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03.05.2017

17:20 Uhr

NSU-Prozess

Psychiater hält Zschäpe für vermindert schuldfähig

Der Gerichtspsychiater hat der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe volle Schuldfähigkeit attestiert. Ein von Zschäpes Anwälten benannter Gutachter widerspricht - lässt aber Fragen offen.

Der Psychiater bescheinigte Beate Zschäpe eine „erheblich beeinträchtige Steuerungsfähigkeit“. AFP; Files; Francois Guillot

Joachim Bauer

Der Psychiater bescheinigte Beate Zschäpe eine „erheblich beeinträchtige Steuerungsfähigkeit“.

MünchenDie mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe ist nach Einschätzung eines von ihren Vertrauens-Anwälten benannten Gutachters vermindert schuldfähig. Der Psychiater Joachim Bauer attestierte der Hauptangeklagten im Münchner NSU-Prozess eine schwere dependente (abhängige) Persönlichkeitsstörung. Zschäpe sei hochgradig abhängig von ihrem Freund und Komplizen Uwe Böhnhardt gewesen, sagte Bauer am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht. Er bescheinigte ihr deshalb eine „erheblich beeinträchtigte Steuerungsfähigkeit“. Zschäpe habe es daher nicht geschafft, das Trio mit Böhnhardt und Uwe Mundlos zu verlassen - trotz der Verbrechen, die ihre Freunde verübt haben sollen, und trotz körperlicher Misshandlungen durch Böhnhardt.

Bauer, den Zschäpes Vertrauens-Anwalt Mathias Grasel im sogenannten Selbstladeverfahren in den Prozess gebracht hatte, kam damit zu einem völlig anderen Schluss als der vom Gericht bestellte Sachverständige, der Psychiater Henning Saß. Dieser hatte der 42-Jährigen volle Schuldfähigkeit attestiert. Saß hatte unter anderem Zeugen zitiert, laut denen Zschäpe über ein „gesundes Selbstbewusstsein“ verfüge und ihre Freunde „im Griff gehabt“ habe. Das spreche für „Stärke und Selbstbewusstsein nach außen und gegenüber männlichen Partnern“.

Zschäpe hatte fast 14 Jahre mit Böhnhardt und Mundlos im Untergrund gelebt. Während dieser Zeit sollen die beiden Männer zehn Menschen erschossen haben. Neun der Opfer waren türkisch- oder griechischstämmige Gewerbetreibende. Zschäpe, die von den Morden immer erst danach erfahren haben will, ist wegen Mittäterschaft an allen Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ angeklagt.

Bauer, der als Professor in Freiburg arbeitet, hatte - anders als Saß - insgesamt 14 Stunden lang mit Zschäpe sprechen können. Aus diesen Gesprächen berichtete er nun sehr ausführlich: unter anderem von „unsicheren Bindungserfahrungen“ Zschäpes in deren ersten Lebensjahren und einer oft volltrunkenen Mutter. Das „schlimmste Ereignis“ für Zschäpe sei gewesen, als sich Böhnhardt nach einer ersten gemeinsamen Zeit von ihr getrennt habe, berichtete Bauer.

Nach dem Abtauchen des Trios in den Untergrund habe Zschäpe dann beständig Angst gehabt, Böhnhardt könnte sich erneut von ihr trennen. Deshalb habe sie ihm auch immer wieder verziehen.

Fünf Verschwörungstheorien zum NSU

Der „Inside-Job“

Der Geheimdienst steckt mit dem NSU unter einer Decke, Akten wurden absichtlich geschreddert und die Flucht der Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wurde von den Behörden geplant.

Die „Neoschutz-Staffel“

Der NSU konnte nicht ohne Helfer auskommen. Die aufgedeckte baden-württembergische „Neoschutz-Staffel“ (NSS), angeführt von dem ehemaligen Soldaten Matthias K. – Spitzname „Matze“ –, hat die Mord- und Anschlagserie mitgeplant und -durchgeführt.

Das große „Zeugensterben“

Florian H. kündigte 2012 an, zum NSU und der NSS auszusagen. Im September 2013 nimmt er sich das Leben. Bevor der V-Mann „Corelli“, der seit 2005 CDs mit dem Kürzel NSU vertrieb, umfangreich aussagen konnte, stirbt er im April 2014 einen natürlichen Tod. Das Gleiche geschieht bei Florian H.’s Freundin im März 2015. Die Theorie hinter dem „Zeugensterben“: Zeugen mussten sterben, weil sie zu viel wussten.

Der „Tag X“

Laut einer Zeugenaussage habe der NSU mit einem Zusammenbruch der Bundesrepublik gerechnet und sich schließlich für den „Tag X“ und die zu erwartenden „bürgerkriegsähnlichen Zustände“ wappnen wollen. „Waffen wurden verherrlicht, jeder wollte sie haben, jeder hat darüber gesprochen. Das gehörte zum guten Ton und galt als Statussymbol“, sagte der ehemalige V-Mann „Piatto“ im NSU-Prozess.

Die Polizei hat Böhnhardt und Mundlos getötet

Ein Obduktionsbericht lässt Zweifel an der offiziellen Selbstmordversion der beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen aufkommen. Nach einem missglückten Banküberfall sollen die beiden Neonazis Selbstmord begangen haben. Dem Bericht zufolge fanden sich weder Rußpartikel in der Lunge Böhnhardts noch in der von Mundlos. Eine Interpretation dieser Ungereimtheit: Die Polizei hat sie exekutiert.

Zschäpe wurde nach eigenen Angaben häufiger und massiver von Böhnhardt verprügelt als bisher bekannt. Bauer berichtete nach seinen Gesprächen mit der NSU-Hauptangeklagten von Schlägen ins Gesicht, Tritten in den Bauch und in den Rücken - und das meist aus banalen Anlässen. Er halte Zschäpes Darstellungen „in hohem Maße für glaubwürdig“, sagte Bauer.

Saß hatte bei seinem Gutachten auf viele Zeugenaussagen verwiesen, die Zschäpe als „freundlich“ oder „aufgeschlossen“ beschrieben hätten, aber auch als „selbstbewusst“, in einer „gleichberechtigten Position in der Dreiergruppe“ und „in der Lage, ihre Meinung zu vertreten“. Sie sei durchweg als „energisches, wehrhaftes und anerkanntes Mitglied in der rechtsextremen Szene“ beschrieben worden. Auch in einem Brief an einen inhaftierten Neonazi habe sich Zschäpe als „selbstbewusst, autark, stolz, unbeugsam“ präsentiert. Der Brief widerspreche Zschäpes Selbstdarstellung von „einer schwachen, abhängigen, fremdbestimmten, sich resignierend unterordnenden Person“, sagte Saß. Auf diesen Brief ging Bauer nicht ein.

Der Psychiater Pedro Faustmann, den Zschäpes Alt-Verteidiger benannt hatten, hatte Saß zuletzt Mängel bei der Begutachtung Zschäpes vorgehalten. Bauer und Faustmann werden nun Mitte Mai noch einmal vom Gericht befragt. Die bis dahin geplanten Prozesstage entfallen.

Von

dpa

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