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22.10.2012

06:39 Uhr

Niederlage in Stuttgart

Wähler vertreiben Union aus den Großstädten

Die Union verliert den Anschluss in den deutschen Metropolen. In Stuttgart wurde der Unions-Kandidat von einem Grünen überflügelt. Knapp ein Jahr vor der Bundestagswahl muss die CDU dringend über ihr Profil nachdenken.

Die Fußgängerzone in Freiburg. dpa

Die Fußgängerzone in Freiburg.

StuttgartNach der Schlappe bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl hadert die CDU mit ihrer Schwäche in Großstädten. Baden-Württembergs CDU-Landeschef Thomas Strobl sagte am Sonntagabend, die CDU tue sich in Metropolen generell schwer: „Das haben dieses Jahr bereits Beispiele wie die Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt am Main gezeigt.“ Knapp ein Jahr vor der Bundestagswahl sei es nun Aufgabe der gesamten CDU, „auch diesen Umstand zu analysieren und daraus Schlüsse zu ziehen“, forderte Strobl.

Auch der Stuttgarter Kreischef und Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann mahnte, die Bundes-CDU müsse dringend ein Großstadtkonzept entwickeln. Die Stuttgarter Schulbürgermeisterin Susanne Eisenmann sagte der dpa, die CDU müsse über Antworten auf die drängendsten Fragen der urbanen Wähler nachdenken. Diesen würden die Themen Kinderbetreuung, Ganztagsschule, Probleme von Alleinerziehenden und die städtebauliche Entwicklung unter den Nägeln brennen.

Triumph für die Grünen: Fritz Kuhn siegt bei OB-Wahl in Stuttgart

Triumph für die Grünen

Fritz Kuhn siegt bei OB-Wahl in Stuttgart

Nach Auszählung von 362 der 433 Wahlbezirke gingen 52,2 Prozent der Stimmen an Kuhn.

Der von der CDU nominierte, parteilose Werbeunternehmer Sebastian Turner hatte bei der OB-Wahl am Sonntag klar gegen den Grünen-Politiker Fritz Kuhn verloren. Kuhn kam auf 52,9 Prozent, Turner nur auf 45,3 Prozent.

Die CDU hat nach Meinung von Politikwissenschaftlern in Großstädten ein grundsätzliches Problem. „Dort trifft sie den urbanen Lebensstil weiter Teile der Stadtbevölkerung nicht mehr“, sagte der Kommunikationsprofessor Frank Brettschneider von der Universität Stuttgart-Hohenheim der dpa.

Im Südwesten stehe die Union vor einer langen Durststrecke, ergänzte der Stuttgarter Politikwissenschaftler Oscar Gabriel. Die CDU komme nicht aus dem Schatten von Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus heraus. Dagegen sei es den Grünen um Regierungschef Winfried Kretschmann gelungen, die Vorbehalte konservativer Wähler zu zerstreuen. „Da wird es für die CDU langfristig sehr schwer werden, wieder eine Alternative aufzubauen“, sagte Gabriel der dpa.

In der Stuttgarter CDU ist zudem ein Streit über den Umgang mit dem erneuten Rückschlag für die Partei ausgebrochen. Kreischef Kaufmann sah in dem Resultat von Turner einen Fortschritt gegenüber der verlorenen Landtagswahl 2011. Kaufmann sagte sogar mit Blick auf CDU-Chefin Angela Merkel: „Ich denke, dass die Bundeskanzlerin nicht unzufrieden sein wird mit diesem Ergebnis.“

Eisenmann warnte prompt davor, Turners Ergebnis schönzureden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kanzlerin mit diesem Ergebnis zufrieden ist.“

Kommentar: Schwäbische Euphorie

Kommentar

Schwäbische Euphorie

Erst die Studentenstädte, dann die Landesregierung – und nun auch die Schwabenhauptstadt: Die Grünen übernehmen immer mehr Machtpositionen. Auch bundesweit ist der Sieg von Fritz Kuhn ein Grund zum Jubeln.

Nach seinem klaren Sieg will der künftige Oberbürgermeister Kuhn das Ergebnis an diesem Montag vor der Presse analysieren. Die Grünen können nach Meinung ihres Bundesvorsitzenden Cem Özdemir aus Kuhns Wahlkampf lernen. Nun müssten die Grünen diesen Schwung für die kommende Bundestagswahl mitnehmen und den Erfolg ihres Parteifreundes genau analysieren. „Für uns heißt es, dass man schauen muss, warum die Grünen im Südwesten so stark sind, obwohl wir im Bund ja gerade eine schwierige Phase durchmachen durch die Zuspitzung Steinbrück versus Merkel“, betonte Özdemir.

Als einen der Gründe für die Dominanz der Grünen in Baden-Württemberg nannte der Parteichef die breite thematische Aufstellung der Partei. Grüne im Südwesten würden als links, liberal im Sinne von bürgerrechtlich und gleichzeitig wertkonservativ wahrgenommen. „Das ist hier kein Widerspruch.“ In Berlin werde das zu seinem Bedauern manchmal anders gesehen.

Stuttgart wird grün

Video: Stuttgart wird grün

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Von

dpa

Kommentare (33)

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Roger13

22.10.2012, 07:00 Uhr

Ein grüner Wahlsieg ist nur bei einer ganz geringen Wahlbeteiligung möglich.Da hat die grüne Mehrheitspresse wieder voll zugeschlagen und mit ihren Themen viele Wähler vergrault.Mir scheint man muß ein grünes Parteibuch haben um heute als Reporter eine Chance zu haben.Eine objektive unabhängige Presse sieht anders aus.traurig für diese Demokratie.

Account gelöscht!

22.10.2012, 07:09 Uhr


Die CDU ist traditionell "schwächer" in Großstädten. Der Grund ist relativ einfach. Hier leben, im Verhältnis zum nahen Umland, mehr junge Menschen, Studenten und Arbeiter. Die wenigen reichen städtischen Luxusgegenden können das nicht wettmachen. Die "klassischen" CDU-Wähler, wie z.B. Landwirte, ältere Menschen sowie der wohlhabende Mittelstand leben auf dem Lande oder in ihrem Eigenheim im "Speckgürtel" der Städte.

itstk

22.10.2012, 07:16 Uhr

Da könnten Sie tatsächlich richtig liegen.

Allerdings mußte man ebenso ein knappes Jahrhundert lang in Baden-Württemberg ein SCHWARZES Parteibuch haben, wenn man wirtschaftlich erfolgreich sein und/oder bleiben wollte. Denn wer ernsthaft anders dachte, wurde von seiner Umgebung zuerst belächelt, dann geschnitten und schließlich aus dem Ländle gemobbt.

Vielleicht schimmert hier ja ein erster Silberstreif am Horizont, in Richtung mehr Demokratie in GANZ Deutschland.

Gruß aus Hamburg

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