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22.02.2017

17:59 Uhr

NSU-Prozess

Gericht schließt Zschäpe-Begutachtung

Niemand hatte mehr Fragen an den psychiatrischen Sachverständigen, niemand widersprach, als das Gericht ihn entließ. Damit könnte der Terrorprozess um die NSU-Mordserie auf die Zielgerade einbiegen.

Ein Justizbeamtin berichtet, Zschäpe bekomme regelmäßig „Geld von außen“ in die U-Haft geschickt. AP

Beate Zschäpe

Ein Justizbeamtin berichtet, Zschäpe bekomme regelmäßig „Geld von außen“ in die U-Haft geschickt.

MünchenIm Münchner NSU-Prozess hat das Gericht die psychiatrische Begutachtung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe abgeschlossen und den Sachverständigen Henning Saß entlassen. Keine der Prozessparteien widersprach am Mittwoch seiner Entlassung. Die drei ursprünglichen Pflichtverteidiger Zschäpes kündigten allerdings einen Antrag gegen die Verwertung des Gutachtens für das Urteil an.

Saß hatte Zschäpe am 17. Januar volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Unter bestimmten Bedingungen könne sie auch in Zukunft noch als gefährlich gelten. In den folgenden Wochen richteten vor allem Zschäpes Verteidiger zahlreiche Nachfragen an den Sachverständigen.

Fünf Verschwörungstheorien zum NSU

Der „Inside-Job“

Der Geheimdienst steckt mit dem NSU unter einer Decke, Akten wurden absichtlich geschreddert und die Flucht der Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wurde von den Behörden geplant.

Die „Neoschutz-Staffel“

Der NSU konnte nicht ohne Helfer auskommen. Die aufgedeckte baden-württembergische „Neoschutz-Staffel“ (NSS), angeführt von dem ehemaligen Soldaten Matthias K. – Spitzname „Matze“ –, hat die Mord- und Anschlagserie mitgeplant und -durchgeführt.

Das große „Zeugensterben“

Florian H. kündigte 2012 an, zum NSU und der NSS auszusagen. Im September 2013 nimmt er sich das Leben. Bevor der V-Mann „Corelli“, der seit 2005 CDs mit dem Kürzel NSU vertrieb, umfangreich aussagen konnte, stirbt er im April 2014 einen natürlichen Tod. Das Gleiche geschieht bei Florian H.’s Freundin im März 2015. Die Theorie hinter dem „Zeugensterben“: Zeugen mussten sterben, weil sie zu viel wussten.

Der „Tag X“

Laut einer Zeugenaussage habe der NSU mit einem Zusammenbruch der Bundesrepublik gerechnet und sich schließlich für den „Tag X“ und die zu erwartenden „bürgerkriegsähnlichen Zustände“ wappnen wollen. „Waffen wurden verherrlicht, jeder wollte sie haben, jeder hat darüber gesprochen. Das gehörte zum guten Ton und galt als Statussymbol“, sagte der ehemalige V-Mann „Piatto“ im NSU-Prozess.

Die Polizei hat Böhnhardt und Mundlos getötet

Ein Obduktionsbericht lässt Zweifel an der offiziellen Selbstmordversion der beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen aufkommen. Nach einem missglückten Banküberfall sollen die beiden Neonazis Selbstmord begangen haben. Dem Bericht zufolge fanden sich weder Rußpartikel in der Lunge Böhnhardts noch in der von Mundlos. Eine Interpretation dieser Ungereimtheit: Die Polizei hat sie exekutiert.

Offen ist, ob Zschäpes Verteidigung noch ein Gegengutachten vorlegen wird, das sich kritisch mit der Methodik des Sachverständigen befassen soll. Die drei ursprünglichen Pflichtverteidiger hatten es mehrmals in Aussicht gestellt. Zschäpe hatte zudem über ihre Wahlverteidiger eine Besuchserlaubnis für den Freiburger Psychiater Joachim Bauer beantragt. Darüber hat das Oberlandesgericht München aber noch nicht entschieden.

Den Verhandlungstermin am Donnerstag sagte das Gericht ab. Der Mammutprozess soll nun nach den bayerischen Faschingsferien am 7. März fortgesetzt werden.

Unmittelbar vor seiner Entlassung hatte Saß am Mittwoch auf Wunsch des Gerichts die Aussage einer Beamtin der Justizvollzugsanstalt Stadelheim bewertet. Sie hatte zuvor ausgesagt, Zschäpe verhalte sich in der Untersuchungshaft „unauffällig, freundlich, korrekt und höflich“. Die Anstalt habe nie disziplinarisch gegen sie vorgehen müssen.

NSU-Prozess: JVA-Mitarbeiterin soll Zschäpe einschätzen

NSU-Prozess

JVA-Mitarbeiterin soll Zschäpe einschätzen

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl drückt im NSU-Prozess weiter aufs Tempo: Weil sich Zschäpes Verteidiger Grasel und Borchert Zeit lassen, lädt er kurzerhand selbst eine JVA-Mitarbeiterin als Zeugin.

Saß sagte, es gehöre zu Zschäpes „besonderen Fähigkeiten“, dass sie sich „sehr gut kontrolliert und der jeweiligen Situation anpassen kann“. Sie sei auch über viele Jahre zu „Camouflage“ in der Lage, sagte Saß unter Hinweis auf die fast 14 Jahre, die Zschäpe zusammen mit den mutmaßlichen NSU-Mördern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im Untergrund lebte. Er sei darum nicht überrascht, dass sie in der JVA nicht auffalle.

Die Justizbeamtin berichtete zudem, Zschäpe bekomme regelmäßig „Geld von außen“ in die U-Haft geschickt. Es handele sich jeweils um Beträge von „mal 100, mal 200 Euro“. Das Geld komme von nahen Angehörigen sowie einer dritten Person, deren Namen sie auch nannte. Nebenklage-Anwalt Thomas Bliwier äußerte den Verdacht, es handele sich um einen Mann, der auf Facebook und Twitter „Freiheit für Bea“ fordere und ausländerfeindliche Gesinnung äußere.

Von

dpa

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