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22.08.2014

18:29 Uhr

Neuer Organspende-Skandal?

Deutsches Herzzentrum im Visier der Justiz

In Deutschland bahnt sich ein neuer Organspende-Skandal an: Diesmal ist das Deutsche Herzzentrum ins Visier der Behörden geraten. Die Klinik steht im Verdacht, Wartelisten für Herztransplantationen manipuliert zu haben.

In einer deutschen Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist. dpa

In einer deutschen Klinik wird bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist.

Berlin In einem neuen Organspende-Skandal in Deutschland geraten jetzt auch Herz-Transplantationen ins Zwielicht. Zwei Jahre nach der Affäre um manipulierte Wartelisten für Leberkranke in Göttingen richtet sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft gegen das Deutsche Herzzentrum in Berlin, eine der weltweit führenden Kliniken auf diesem Gebiet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Totschlags gegen das Zentrum. Der 2012 aufgeflogene Fall in Göttingen führte zu einem Vertrauensverlust in die Transplantationsmedizin und einem Rückgang der Bereitschaft, Organe zu spenden.

Auch in Berlin bestehe der Verdacht, dass Wartelisten für Herztransplantationen manipuliert wurden, sagte Staatsanwaltschafts-Sprecher Martin Steltner der Nachrichtenagentur dpa am Freitag. Ermittelt werde, ob Patienten auf der Liste bevorzugt wurden, während andere nach hinten rutschten und damit in Lebensgefahr gerieten. Geprüft werde auch, ob Patienten wegen möglicher Manipulationen starben.

Im Sommer 2012 geriet erstmals in Deutschland das Uniklinikum im niedersächsischen Göttingen in Verdacht, Wartelisten für Spenderlebern manipuliert zu haben. Der Prozess läuft noch. Danach wurden Ungereimtheiten bei der Zuteilung von Spenderlebern in Göttingen, Regensburg, Leipzig und München bekannt.

„Wir bedauern sehr, dass ein weiteres Klinikum in dem Verdacht steht, Patientendaten manipuliert zu haben“, sagte Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Die Organspende sei davon aber nicht betroffen. „Wir hoffen, dass diese Manipulationsvorwürfe nicht zu einer erneuten Verunsicherung in der Bevölkerung und damit einem Rückgang der Organspende-Bereitschaft führen.“

In Deutschland warten etwa 10 700 schwer kranke Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Schwerstkranke Patienten werden nach strengen Kriterien in einer bundesweiten Dringlichkeitsliste geführt. Dies soll sicherstellen, dass gespendete Organe nur nach medizinischer Notwendigkeit vergeben werden.

Wie läuft eine Organspende ab?

Der Hirntod wird festgestellt

Ehe jemand als Spender infrage kommt, müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod feststellen. Dieser tritt ein, sobald im Großhirn, im Kleinhirn und im Hirnstamm keinerlei Aktivität mehr gemessen werden kann. Damit die Organe nicht geschädigt werden, muss der Spender künstlich beatmet werden.

Untersuchung des Spenders

Wenn geklärt ist, dass Organe entnommen werden dürfen, wird der hirntote Spender auf Tumorerkrankungen und Infektionen untersucht. Das soll sicherstellen, dass der Empfänger eines Organs nicht gefährdet wird.

Der Spender wird gemeldet

Die Daten des Spenders werden an die europäische Vermittlungsstelle „Eurotransplant" geschickt. Hier wird auf den Wartelisten nach passenden Empfängern gesucht.

Die Organe werden entnommen

Anschließend werden dem Verstorbenen die Organe entnommen, die er bereit war zu spenden. Der Leichnam wird dann für eine Aufbahrung vorbereitet und kann bestattet werden.

Die Organe werden transportiert

Die Organe werden gekühlt und verpackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Sie werden mit dem Krankenwagen transportiert oder in dringenden Fällen auch per Flugzeug ausgeflogen.

Mit 2013 nur noch 876 Organspendern nach 1046 im Jahr 2012 und 1200 im Jahr davor sank die Zahl auf einen historischen Tiefstand. In diesem Jahr setzte sich diese Tendenz fort: Von Januar bis Juli gab es 513 Spender (Vergleichszeitraum 2013: 548).

In Berlin hatte sich das Herzzentrum selbst an die Ermittler gewandt. „Wir haben bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet“, sagte Sprecherin Barbara Nickolaus. Auch der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sei informiert worden. Laut Staatsanwaltschaft übergab ein Rechtsanwalt Unterlagen des Zentrums.

Kommentare (1)

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Herr Tobias Wahrsager

22.08.2014, 19:14 Uhr

Papier von Gesetzestexten ist geduldig, und wir leben in einem Jahrhundert, in dem das neoliberale FDP-Credo Menschen einteilt in wertvolle beruflich erfolgreiche Personen und andere, angeblich! weniger wertvolle Personen, wie Kleinrentner oder gar Hartz-IV Empfänger. Glaubt da wirklich jemand, dass höhere Beamte, Politiker und neoliberale Wirtschaftslenker gerade in einer Tod- oder Lebenfrage wie der Organspende nicht bevorzugt würden? Lachhaft. Es gibt nur eine Antwort darauf, nämlich "Organspende, Nein Danke". Aber auch dann bin ich mir nicht sicher, ob etwa Einzelpersonen ohne Familienanhang, also ohne achtgebende Personen, nicht trotz ihres zu Lebzeiten erfolgten Widerspruchs gegen eine Organentnahme einfach illegal nach ihrem angeblichen Tod organisch zu Gunsten der Reichen, Mächtigen und Einflußreichen ausgeschlachtet werden. Wo die Gier zu groß wird, da halten auch Gesetzesdämme nicht. Traurig aber wahr.

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