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29.12.2015

16:31 Uhr

NRW, Hessen und Rheinland-Pfalz

Keine Böller in Flüchtlingsunterkünften

Die Deutschen begrüßen das neue Jahr mit Raketen und Böllern. In vielen Flüchtlingsunterkünften wurde das verboten – aus Sicherheitsgründen. Zudem könne es traumatisierte Flüchtlinge in Panik versetzen, warnen Experten.

In arabischer Schrift weist ein Plakat darauf hin, dass innerhalb der Landeserstaufnahmstelle keine Feuerwerkskörper gezündet werden dürfen. Außerhalb des Camps dürfen Feuerwerkskörper benutzt werden. dpa

Verbot von Feuerwerkskörpern in Asylunterkünften

In arabischer Schrift weist ein Plakat darauf hin, dass innerhalb der Landeserstaufnahmstelle keine Feuerwerkskörper gezündet werden dürfen. Außerhalb des Camps dürfen Feuerwerkskörper benutzt werden.

StuttgartAus Sicherheitsgründen und wegen möglicher Ängste sind in vielen Unterkünften für Flüchtlinge in Deutschland Silvester-Knaller und Raketen verboten. Entsprechende Regelungen gibt es für viele Einrichtungen etwa in Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Auch in Baden-Württemberg sehen die Behörden Feuerwerksspektakel auf dem Gelände von Flüchtlingsquartieren nicht gern. Hintergrund sind Brandschutz und Verletzungsgefahr, aber auch mögliche psychische Probleme traumatisierter Bürgerkriegsflüchtlinge.

„Wer aus einem Kriegsgebiet kommt, verbindet Knallerei eher mit Schüssen und Bomben als mit Silvesterraketen. Das könnte die Traumata der Leute neu aufbrechen lassen“, sagte Christoph Söbbeler von der Bezirksregierung im nordrhein-westfälischen Arnsberg.

Menschen, die wegen des Krieges an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, sollten therapiert werden, erklärte Professor Markus Burgmer von der Trauma-Ambulanz der Uniklinik Münster. „Geräusche, die dem belastenden Ereignis ähneln, können in einem Flashback die Bilder von damals wieder hervorrufen und zu Panik und Angst, Nervosität und Unruhe führen“, so der Experte.

Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Hintergrund

Zwischen dem 1. Januar und dem 30. November 2015 wurden in Deutschland 222 fremdenfeindliche Angriffe registriert, bei denen Menschen zu Schaden kamen oder zu Schaden hätten kommen können. Nur in zwölf Fällen kam es zur Anklage einer oder mehrerer Täter – also in bloß fünf Prozent der Fälle.

(Quelle: „Zeit Online“; Stand 3. Dezember 2015)

Art der Anschläge

Bei den Angriffen handelte es sich in 93 Fällen um einen Brandanschlag, in ebenfalls 93 Fällen um Sachbeschädigungen und in acht Fällen um Wasserschäden. Hinzu kamen 28 tätliche Angriffe.

Betroffene Regionen

Angriffe auf Unterkünfte gibt es im gesamten Bundesgebiet. Auch gelingt die Aufklärung im Westen nicht häufiger als im Osten. Dennoch: In manchen Regionen kommen die Attacken gehäuft vor. Im Folgenden die Bundesländer mit den meisten Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte.

Sachsen

Das Bundesland Sachsen ist trauriger Spitzenreiter des Negativ-Rankings: In den ersten elf Monaten des Jahres wurden hier 64 Angriffe begangen, darunter 18 Brandanschläge.

Nordrhein-Westfalen

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen wurden im gleichen Zeitraum 21 Fälle registriert. 14 davon waren Brandstiftungen.

Berlin

Auch die Hauptstadt findet sich unter den fünf Bundesländern. Hier wurden von Januar bis Ende November insgesamt 20 Anschläge begangen, darunter 4 Brandanschläge.

Baden-Württemberg

Aufgeklärt wurde hier bisher noch kein Angriff auf eine Unterkunft, begangen dafür mehrere: Seit Januar kam es in Baden-Württemberg zu 17 Angriffen auf Asylbewerberheime. Sieben davon waren Brandanschläge.

Mecklenburg-Vorpommern

An der Ostsee wurden in den vergangenen elf Monaten fünf Brandanschläge begangen. Insgesamt kommt Mecklenburg-Vorpommern damit auf 16 Angriffe.

Sachsen-Anhalt

Ebenfalls in der traurigen „Top Ten“-Liste landet Sachsen-Anhalt. Hier wurden 15 Anschläge begangen, sieben davon waren Brandstiftungen.

Bayern und Brandenburg

Hier wurden in den ersten elf Monaten von 2015 jeweils sieben Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte begangen.

In den Unterkünften hängen oftmals Plakate, die auf das Knallerverbot hinweisen. In Baden-Württemberg wird gleichfalls appelliert, darauf zu verzichten. Ein Sprecher des Integrationsministeriums in Stuttgart sagte, was vor den Quartieren passiere, lasse sich allerdings nicht kontrollieren. Auch in Mecklenburg-Vorpommern soll Silvester in den Gemeinschaftsunterkünften für Flüchtlinge ohne Feuerwerk gefeiert werden.

Das Spektakel zum Jahreswechsel gehört nach Angaben des Essener Verbundes der Immigrantenvereine nicht zum Brauchtum des Islam – auch wenn etwa in der Türkei Silvester gefeiert und geböllert werde, sagte Muhammet Balaban. Der islamische Jahreswechsel richtet sich nach dem Mondkalender und fällt nicht mit dem 31. Dezember zusammen.

Damit beim Umgang mit dem Feuerwerk keiner zu Schaden kommt, haben Polizeistellen Informationsblätter erstellt. Das gebe es teils auch in Arabisch und solle an Flüchtlinge verteilt werden, teilte die Polizei in Mannheim mit. Bereits zwei Tage vor dem Jahreswechsel wollte die unterfränkische Gemeinde Reichenberg ein Probefeuerwerk für Flüchtlinge zünden. Damit soll den Menschen die Angst genommen werden. Außerdem dient es zur Vorbereitung, was sie in der Silvesternacht erwartet, wie das Landratsamt Würzburg mitteilte.

Von

dpa

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