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10.03.2013

11:12 Uhr

NSU-Opfer

„Ich hoffe, dass jeder Helfershelfer bestraft wird“

Semiya Simsek war vierzehn, als ihr Vater erschossen wurde. Erst elf Jahre später wurde klar: Er war das erste Opfer der Neonazi-Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben.

Fahndungsbilder der Neonazi-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die Tochter ihres ersten Mordopfers hat jetzt ein Buch geschrieben. Foto: Frank Doebert/Ostthüringer Zeitung dpa

Fahndungsbilder der Neonazi-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die Tochter ihres ersten Mordopfers hat jetzt ein Buch geschrieben. Foto: Frank Doebert/Ostthüringer Zeitung

Frau Simsek, in ihrem Buch schildern Sie ausführlich das Leben Ihres Vaters und Ihrer Familie vor dem Mordanschlag - seinen Weg vom Schafhirten zum erfolgreichen Blumengroßhändler. Ist das Buch auch eine Art Denkmal für Ihren Vater?
So kann man es sagen. Es war mir wichtig, gerade meinen Vater zu beschreiben. Elf Jahre lang haben andere von ihm erzählt, aber nicht wie er wirklich war. Mal galt er als Drogendealer, mal soll er etwas mit der Drogenmafia zu tun gehabt haben, mal mit der PKK. Aber niemand wusste: Was ist das denn für ein Mensch? Wie stand er zu seiner Familie? Das war mir wichtig, dass ich ihn beschreibe und dass die Leute ihn kennenlernen.

Ihre Familie wurde mit vielen Verdächtigungen konfrontiert.
Was ich am härtesten meiner Mutter gegenüber empfand: Dass die Ermittler mit einem Foto ankamen, auf dem eine Frau abgebildet war, und sagten, das sei die Geliebte von meinem Vater. Er habe zwei Kinder mit ihr und lebe in Nürnberg. Die kamen wirklich mit einem Bild und wollten uns klar machen, dass ich Geschwister hätte. Und du denkst: Nein, das kann doch gar nicht sein. Und falls doch - wie gehe ich damit um? Ich war damals 14. Ein anderes Beispiel: Sie sagten meiner Mutter, mein Vater habe Drogen geschmuggelt. Er habe das Geld nur über Drogen verdient, das sei kein gutes Geld. Die wollten meiner Mutter wirklich klar machen, dass er mit Rauschgift gehandelt habe.

Semiya Simsek ist die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek. Gemeinsam mit einem Journalisten schrieb sie das Buch "Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater". dpa

Semiya Simsek ist die Tochter des ersten NSU-Opfers Enver Simsek. Gemeinsam mit einem Journalisten schrieb sie das Buch "Schmerzliche Heimat. Deutschland und der Mord an meinem Vater".


Wie haben Freunde und Bekannte darauf reagiert?
Ich trenne zwischen Familie und Umfeld. Das Umfeld, das sind für mich Leute, die mit mir in der gleichen Straße, im gleichen Ort wohnen. Da gab es Leute, die gesagt haben: Der hat doch immer so viel gespendet, so viel Gutes getan. Vielleicht wollte er ja schmutziges Geld waschen. Kann man mit Blumen wirklich so viel Geld verdienen? Warum wird denn wohl auf jemanden geschossen? Dafür muss es doch einen Grund geben - so haben viele wirklich gedacht.

Hat sich hinterher jemand von den Ermittlern bei Ihnen entschuldigt?
Nein, von denen kam gar nichts. Wir sind nicht einmal von der Polizei informiert worden, als klar wurde, wer den Mord begangen hat.

Neonazi-Terror - Chronologie der Ermittlungen

25. April 2007

Die 22-jährige Bereitschaftspolizistin Michéle K. wird auf einem Parkplatz in Heilbronn durch einen Kopfschuss getötet. Ihr zwei Jahre älterer Kollege wird lebensgefährlich verletzt. Dienstwaffen und Handschellen fehlen nach der Tat.

26. April 2007

Die Kriminalpolizei gründet die Sonderkommission Parkplatz.

30. April 2007

Mehr als 1000 Polizisten aus ganz Baden-Württemberg erweisen ihrer Kollegin die letzte Ehre.

31. Mai 2007

„Aktenzeichen XY ungelöst“ sendet einen ersten Studiobeitrag zum Heilbronner Polizistenmord.

16. Juni 2007

Die Soko gibt bekannt, dass am Opferfahrzeug eine möglicherweise tatrelevante DNA-Spur einer Frau gesichert werden konnte.

Januar 2008

Die Sonderkommission Parkplatz führt eine DNA-Reihenuntersuchung in Baden-Württemberg durch.

April 2008

Erste Vermutungen kommen auf, dass die Wattestäbchen zur DNA-Untersuchung „fremdkontaminiert“ wurden.

Ende Oktober 2008

Die DNA-Spur der unbekannten weiblichen Person wird erneut in Heilbronn sichergestellt.

11. Februar 2009

Das Landeskriminalamt übernimmt die Sonderkommission Parkplatz

März 2009

Das Rätsel um das „Phantom von Heilbronn“ klärt sich auf. Die DNA wird einer Mitarbeiterin des Herstellers der verwendeten Wattestäbchen zugeordnet.

4. November 2011

Bei Eisenach werden in einem ausgebrannten Wohnmobil, in dem zwei tote Männer liegen, Dienstwaffen und Handschellen der Heilbronner Beamten gefunden

7. November 2011

Die Toten im Wohnmobil werden als Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt identifiziert. Spätere Ermittlungen ergeben, dass Mundlos zunächst Böhnhardt erschoss, dann legte er den Brand und tötete sich selbst. Im Wohnwagen werden Pistolen gefunden, darunter die Dienstwaffen der 2007 in Heilbronn getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter und ihres schwer verletzten Kollegen.

8. November 2011

Beate Zschäpe, die zusammen mit Mundlos und Böhnhardt in Zwickau lebte, stellt sich der Polizei in Jena. Zunächst wird sie nur für die Explosion ihrer Wohnung in Zwickau einige Tage zuvor verantwortlich gemacht. Spekulationen kommen auf, dass die mutmaßlichen Bankräuber eine Verbindung in die Neonazi-Szene hatten und in Thüringen Bomben bauten.

9. November 2011

LKA und Staatsanwaltschaft verkünden, dass der Fall vermutlich aufgeklärt ist, da gesicherte Erkenntnisse über die Täterschaft vorliegen.

11. November 2011

Der Fall nimmt eine spektakuläre Wende: Unter den gefundenen Waffen ist die Pistole, mit der zwischen 2000 und 2006 neun Kleinunternehmer türkischer und griechischer Abstammung erschossen wurden. Außerdem entdecken Fahnder rechtsextreme Propaganda-Videos mit Bezügen zur Mordserie. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe übernimmt die Ermittlungen.

13. November 2011

Die Bundesanwaltschaft geht erstmals von Rechtsterrorismus aus. Der Bundesgerichtshof erlässt Haftbefehl gegen Zschäpe. Bei Hannover wird Holger G. festgenommen, ein mutmaßlicher Komplize. Er bestreitet später, von den Taten des Trios gewusst zu haben, das sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) nannte.

14. November 2011

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert, die Strukturen des Verfassungsschutzes auf den Prüfstand zu stellen.

18. November 2011

Bei einem Krisengipfel in Berlin vereinbaren Bund und Länder eine neue Zentraldatei mit Einträgen über Rechtsextreme und ein „gemeinsames Abwehrzentrum Rechts“. Ein neuer Anlauf für ein NPD-Verbot soll geprüft werden.

20. November 2011

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) spricht angesichts der Fahndungspannen von „kläglichem Versagen“.

21. November 2011

Friedrich teilt nach der Sitzung des Bundestags-Innenausschusses mit, es gebe in dem Fall mittlerweile ein Dutzend Verdächtige und Beschuldigte.

22. November 2011

Der Bundestag beschließt eine parteiübergreifende Resolution zur Neonazi-Mordserie. Die Angehörigen der Opfer werden um Entschuldigung gebeten und sollen rund 10.000 Euro Entschädigung erhalten. Die Mittelkürzungen für Initiativen gegen Rechtsextremismus werden zurückgenommen.

24. November 2011

Ein weiterer mutmaßlicher Helfer des Zwickauer Trios wird in Brandenburg festgenommen. Andre E. aus Sachsen wird beschuldigt, ein Propagandavideo produziert haben, in dem sich die Zwickauer Zelle mit zehn Morden brüstet.

26. November 2011

Zschäpe war nach einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ möglicherweise nicht direkt an den Morden beteiligt.

29. November 2011

In Jena wird der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben gefasst. Der 36-Jährige wird verdächtigt, dem Neonazi-Trio eine Waffe und Munition besorgt zu haben. Damit gebe es eine Verbindung zwischen der NPD und dem Terrortrio.

1. Dezember 2011

Die Bevölkerung wird per Fahndungsplakat zur Mithilfe aufgerufen. Innerhalb einer Woche gehen mehr als 500 Hinweise zu Hintermännern und Unterstützern sowie weiteren Taten des Trios ein.

4. Dezember 2011

Es wird bekannt, dass der Thüringer Verfassungsschutz das Terrortrio nach dessen Untertauchen 1998 zum Aufgeben bewegen wollte. Es misslang. Außerdem gibt es Berichte, dass Zschäpe Informantin des Verfassungsschutzes gewesen sein könnte oder andere Verbindungen des Trios zum Verfassungsschutz bestanden.

5. Dezember 2011

Eine Spur des Zwickauer Trios führt ins Saarland. Möglicherweise sind die Neonazis auch für den Anschlag auf die Wehrmachtsausstellung 1999 verantwortlich.

7. Dezember 2011

Das Bundeskriminalamt stockt die Zahl der Ermittler im Neonazi-Fall auf. 480 Experten sind nun im Einsatz.

9. Dezember 2011

Die Innenminister von Bund und Länder sind für ein Verbot der rechtsextremen NPD, fassen aber noch keinen konkreten Beschluss für ein Verbotsverfahren.

11. Dezember 2011

Der mutmaßliche Unterstützer Matthias D. wird gefasst. Er soll in Zwickau zwei Wohnungen für die Terrorzelle angemietet haben. Im Erzgebirgskreis werden insgesamt drei Wohnungen durchsucht, darunter die des 36-Jährigen.


Ist mittlerweile in Ihrer Familie Ruhe eingekehrt?
Ruhe kann man das nicht nennen. Als herauskam, dass Neonazis geschossen haben, war das für uns der zweite große Schock. Und wir dachten: Das haben wir doch früh genug befürchtet, warum hat man uns nicht ernst genommen? Wie können Vorurteile gegenüber Ausländern so ausgeprägt sein, dass sie die ganzen Ermittlungen beeinflussen? Manche Väter könnten vielleicht sogar noch am Leben sein, wenn richtig ermittelt worden wäre. Die Vorstellung tut mir weh.

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