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19.12.2013

16:29 Uhr

NSU-Prozess

Diskussion um die Aussagen von Siegfried Mundlos

Kinderlieb und fürsorglich, von Ausländerfeindlichkeit keine Spur - so beschreibt Siegfried Mundlos die NSU-Hauptangeklagte Beate Zschäpe. Nebenklageanwälte sprechen von Realitätsverlust.

Siegfried Mundlos, Vater des mutmaßlichen NSU-Mitglieds Uwe Mundlos, geht als Zeuge in den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern). Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) fortgesetzt. dpa

Siegfried Mundlos, Vater des mutmaßlichen NSU-Mitglieds Uwe Mundlos, geht als Zeuge in den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern). Vor dem Oberlandesgericht wurde der Prozess um die Morde und Terroranschläge des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) fortgesetzt.

MünchenNach der kontroversen Aussage von Siegfried Mundlos ist es am Donnerstag im NSU-Prozess zu Diskussionen über die Deutungshoheit gekommen: Während Opferanwälte den Auftritt des Vaters von Uwe Mundlos kritisierten, sahen die Verteidiger von Beate Zschäpe positive Aspekte für ihre Mandantin.

Der Vaters des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos gab am Donnerstag erneut dem Verfassungsschutz eine Mitschuld daran, dass sein Sohn in die rechte Szene abgeglitten ist. Rechte Konzerte und Demonstrationen wären „so nicht möglich gewesen, wenn nicht eine finanzielle Unterstützung vom Verfassungsschutz gegeben worden wäre“.

Von Beate Zschäpe zeichnete Mundlos ein durchweg positives Bild. Sie habe sich „rührend“ um das Kind seiner Cousine gekümmert, dessen Vater aus Bulgarien kam. „Von Ausländerfeindlichkeit habe ich nicht etwas gespürt“, sagte Mundlos. Er habe sie anfangs äußerlich eher der linken Szene zugeordnet und gehofft, sie könnte einen positiven Einfluss auf seinen Sohn haben, der schon Anfang der 90er Jahre in Springerstiefeln und Bomberjacke herumlief. Ähnlich hatte - einige Verhandlungstage zuvor - auch die Mutter von Uwe Böhnhardt erzählt, dass sie sich gefreut habe, als ihr Sohn mit Beate Zschäpe zusammen kam.

Opferanwälte kritisierten, Mundlos' Aussage sei geprägt durch das Bemühen, „jede Verantwortung für die Straftaten des NSU von seinem Sohn abzuwehren“. Wenn er seinen Sohn in eine Reihe mit den Opfern des NSU stelle, werde deutlich, „dass er jeden Bezug zur Realität verloren hat“, sagte Nebenklageanwalt Alexander Hoffmann. Dies sei einem verzweifelten Vater zuzugestehen, müsse sich aber auf die Bewertung der Zeugenaussage auswirken.

Der Prozess in Zahlen

Richter

Fünf Richter hat der Staatsschutzsenat des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) unter Vorsitz von Manfred Götzl. Dazu gibt es drei Ergänzungsrichter – falls ein Richter während des Prozesses ausfällt.

Angeklagte

Fünf Angeklagte müssen sich in dem Verfahren vor Gericht verantworten, darunter Beate Zschäpe und der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben.

Verteidiger

Elf Verteidiger stehen ihnen nach Angaben des OLG insgesamt zur Seite. Allein Zschäpe hat drei Verteidiger.

Sachverständige

22 Sachverständige wurden von der Bundesanwaltschaft benannt, darunter Psychiater und Rechtsmediziner.

Nebenkläger

Mindestens 77 Nebenkläger sind nach OLG-Angaben zugelassen, darunter viele Angehörige der Mordopfer. 53 Anwälte vertreten diese Nebenkläger.

Verhandlungstage

80 Verhandlungstage sind zunächst angesetzt, und zwar bis zum 16. Januar 2014. Das Gericht hat aber bereits erklärt, dass dies wohl bei weitem nicht ausreichen wird. Die ersten 5 Verhandlungstermine sind wegen der Verschiebung des Prozesses geplatzt.

Gerichtssaal

Rund 250 Plätze hat der umgebaute Gerichtssaal A 101.

Presseplätze

50 davon sind feste Presseplätze. Bei der Verlosung der Reservierungen waren 324 Medien oder einzelne Journalisten im Topf.

Anklageschrift

488 Seiten umfasst die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft. Darin wird Zschäpe Mittäterschaft bei den zehn NSU-Morden vorgeworfen.

Zeugen

606 Zeugen hat die Bundesanwaltschaft für den Prozess benannt.

Ermittlungsakten

Die mehr als 280.000 Seiten Ermittlungsakten füllen mehr als 600 Ordner.

Zschäpes Verteidigerin Anja Sturm betonte hingegen, Mundlos habe bekundet, was er mitbekommen habe: Er habe Zschäpe als „freundliche, sehr kinderliebe Person geschildert“.

Nebenklageanwalt Thomas Bliwier entgegnete, es habe auch Lagerkommandanten in KZs gegeben hat, „die durchaus kinderlieb waren, fürsorgliche Familienväter, die zum Zeitvertreib Häftlinge erschossen haben“. Bliwier hält die Angaben des ehemaligen Informatikprofessors auch deshalb für wenig aussagekräftig, weil Siegfried Mundlos von der politischen Entwicklung seines Sohnes nicht viel mitbekommen habe.

Im Gegensatz zu der spannungsreichen Befragung am Vortag, als Siegfried Mundlos den Vorsitzenden Richter beleidigt hatte, war die Atmosphäre am zweiten Tag eher ruhig und sachlich. Zum Schluss der Vernehmung sagte Mundlos, es tue ihm leid, „dass in der Presse unser persönliches Verständnis als der Hauptinhalt von gestern dargestellt wird“. Der Zeuge hatte Richter Manfred Götzl als „Klugscheißer“ bezeichnet.

Am Freitag will das Gericht eine ehemalige Nachbarin des Zwickauer Terror-Trios per Videoübertragung vernehmen. Die 91-Jährige, die aus gesundheitlichen Gründen nicht vor Gericht erscheinen kann, könnte Beate Zschäpe vom Vorwurf des versuchten Mordes entlasten. Dabei geht es um die Brandstiftung in der Zwickauer Wohnung des „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Dem NSU werden unter anderem zehn Morde und zwei Sprengstoffattentate zugerechnet.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Charly

19.12.2013, 17:01 Uhr

"Opferanwälte kritisierten, Mundlos' Aussage sei geprägt durch das Bemühen, „jede Verantwortung für die Straftaten des NSU von seinem Sohn abzuwehren“."

Wenn man die unterschiedlichen Texte in der Presse liest, (nicht nur die verfälschten, in denen vom Thema abgelenkt wird)
dann hat der Mundlos vor allem eines kritisiert und mit etwas unüblichen aber legitimen Mitteln zur Kenntnis gebracht (weil man sich offensichtlich sonst bei Gericht kein Gehör verschaffen kann)

Es geht eigentlich um die Verwicklungen des Staates, sprich des sogenannten Verfassungsschutzes in diesen Fall. Das Gericht versucht alles um diese Verwicklungen zu verschleiern.

Die sogenannten Opferanwälte täten gut daran mehr auf die Aufklärung der Verwicklungen der sogenannten Verfassungsschützer zu dringen.

Das soll jetzt keineswegs die Angeklagten reinwaschen, aber der eigentliche Skandal ist doch die Verwicklung des Staates in diese Verbrechen, davon soll abgelenkt werden soll.

Account gelöscht!

19.12.2013, 17:10 Uhr

Diese NSU Geschichte ist nicht nachvollziehbar und vom wirklichem Geschehen wahrscheinlich weit entfernt.

Habnix

19.12.2013, 18:26 Uhr

Ich will nicht klugscheißen, aber es müßte; Diese NSU Geschichte ist für jedes vernunftbegabte Wesen nicht nachvollziehbar und vom wirklichem Geschehen definitiv und kilometerweit entfernt., heißen!

Das man es in diesem sogenannten "Prozess" mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, zeigt schon die Aussage des Anwalts Bliwier: es habe auch Lagerkommandanten in KZs gegeben hat, „die durchaus kinderlieb waren, fürsorgliche Familienväter, die zum Zeitvertreib Häftlinge erschossen haben“. (Zitat HB, mit allen Fehlern)
Man sollte Hollywoodschinken nicht als reale Doku ansehen. Schon gar nicht als Anwalt. Sonst behaupten die demnächst noch, die bösen Buben konnten nur deshalb nicht gefasst werden, weil sie Tarnumhänge benutzt haben und mit Besen von einem Tatort zum nächsten geflogen sind!

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