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28.02.2017

12:27 Uhr

Neuer Krankenhausreport

Wo Operationen gefährlich sind

VonPeter Thelen

Die AOK warnt in ihrem neuen Krankenhausreport vor Kliniken, die bestimmte Operationen nur selten durchführen. Sie fordert gesetzliche Mindestmengen für schwierige Eingriffe. Vorbild könnten die USA sein.

Je häufiger ein Arzt einen bestimmten Eingriff mache, umso schneller gehe ihm die OP von der Hand – und umso weniger Fehler passieren ihm, so die AOK. dpa

Operation

Je häufiger ein Arzt einen bestimmten Eingriff mache, umso schneller gehe ihm die OP von der Hand – und umso weniger Fehler passieren ihm, so die AOK.

BerlinEs ist kein Einzelfall: Eine Frau wird wegen einer gutartigen Vergrößerung der Schilddrüse operiert und kann hinterher nicht mehr sprechen. Eine der beiden Stimmlippen ist gelähmt: Der Operateur hat beim Eingriff versehentlich den Nerv durchtrennt, der die Stimmlippe in Bewegung setzt.

Wer das vermeiden will, sollte sich für eine solche Operation tunlichst ein Krankenhaus aussuchen, das ähnliche Eingriffe oft macht. Dies ist ein Ergebnis des neuen Krankenhausreports, den das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen am Dienstag vorgestellt hat.

„Jährlich werden in Deutschland 75.000 Schilddrüsenoperationen in mehr als 1000 Krankenhäusern durchgeführt“, erläutert Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wido. „Wir haben die zwischen 2011 und 2013 an 57.000 AOK-Versicherten durchgeführte Operationen bei gutartigen Schilddrüsenerkrankungen untersucht und herausgefunden, dass ein Fünftel der Patienten in Häusern versorgt wurden, die diese Operation 2013 maximal 55 Mal durchgeführt haben.“

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Bei einem Fünftel der Kliniken habe es mindestens 384 Eingriffe im Jahr gegeben. „Und wir haben herausgefunden, dass nach Risikoadjustierung ein mehr als doppelt so hohes Risiko für eine dauerhafte Stimmbandlähmung für das Fünftel der Patienten besteht, das in den Kliniken mit den geringsten Fallzahlen operiert wird.“

Das bedeutet allerdings nicht, dass es in Kliniken mit vielen Operationen keine Fehler gibt. Das zeigt sich bei den Hüftoperationen. 134.000 AOK-Patienten erhielten 2012 bis 2014 in 1061 Krankenhäusern bei Arthrose ein neues Hüftgelenk. Dort kam es auch bei dem Fünftel der Kliniken innerhalb eines Jahres zu Nachoperationen, in denen Hüften 211 Mal oder häufiger operiert wurden. Allerdings war bei dem Fünftel Kliniken, in denen maximal 39 Operationen pro Jahr durchgeführt wurden, das Risiko auf eine erneute Operation doppelt so hoch.

Der aktuell gültige Mindestmengenkatalog

Allgemein

Ein Mindestmengenkatalog setzt sich durch G-BA-Mindestmengenregelungen zusammen. Diese legt für einige planbare Leistungen Mindestmengen fest. Krankenhäuser, die die festgelegten Mindestmengen pro Krankenhaus nicht erfüllen, dürfen diese Eingriffe nur dann ausführen, wenn andernfalls eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung gefährdet wäre und dies von der zuständigen Landesbehörde genehmigt wird.

Quelle: Wissenschaftliches Institut der AOK, Krankenhaus-Report 2017

Kniegelenk-Totalendoprothesen

Bei der totalen Endoprothese des Kniegelenks wird das echte Gelenk vollständig entfernt und durch künstliche Materialien ersetzt. Mit 50 Operationen im Jahr erfüllt ein Krankenhaus die aktuell gültige Mindestmengenregelung.

Nierentransplantation

Nur die Hälfte, nämlich 25 Operationen, werden pro Krankenhaus und Jahr für lebensrettenden Nierentransplantationen vorgesehen.

Stammzelltransplantation

Ebenso viele (25 pro KH p.a.) werden für Stammzelltransplantationen gelistet. Eine Stammzelltransplantation findet während eines stationären Krankenhausaufenthaltes statt, meist in einem spezialisierten onkologischen Zentrum.

Lebertransplantation

Lebertransplantationen sind mit einer Mindestmenge von 20 pro KH p.a. im Mindestmengenkatalog aufgeführt.

Versorgung von Früh- und Neugeborenen

Mehr als halbiert wurde die Mindestmenge für die Versorgung von Früh- und Neugeborenen. Vor dem Beschluss vom 19.1.2012 wurde diese auf 30 festgelegt, aktuell sind es nur noch 14.

Komplexe Eingriffe am Organsystem Ösophagus

Komplexe Operationen bei schweren Erkrankungen der Speiseröhre werden mit zehn Eingriffen pro Jahr und Krankenhaus aufgeführt.

Komplexe Eingriffe am Organsystem Pankreas

Exakt gleich viele (10 pro KH p.a.) müssen Krankenhäuser für komplexe Eingriffe an der Bauchspeicheldrüse einplanen.

Koronarchirurgische Eingriffe

Für koronarchirurgische Eingriffe, wie zum Beispiel Bypässe, erfolgt aktuell die Aufnahme in den Katalog vorerst ohne die Festlegung einer konkreten Mindestmenge.

Richtig gefährlich wird es bei komplizierten Operationen an der Bauchspeicheldrüse oder der Speiseröhre. Hier gibt es bereits eine gesetzliche Untergrenze: Kein Krankenhaus darf diese Operation durchführen, das weniger als zehn solcher Eingriffe im Jahr macht. Nach den Untersuchungen des Wido dürfte diese Mindestmenge aber noch zu niedrig sein.

Die Auswertung der Daten für AOK-Patienten mit Operationen der Bauchspeicheldrüse ergab nicht nur, dass das Risiko für Operierte in dem Fünftel der Häuser mit der geringsten Zahl an Operationen binnen eines Jahres nach der Operation zu sterben um 73 Prozent erhöht war im Vergleich zu denen, die in den 20 Prozent der Kliniken mit der höchsten Fallzahl operiert wurden. Es kam auch heraus, dass bei einem Fünftel der Häuser mit der zweithöchsten Fallzahl von 13 bis 23 das Sterberisiko immer noch um 50 Prozent erhöht war.

Kommentare (1)

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Herr Old Harold

28.02.2017, 13:59 Uhr

Gut in der Theorie. Schlecht in der Praxis:

Nicht die Klinik sollte eine Mindestanzahl schwieriger Operationen ausgeführt haben, sondern der Chirurg.

(Wenn der in eine andere Klinik wechselt, kann sich seine alte Klinik zwar mit einer hohen Anzahl der Eingriffe brüsten. Das nützt dem Patienten aber gar nichts, wenn dann der Nachfolger, ein Berufsanfänger, an ihm herumschnippeln darf).

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