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06.03.2013

18:39 Uhr

Neues Anti-Euro-Buch

Warnung vor dem Euro-Vulkan

VonDietmar Neuerer

Für den Tübinger Ökonomen Starbatty sind Kanzlerin Merkel und EZB-Chef Draghi Akteure einer falschen Euro-Rettungspolitik. In seinem Buch „Tatort Euro“ zerpflückt er ihre Strategien und zeigt Alternativen auf.

Eine Europafahne mit Euro-Münzen. dpa

Eine Europafahne mit Euro-Münzen.

BerlinJoachim Starbatty ist nicht irgendwer. Der Tübinger Ökonom ist ein Eurokritiker der ersten Stunde. Er selbst sieht sich als leidenschaftlicher Europäer. Dennoch klagte er schon mehrfach vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Euro. Vergeblich zwar, aber immerhin begleitet von einem fulminanten Medienecho. Auch das dürfte den emeritierten Volkswirtschaftsprofessor beflügelt haben, ein Anti-Euro-Buch zu schreiben, dass es in sich hat.

„Tatort Euro“ ist das Werk betitelt. Und nimmt man die Unterzeile dazu ernst, dann ist das Buch auch ein Appell an die Bürger in Deutschland, die Euro-Rettungspolitik nicht mehr einfach so hinzunehmen, sondern offenen Widerstand zu leisten. „Bürger, schützt das Recht, die Demokratie und euer Vermögen.“ Mit dieser Sentenz ist auch angerissen, mit welcher Stoßrichtung Starbatty das Euro-Thema in seine Einzelteile zerlegt, um schließlich zu der nüchternen Erkenntnis zu gelangen, dass die Währungsunion nie ein politisches Fundament hatte.

Italien gefährdet Merkels Euro-Mission

Warum ist die Enttäuschung im Regierungslager groß?

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone spielt eine zentrale Rolle bei der Lösung der Schuldenkrise. Italien drücken mehr als zwei Billionen Euro Schulden, rasche Reformen sind nötig, ein Rückfall in den Krisenmodus soll vermieden werden. Kanzlerin Merkel hatte mehr oder weniger offen dafür geworben, dass der Reformkurs des parteilosen Übergangspremiers Mario Monti fortgesetzt wird. Und damit immer auch zu verstehen gegeben, dass eine Rückkehr von Berlusconi alles andere als wünschenswert sei.

War die Wahl ein Statement gegen Merkels Krisenmanagement?

Im Grunde schon. Immerhin haben mit Berlusconi und dem Populisten Beppe Grillo zwei erklärte Gegner der Spar- und Reformpolitik der deutschen Kanzlerin etwa die Hälfte aller Stimmen erhalten. Und Merkels Favorit Mario Monti, der versucht hatte, Italien vor der Pleite zu bewahren und an den Märkten neues Standing zu geben, gehört zu den Wahl-Verlierern.

Gibt es eine anti-deutsche Stimmung in Italien?

Das wohl nicht. Merkel und die angebliche Hegemonie der „Tedeschi“ (ital. die Deutschen) in Europa waren im Wahlkampf aber allgegenwärtig. Berlusconi hatte gemutmaßt, Monti und Merkel hätten sich verständigt, die lange in Umfragen führenden Sozialdemokraten zu unterstützen. Das wäre eine Regierung von Merkels Gnaden gewesen, ätzte Berlusconi. Die Dementis aus Berlin und von Monti haben wohl nichts genützt.

Hat dies Auswirkungen auf die deutsche Europa-Politik?

Der Wahlausgang muss Berlin zu Denken geben. Mit Sprüchen gegen die Kanzlerin hat Berlusconi im Wahlkampf unglaublich aufgeholt. Der Milliardär und Medienmogul gibt vor allem Merkel die Schuld an der Misere Italiens. In die gleiche Kerbe schlägt Ex-Komiker Grillo, der gegen „die da oben“ in Brüssel und in Berlin punktete. Der Populist holte aus dem Stand ein Viertel der Stimmen. Für den deutschen Linkenchef Bernd Riexinger kein Wunder: „Die Wut, die sich an den italienischen Wahlurnen Bahn gebrochen hat, ist imstande, die Euro-Zone zu sprengen. Merkels Sparbombe tickt!“

Droht nun eine Rückkehr der Euro-Schuldenkrise?

Ja, obwohl die Krise nicht wirklich verschwunden war. Die Lage hatte sich allenfalls entspannt. Zumal sich auch für das angeschlagene Euro-Land Zypern nach langem Zögern Berlins eine Lösung bis Ende März abzeichnet. Aus der erhofften Ruhe wurde nichts: Wegen des drohenden politischen Stillstands in Italien steigen nicht nur Risikoaufschläge für italienische Anleihen, sondern die für Papiere anderer Krisenstaaten gleich mit.

Was bedeutet das?

Zunächst einmal dürfte die Verschuldung des ohnehin klammen Italien weiter steigen. Befürchtet wird vor allem, dass das drittgrößte Euro-Land unter den Rettungsschirm schlüpfen muss. Der Hilfstopf ist einschließlich der Restmittel aus dem auslaufenden Fonds zwar noch gut gefüllt, könnte bei einem Schwergewicht wie Italien aber schnell an seine Grenzen stoßen.

Droht Deutschland eine teure Mithaftung?

Bei Rettungshilfen an Italien steigen auch die Garantien und die Haushaltsrisiken für die deutschen Steuerzahler. Was wiederum nicht ohne Folgen für die Kreditwürdigkeit Deutschlands ist und damit Auswirkungen auf die Staatskassen hierzulande hat. Was keine guten Aussichten sind für die schwarz-gelben Wahlkämpfer um Merkel & Co.. Nicht umsonst meinte Außenminister Guido Westerwelle: „Wenn es um die Schuldenkrise in Europa geht, sitzen wir alle im selben Boot.“

Ist Italien das einzige Euro-Sorgenkind?

Italien kämpft zwar mit dem zweitgrößten Schuldenstand in der Euro-Zone, einer Rezession und sinkender Wettbewerbsfähigkeit. Mit einer Schieflage Frankreichs drohen aber weit größere Probleme. Das Defizit des zweitgrößten Eurolandes steigt und steigt. Paris dürfte den Ausgang der Parlamentswahlen in Rom aber als Bestätigung für den eigenen Kurs sehen - mehr auf Wachstum setzen statt aufs Sparen.

Demgegenüber stellt Starbatty die Folgen für die Bürger als einigermaßen fatal dar. Das macht er mit einer rasiermesserscharfen, wissenschaftlichen Expertise, in der jedes Argument wider den Euro sauber mit Quellenangabe belegt ist. Euro-Bewahrer wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommen dabei mehr als schlecht weg. Dass heute ein „Riss durch die Euro-Zone“ gehe, kreidet der Ökonom auch der Kanzlerin an, deren, wie er schreibt, Rechnung nicht aufgegangen sei.

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Merkel habe mehrfach gesagt, dass sie für die Euro-Zone keinen Masterplan habe und deshalb Schritt für Schritt gehe und jeweils prüfe, was zu tun sein, hält Starbatty in seinem Buch fest. Dabei habe sie längst ihren Weg gefunden, fügt er mit Blick auf einen der zentralen Punkte ihrer Euro-Rettungspolitik, der Verabschiedung des Fiskalpakts und der Verankerung von Schuldenbremsen in den nationalen Verfassungen, hinzu. Doch in Wahrheit führt dieser Weg nach Starbattys Einschätzung nicht zu einer Rettung des Währungsraums, sondern befördert vielmehr weitere Risiken.

Kommentare (67)

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Account gelöscht!

06.03.2013, 18:55 Uhr

Warnung vor dem Euro-Vulkan, und die schlimmen Folgen folgen.

Der Professor und Ökonom Joachim Starbatty sieht die Lage im Euro-Raum sehr genau. Das Buch „Tatort Euro“ könnte sehr interessant sein. Er ist ja auch einer der Unterstützer für die Partei „Alternative für Deutschland“.

Der Prof. Dr. Hankel, Bernd Lucke, Hans-Olaf Henkel, Stefan Homburg, Karl Albrecht Schachtschneider und Joachim Starbatty unterstützen diese Partei.

Rechner

06.03.2013, 19:15 Uhr

O-Ion Starbatty
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Starbatty vernichtendes Résumé lautet denn auch: „Der Fiskalpakt führt die Euro-Zone weder aus der Krise heraus, noch bewahrt er sie vor zukünftigen Krisen.“
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Stimmt.

Krisen gibt es in Märkten immer wieder - ob mit und ohne Fiskalpakt.

Weiß dieser "Ökonom" wohl nicht.

Entscheidend ist, daß die Staaten ihre Haushalte sanieren. Und das tun sie.

...

Derartiges Krisengeschwätz lebt von seiner Unbestimmtheit.

Was ist eine "Krise"?

Wann fängt sie an, und wann hört sie auf?

Wenn die Wutwirte den Hals voll gaben mit Buchverkäufen?

+++

O-Ion Starbatty
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Auch müsste nach Starbattys Ansicht eingestanden werden, dass die Billiggeld-Politik der EZB diese Länder zu „exzessiver“ staatlicher und privater Verschuldung verführt habe, wodurch sie ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verloren hätten.
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Selten so einen Unsinn gehört.

So außerordentlich billig war das Geld zwischen 2001 und 2007 nicht - jedenfalls verglichen mit den heutigen Zinssätzen.

Und wenn es angeblich "diese Länder zu „exzessiver“ staatlicher und privater Verschuldung verführt" hat, warum dann nicht auch andere Länder.

Das Problem war NICHT die Geldpolitik der EZB, sondern die Tatsache das sich Griechenland und Italien jahrelang zu nahezu den gleichen Zinssätzen wie Deutschland verschulden konnten.

Die Finanzmärkte haben die unterschiedlichen Bonitäten einfach nicht richtig abgebildet.

Das lag aber nicht an der EZB, sondern an der Fehlregulierung der Finanzdienstleister durch Basel II und dem Versagen der "Ratingagenturen". Und natürlich auch an den Banken selber, und daran daß die PIGS sich nur zu gerne haben "verführen" lassen.

Der Professor Starbatty ist ein weiterer Beleg dafür daß sich in Deutschland die Bildungskatastrophe inzwischen auf den Lehrstühlen breit macht.

R.Rath

06.03.2013, 19:18 Uhr

Die einzuräumende Möglichkeit eines zumindest zeitweiligen Austritts von Problemländern aus der Euro-Zone ist in der Tat unumgänglich, will man Wettbewerbsmöglichkeite dieser Länder wieder so stärken, wie es unumgänglich ist, damit nicht das Gesamtkonstrukt zusammenbricht.
Eine "innere Abwertung" und nicht anderes ist die "Reformpolitik" wird nicht ausreichen, da sie gleichzeitig die Konjunktur in den davon betroffenen Volkswirtschaften beschädigt.
Die Einführung des Euros als Einheitswährung hat riesenhafte Probleme geschaffen, die ohne diese Korsettwährung gar nicht entstanden wären.
Ein Abwicklung ist indessen auch massiv poblembehaftet und somit stellt dies Währung eine Art Falle da und diejenigen, die sich in dieser Falle befinden, müssen sich entweder darin einrichten oder versuchen sich aus derselben zu befreien.
Die Aussichten sind so oder so mehr als unerfreulich und man sollte nicht zuletzt klare Verantwortlichkeiten, die auch an Personen festzumachen ist, benennen.
Mir fallen drei Rollstuhlfahrer ein.
Helmut Schmidt als Vordenker, Helmut Kohl als Vollstecker und Wolfgang Schäuble als Nachlassverwalter.
Der Euro ist genau so "behindert" wie diese verantwortlichen Zeitgenossen.

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