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22.09.2012

11:38 Uhr

Neuerscheinung

„Hast Du Problem? Könn' wir gleich lösen!“

Gewalt, gescheiterte Integration und Islamismus: All dies lässt sich im neuen Buch „Neukölln ist überall“ von Heinz Buschkowsky finden. Aber das Buch ist mehr. Es ist eine Analyse über Berlins Problemviertel.

Gehört in das Straßenbild von Berlins Neukölln: verschleierte Frauen. dpa

Gehört in das Straßenbild von Berlins Neukölln: verschleierte Frauen.

BerlinEin freundlicher Ort sieht anders aus. „Dort, wo an der roten Ampel möglichst alle stur geradeaus schauen, um nicht von den Streetfightern aus dem Wagen nebenan angepöbelt zu werden: "Hast Du Problem? Könn' wir gleich lösen!" Wo junge Frauen gefragt werden, ob sie einen Befruchtungsvorgang wünschen. Wo kleineren Kindern von größeren Jugendlichen eine Benutzungsgebühr für das Klettergerüst abverlangt wird.“ Straßenszenen aus Berlins Problemkiez Neukölln. Autor ist Heinz Buschkowsky (64), SPD-Bezirksbürgermeister mit Leibesfülle und - dank etlicher Talkshowauftritte - auch bundesweit bekannt für klare Worte statt wolkiger Floskeln.

In seinem am Freitag erschienenen Buch „Neukölln ist überall“ schont Buschkowsky seine Heimat nicht. Er selber wuchs in einer Kellerwohnung neben der Waschküche des Eigentümers auf. Nun zeichnet er auf knapp 400 Seiten die Probleme des Bezirks im Südosten Berlins mit seinen 315 000 Einwohnern auf.

Die wichtigsten Fakten zum Armuts- und Reichtumsbericht

Kinder

Das Risiko von Kinder, arm zu werden, ist dann am höchsten (60 Prozent), wenn sie in einem Haushalt ohne Verdiener aufwachsen, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" und nimmt Bezug auf den Armuts- und Reichtumsbericht. Auch Kinder Alleinerziehender haben ein hohes Risiko zu verarmen (55 Prozent), gefolgt von Ausländern (28 Prozent), berichtet die Zeitung.

Kinderbetreuung

Die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder ab einem Jahr hat sich seit 2006 auf mehr als 500 000 verdoppelt. Auch werden doppelt so viele Grundschüler ganztags betreut. Trotz aller Verbesserung: Die eingesetzten Mittel für die frühkindliche Bildung und Betreuung von Kindern unter sechs ist im internationalen Vergleich "immer noch weit unterdurchschnittlich". Sie beliefen sich auf 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "In Ländern wie Dänemark oder Schweden beträgt dieser Anteil das Dreifache", heißt es in der Regierungsanalyse.

Bildung

In Deutschland sind die Bildungschancen von Kindern davon abhängig, was die Eltern gelernt haben und welches Haushaltseinkommen sie erzielen. Und: Für Analphabeten - mindestens 7,5 Millionen in Deutschland - wird nicht genug getan. Immerhin: nur noch 6,5 Prozent schafften 2010 keinen Schulabschluss. 2007 waren es noch 7,7 Prozent.

Minijob und Teilzeitstelle

Teilzeitstelle von bis zu 20 Wochenstunden, Minijob, befristeten Arbeitsverträge oder einer Anstellung als Leiharbeiter: Immer mehr Menschen arbeiten in einer solchen atypischen Beschäftigung. Der Anteil hat sich innerhalb on zehn Jahren von 20 auf 25 Prozent erhöht - und das auch noch auf Kosten normaler Arbeitsverhältnisse. Denn deren Zahl hat sich fast nicht verändert.

Ältere Menschen

"Die Einkommens- und Vermögenssituation der Älteren von heute ist überdurchschnittlich gut", heißt es in dem Bericht laut "Süddeutsche Zeitung". Nur 2,45 Prozent der über 65-Jährigen waren auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen. Als entsprechend niedrig gilt ihr Risiko, arm zu werden. Es liegt bei 14,7 Prozent, bei der Bevölkerung insgesamt bei 15,3 Prozent.

Arbeitsmarkt

Immerhin: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist seit 2007 um 40 Prozent auf im Jahresdurchschnitt 1,06 Millionen 2011 gesunken, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Besonders deutlichen Rückgang gibt es bei Zugewanderten. Zwischen 2008 und 2011 sei deren Erwerbstätigenquote "noch stärker gestiegen als die der Inländer". Auch habe sich die Zahl der hoch qualifizierten Zuwanderer aus Nicht-EU-Staaten kräftig von 1200 im Jahr 1998 auf 27 800 im Jahr 2011 erhöht.

Sein Blick gilt dabei ganz Deutschland: „Das Humankapital unseres Landes liegt nicht auf der Elbchaussee in Hamburg (...) oder am Starnberger See. Es liegt dort, wo viele Kinder sind. „Wir haben ein Handlungsdefizit.“

Buschkowsky konzentriert sich mit seiner Analyse auf die nördliche Hälfte Neuköllns. Hohe Arbeitslosigkeit und Bildungsprobleme bestimmen hier das Bild. Die Einwandererquote beträgt 52 Prozent. 6300 von 7200 Grundschülern haben eine nicht-deutsche Herkunftssprache, wie es die Bürokratie formuliert.

Wer drastische Beispiele für Kriminalität, Gewalt, gescheiterte Integration und Islamismus sucht, wird fündig: In der Sonnenallee werde häufig in zweiter und dritter Reihe geparkt, erklärt Buschkowsky. „Machen Sie jetzt nicht den Fehler, zu hupen oder auszusteigen. Sie könnten in eine unangenehme Situation geraten. Ein Problem, dass sie haben, könnte gleich "geklärt" werden.“

Polizisten oder dem Ordnungsamt passiere das gleiche, heißt es ein paar Seiten weiter. „Kontrollen von nicht-angeleinten Kampfhunden oder ähnlichen "Nettigkeiten" führen schon mal dazu, dass die Beamten bespuckt werden, dass man ihnen ein Messer an den Hals hält oder sie niederschlägt.“

Derart plakative Szenen vermitteln jedoch einen falschen Eindruck. Der weitaus größere Teil des Buches besteht aus sachlichen Beschreibungen, dem Kampf vieler einzelner Menschen gegen die Lethargie und aus Lösungsvorschlägen. Zwei Jahre nach dem umstrittenen Buch des Zahlenfetischisten Thilo Sarrazin geht Buschkowsky differenzierter, praxisnäher und mit mehr Gefühl und Hoffnung für die Menschen vor als der emotionsarme Parteifreund.

Kommentare (26)

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Account gelöscht!

22.09.2012, 12:02 Uhr

Kulturelle Bereicherung

Account gelöscht!

22.09.2012, 12:13 Uhr

Wenn der Bürger wüßte, welche Kosten uns die verfehlte Migranten-Politik aufbürdet, würde er vermutlich seine Wahlentscheidung an den rechten Rand verlegen.

Da aber alles, was mit unserem Migranten-Stadel nicht in Ordnung ist, unter dem Vorbehalt der politischen Korrektheit steht, hat der Bürger keine Ahnung über die horrenden Sozialausgaben für unsere zugewanderten "Potenziale".

freigeist

22.09.2012, 12:17 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++

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