jahre und drei Monate), wird das Altersgeld eigentlich um 0,3 Prozent gekürzt. Dieser lebenslange Abschlag entfällt bei der Rente mit 63.

Altersrente für besonders langjährig Versicherte

Aus der Rente mit 63 wird bis 2029 die Rente mit 65: Die Schwelle soll schrittweise steigen. Die neue „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ gilt ab 63 Jahren nur für Versicherte, die vor dem 1. Januar 1953 geboren sind und deren Rente nach dem 1. Juli 2014 beginnt. Für ab 1953 Geborene steigt die Altersgrenze mit jedem Jahrgang um zwei Monate. Für ab 1964 Geborene liegt sie somit bei 65 Jahren.

Anspruchsvoraussetzungen sinken

Bisher gab es nur eine „Rente für besonders langjährig Versicherte“ ab 65 Jahren. Die neue Rente mit 63 weitet diese Regel aus und senkt zudem die Anspruchsvoraussetzungen. Zeiten der Arbeitslosigkeit werden als Beitragsjahre mitgezählt, wenn Anspruch auf das reguläre Arbeitslosengeld I bestand. Hartz-IV-Empfänger bleiben außen vor.

Was das kostet

Die Kosten wachsen langsam von 900 Millionen Euro 2014 auf 1,9 Milliarden Euro 2015 bis auf 3,1 Milliarden jährlich im Jahr 2030.

Er hat auch die ganz große Rechnung aufgemacht: Wenn alle staatlichen Leistungen für Familien - von der Kita über die Schule bis zum Kindergeld oder die beitragsfreie Kranken-Mitversicherung für Kinder und nichterwerbstätige Ehepartner oder Erziehungszeiten in der Rente – zusammengezählt und dann gegen die entrichteten Sozialbeiträge und Steuern aufgerechnet werden, übersteigen die Einzahlungen die im Gegenzug erhaltenen Geld- und Sachleistungen nach Werdings Studie immer noch um 50 500 Euro.

Der Lehrstuhlinhaber für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum spricht von einem „grundlegenden Systemfehler in der Konstruktion der Rentenversicherung“. Gemeint ist damit, dass die Doppelbelastung von Familien – anders als kinderlose Erwerbstätige investieren Eltern neben ihren Beiträgen zur Alterssicherung auch noch Zeit und Geld in ihre Kinder – im System der Rente nicht angemessen honoriert wird. Das wird auch die von Schwarz-Rot angepeilte bessere Mütterrente nicht erreichen.

Kommentare (37)

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Hagbard_Celine

17.01.2014, 07:43 Uhr

Das sinnvollste ist, das Renten Eintrittsalter an die Anzahl der Kinder zu koppeln.

60 bei 3, 62, bei 2, 65 bei einem und 67 bei 0.

Account gelöscht!

17.01.2014, 07:51 Uhr

Wäre eine Möglichkeit. Auf Dauer kommt man aber um eine Steuerfinanzierung nicht herum. Es versickern immer höhere Summen in den Taschen immer weniger. Dieses Geld fehlt in den Sozialsystemen. Alles aus den anteilig immer geringer werdenden Sozialabgaben nur der abhängig Beschäftigten finanzieren zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.

Ich_kritisch

17.01.2014, 07:59 Uhr

Danach wird ein heute 13-Jähriger im Laufe seines Lebens im Schnitt etwa 77.000 Euro mehr in die Rentenkasse einzahlen als er später daraus erhalten wird.

Ach nee...

und wieviel zahlt ein heute 55jähriger mehr ein als er heraus bekommt wenn es die Umstellung auf eine Basisrente gibt?

Für die Heute 55jährigen wurde noch ein Kindergeld von ca. 40 DM (20 Euro) gezahlt und der Kindergarten war nicht umsonst und die Schulbücher und Hefte mussten die Eltern bezahlen. Eine Klassengröße von 40 Kindern war normal. Unsere Eltern konnten uns erziehen ohne Elterngeld und Erziehungsurlaub.

Warum muss immer alles zu Lasten der Kriegsenkel gehen???

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