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16.07.2016

09:02 Uhr

Nizza-Anschlag

Dem Terror hilflos ausgeliefert

VonDietmar Neuerer

Eine europäische Anti-Terror-Behörde, mehr Daten austauschen? Nach dem Terror in Nizza überlegt die Politik neue Sicherheitsmaßnahmen. Doch Anschläge auf Großveranstaltungen sind kaum zu verhindern, sagen Experten.

Angst vor unberechenbaren Einzeltätern: Mit diesem Lkw ist ein Frankotunesier in Nizza in eine Menschenmenge gerast. AFP; Files; Francois Guillot

Tatort Nizza.

Angst vor unberechenbaren Einzeltätern: Mit diesem Lkw ist ein Frankotunesier in Nizza in eine Menschenmenge gerast.

BerlinNicht nur Frankreich steht unter Schock nach dem Massaker an der weltberühmten Strandpromenade in Nizza, auch international lösten die Nachrichten aus Südfrankreich Entsetzen aus. Die Frage, die sich nun viele Sicherheitsexperten stellen, lautet: Wie lässt sich ein solcher Terrorakt verhindern?

Die Antwort darauf ist denkbar schwierig. Der verheerende Anschlag in Nizza zeigt einmal mehr der Politik und ihren Antiterrormaßnahmen Grenzen auf, zumal wenn, wie in Frankreich, ein Einzeltäter einen 19 Tonnen schweren Lkw als Tatwaffe nutzt. Am Donnerstagabend hatte ein 31-jähriger Frankotunesier kurz nach einem Feuerwerk anlässlich des französischen Nationalfeiertags auf der Strandpromenade von Nizza das Fahrzeug in eine Menschenmenge gesteuert. Dabei wurden mehr als 80 Menschen getötet.

Solchen Einzeltätern haben die Staaten allerdings nicht viel entgegenzusetzen. Überhaupt scheint der Kampf gegen den Terror ein auswegloses Unterfangen zu sein, glaubt man dem ehemaligen Direktor des israelischen Stabs zur Terrorbekämpfung im Büro des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, Nitzan Nuriel. „Grundsätzlich muss man sagen, dass es keine 100-prozentige Lösung für alle Arten von Szenarien gibt“, sagte Nuriel der Nachrichtenagentur dpa. „Ich gehöre zu den Leuten, die glauben, dass Terrorismus für immer um uns sein wird. So wie wir uns an Kriminalität gewöhnt haben, müssen wir uns an Terrorattacken gewöhnen.“

Fahrzeuge als tödliche Waffe

Aufrufe des IS

Ein Fahrzeug als tödliche Waffe: Mindestens 80 Menschen hat ein Angreifer am französischen Nationalfeiertag in Nizza getötet, als er mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge raste. Zwar waren die Motive des Mannes zunächst unklar. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte ihre Anhänger aber bereits aufgerufen, auch Fahrzeuge als Waffen zu nutzen. Solche Attacken gab es in der Vergangenheit bereits in Kanada und Großbritannien.

London, Mai 2013

Im Mai 2013 fahren zwei Londoner nigerianischer Abstimmung in der britischen Hauptstadt den Soldaten Lee Rigby mit einem Auto an, bevor sie ihn erstechen. Einer der Angreifer ruft kurz danach, er wolle die „von britischen Soldaten getöteten Muslime“ rächen.

Montréal, Oktober 2014

Im Oktober 2014 rast ein 25-jähriger kanadischer Konvertit in einem Vorort von Montréal mit seinem Auto auf drei Soldaten. Er tötet einen der Männer und verletzt einen weiteren. Nach einer Verfolgungsjagd wird er schließlich erschossen. Der Angreifer wollte zum Dschihad nach Syrien reisen.

Audiobotschaft im September

Schon seit Jahren rufen das Terrornetzwerk Al-Kaida und der IS ihre Anhänger auf, im Westen „Ungläubige“ zu töten - egal mit welcher Waffe. IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani erklärte in einer im September 2014 verbreiteten Audiobotschaft, wenn jemand „keine Bombe zünden oder Kugel abfeuern“ könne, sei jedes andere Mittel recht. Konkret nannte al-Adnani unter anderem Messerattacken oder Angriffe mit einem Auto.

Das Einzeltäter-Phänomen sehen auch deutsche Experten als schier unlösbares Problem – vor allem, wenn es um den Schutz von Großveranstaltungen geht. „Wir können im Vorfeld solcher Ereignisse versuchen, Früherkennung zu betreiben und das geschieht auch. Aber Einzeltäter zu erkennen ist nahezu unmöglich“, sagte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, dem Handelsblatt. Man dürfe sich daher keine Illusionen machen, auch in Deutschland sei ein solcher Anschlag möglich. „Massenveranstaltungen kann man kaum gegen entschlossene Täter schützen.“

Der Vize-Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Ulf Küch, befürchtet weitere Taten nach dem Nizza-Muster – auch in Deutschland. „Man sieht, dass die Unmenschen nicht nur herkömmliche Waffen gebrauchen, sondern mittlerweile mittels eines einfachen Lkw ihre mörderischen Spuren zu ziehen in der Lage sind. In solchen Fällen ist es kaum möglich hier etwas zu verhindern“, sagte Küch dem Handelsblatt. Natürlich würden auch Großveranstaltungen von den Polizeien geschützt. „Aber den 100prozentigen Schutz wird es in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht geben.“

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