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09.05.2017

10:43 Uhr

NRW

Die Leiden eines Wahlkämpfers

VonSönke Iwersen

Endspurt im NRW-Wahlkampf: Auf einer Zugfahrt bekommt ein Handelsblatt-Redakteur ebenso unverhoffte wie unerwartete Einblicke. Ein Kandidat plaudert aus dem Nähkästchen – und steht vor der Frage: Schokolade oder Brötchen?

Wahlkampf-Endspurt in NRW: Macht Hannelore Kraft oder Armin Laschet das Rennen? dpa

Wahlplakate in Düsseldorf

Wahlkampf-Endspurt in NRW: Macht Hannelore Kraft oder Armin Laschet das Rennen?

Ein Vormittag in der Deutschen Bahn. Der Tag ist noch jung, aber der Kandidat hat schon schlechte Laune. Kaum fährt der Zug an, wählt der Politiker die Nummer eines Vertrauten. „Hallo Helmut? Hier ist Horst“*. Die nächste halbe Stunde scheint es Horst egal, dass Reisende um ihn herum jedes Wort mithören können.

Vielleicht lag es am Osterwochenende. „In Familie“ habe er gemacht, erklärt Horst seinem Zuhörer. Im Nachhinein keine gänzlich gute Idee. Furchtbar, wie politisch desinteressiert die Leute seien, berichtet der Bürgermeister in spe. Einer der Gäste habe nicht einmal gewusst, in welcher Partei der Armin Laschet sei. Dabei sei der Laschet doch Spitzenkandidat der CDU. Unglaublich.

Horst gerät in Rage. Alle hätten etwas zu meckern. Nur handeln wolle keiner, ja nicht einmal wählen. „Ich hab denen gesagt: Was macht ihr denn? Ihr beschwert euch immer, aber hier könnt ihr doch auf kommunaler Ebene entscheiden. Nö, wollen sie nicht. Nach dem Motto, ist ja eh alles scheißegal.“

Was Sie über die NRW-Wahl wissen müssen

Die Fakten

Die Abstimmung in Nordrhein-Westfalen ist die letzte Landtagswahl vor der Bundestagswahl am 24. September. Rund 13,1 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, den neuen Landtag zu wählen. Knapp 840 000 von ihnen sind Erstwähler. Der Landtag wird für fünf Jahre gewählt. Das Angebot war bei einer NRW-Landtagswahl noch nie so groß wie in diesem Jahr. Insgesamt sind Landeslisten von 31 Parteien zugelassen, 14 mehr als vor fünf Jahren. Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl 2013 waren in NRW 22 Parteien mit Landeslisten dabei. Vor fünf Jahren lag die Wahlbeteiligung bei 59,6 Prozent.

Das Parlament

NRW hat das größte Parlament aller Bundesländer. Mindestens 181 Abgeordnete gehören dem Landtag an. Wegen zahlreicher Überhang- und Ausgleichsmandate gibt es in der zu Ende gehenden Legislaturperiode sogar 237 Sitze. Die neuen Abgeordneten werden in 128 Wahlkreisen und aus den Landeslisten der Parteien gewählt.

Ministerpräsidenten

In 45 der vergangenen 50 Jahre stellte die SPD den Ministerpräsidenten in Düsseldorf. In dieser Zeit war das Amt nur von 2005 bis 2010 in der Hand der CDU, bei Jürgen Rüttgers.

Koalitionen

In keinem anderen Bundesland hat Rot-Grün solange regiert wie in Nordrhein-Westfalen - fast 17 Jahre. Von 1995 bis 2005 gab es Koalitionen von SPD und Grünen unter den SPD-Regierungschefs Johannes Rau, Wolfgang Clement und Peer Steinbrück. Seit 2010 führt Hannelore Kraft eine rot-grüne Regierung. Eine rechtsradikale oder rechtspopulistische Partei hat es noch nie in den Landtag geschafft.

Die Ausgangslage

Bislang sind fünf Parteien im Parlament am Rhein. Mit Abstand stärkste Kraft wurde 2012 die SPD mit 39,1 Prozent der Stimmen. Die CDU fuhr unter Norbert Röttgen mit 26,3 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis bei einer NRW-Landtagswahl ein. Die Grünen erhielten 11,3 Prozent und die FDP 8,6 Prozent. Die Piraten zogen mit 7,8 Prozent erstmals ins Landesparlament ein; die Linke verpasste den Wiedereinzug mit nur 2,5 Prozent.

Das Personal

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft wird die SPD auch bei der Wahl im Mai als Spitzenkandidatin anführen. Seit 2010 führt die 55-Jährige eine rot-grüne Koalition - zunächst als Minderheitsregierung, nach deren Scheitern und einer vorgezogenen Neuwahl 2012 mit komfortabler Mehrheit. Herausforderer ist Armin Laschet, der derzeitige CDU-Parteichef und Fraktionsführer. Die Grünen gehen mit Schulministerin Sylvia Löhrmann ins Rennen, die FDP mit ihrem Bundesvorsitzenden Christian Lindner. Er hat bereits angekündigt, bei einem Einzug in den Bundestag im September nach Berlin zu wechseln. Für die Linke tritt Spitzenkandidatin Özlem Alev Demirel an, für die AFD deren Landesvorsitzender Marcus Pretzell und für die Piraten Michele Marsching.

Die Wahlkampfthemen

Die Union hält Rot-Grün manche Wirtschaftsprobleme des Landes vor. Sie spielt auch das Thema Innere Sicherheit und spricht von Pannen der Behörden etwa bei den Übergriffen der Kölner Silvesternacht und im Umgang mit dem späteren Berliner Attentäter Anis Amri. Gestritten wird zudem über die Ausgestaltung des Abiturs, auch wenn sich fast alle einig sind, dass neun Jahre Dauer zumindest möglich sein sollen. Viel Kritik gibt es an der Mietpreisbremse, vor allem seitens der FDP, CDU und AfD.

Die Umfragen

Die SPD lag zuletzt etwas unter ihrem alten Wahlergebnis, bei 32 bis 36 Prozent. Die CDU rangierte dahinter bei 27 bis 34 Prozent. Die Grünen erreichten nur noch 6 bis 7,5 Prozent, die Freidemokraten etwa 7 bis 13, die AfD 7 bis 11 und die Linke 5 bis 8 Prozent.

Die Optionen

Für die Fortsetzung von Rot-Grün gibt es schon lange keine Mehrheit mehr in den Umfragen. Am wahrscheinlichsten scheint derzeit eine große Koalition zu sein mit Kraft als Regierungschefin und CDU-Herausforderer Laschet als Stellvertreter. Eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP hat FDP-Chef Lindner ausgeschlossen. Die Tür zu einem Jamaika-Bündnis aus CDU, FDP und Grünen wiederum haben Letztere sogar per Parteiratsbeschluss zugeschlagen. Aber ein sozialliberales Bündnis könnte möglich sein angesichts des starken Zuwachses für die FDP. Rechnerisch weniger aussichtsreich ist die rot-rot-grüne Option; Kraft betont auch stets, sie halte die Linke für „nicht regierungsfähig“. Einig sind sich alle aber in einem: Keine Zusammenarbeit mit der AfD.

Selbst seine Parteifreunde seien arg lethargisch, klagt der Bahntelefonist. „Wenn ich an meine Genossen denk. Ich schreib 15 Leute an. Drei antworten. Vielleicht. Da werd ich gleich wieder depressiv.“

Wahlkampf, lernen Horsts Mitfahrer, ist harte Arbeit. Unzählige Hausbesuche habe er in den vergangenen Monaten gemacht. 750 qualifizierte Gespräche geführt. Neulich dann eine heimtückische Sabotage. Unbekannte rissen einfach ein Wahlplakat ab. „Da häng ich keins mehr hin“, sagt Horst. „Kostet drei Euro. Die verschwende ich nicht wieder. Verstehst du.“

Überhaupt, die Kosten. Mehr als 10.000 Euro aus eigener Tasche hat Horst inzwischen in seinen Wahlkampf gesteckt. Mehr als 3200 Euro dürfe er aber beim Finanzamt nicht absetzen. Egal. Horst: „Das ist ne einmalige Sache in meinem Leben, das zieh ich jetzt durch.“

Gedankt wird es ihm kaum. Die Leute seien ja so teilnahmslos, sagt Horst. Ein halber Satz dürfe auf den Plakaten stehen, mehr nicht. „Der Name ist wichtig. Nur der Name zählt.“

Dann hat Horst eine Idee. Am Morgen vor dem Urnengang sollen die Bürger in seinem Wahlkreis ein letztes Mal an den richtigen Kandidaten erinnert werden. „Ich dachte so an 1000 Türanhänger. Nicht vergessen, Horst wählen. Was weiß ich. Und ein Brötchen.“

Horst überdenkt die Logistik. 1000 Brötchen. „Da brauchen wir zehn Leute. Jeder mit einem Karton mit 100 Brötchen. Wenn wir um sechs Uhr anfangen, schaffen wir das bis acht? Wenn wir das selber machen, müssen wir um fünf anfangen.“
Heinz zweifelt. Horst lenkt ein. „Ja, da hast du Recht. Bei Brötchen geht garantiert auch was schief. Menschliches Versagen.“

„Wie wär‘s mit Schokolade?“, fragt Horst. „Diese kleinen. Kost ja nichts. Jeder macht ne Plastiktüte voll und marschiert los. Zack, zack, zack.“

Die Entscheidung ist gefallen. Für Schokolade. Gegen Brötchen. „Brötchen sind nicht gut. Gut, dass wir geredet haben. Mit Schokolade können wir das auch um Mitternacht machen. Ist ein wahnsinniger Aufwand. Aber es geht in dem Moment doch nur noch darum: wie viele Stimmen gewinne ich in dem Moment mit der Aktion? Und wenn es bei 1000 Stück 30 Stimmen sind. Haben oder nicht haben.“

Dann muss Horst aussteigen.

*Namen geändert

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