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26.06.2013

20:06 Uhr

NSU-Prozess unterbrochen

Zschäpe kann sich nicht mehr konzentrieren

Die Anklage im NSU-Prozess wirft Beate Zschäpe auch Mordversuch vor. Sie habe die Wohnung des Trios angezündet, Opfer seien ihr egal gewesen. Zeugen lassen auch eine andere Deutung zu. Dann wird der Prozess unterbrochen.

Wusste Beate Zschäpe, dass die beiden Handwerker außer Haus waren? Oder war es ihr gleichgültig, als sie die Wohnung anzündete? ap

Wusste Beate Zschäpe, dass die beiden Handwerker außer Haus waren? Oder war es ihr gleichgültig, als sie die Wohnung anzündete?

MünchenHat Beate Zschäpe bei ihrer Flucht den Tod zweier Menschen riskiert? Das hat am Mittwoch das Oberlandesgericht München im NSU-Prozess aufzuklären versucht. Der einzigen Überlebenden der „Zwickauer Zelle“ wird in der Anklage unter anderem Mordversuch vorgeworfen, weil sie nach dem Suizid ihrer beiden Komplizen die Wohnung angezündet haben soll, um Spuren zu verwischen. Dabei habe sie den Tod von zwei Handwerkern in Kauf genommen, die normalerweise im Dachgeschoss arbeiteten. Zur Zeit der Explosion machten diese allerdings außerhalb des Hauses Pause.

Die entscheidende Frage: Wusste Zschäpe, dass die Männer nicht im Haus waren? Wartete sie vielleicht, bis sie weg waren? Das würde den Vorwurf des Mordversuchs entkräften. Aus Sicht der Verteidigung dürfte die Befragung der beiden Handwerker und des Hausverwalters am Mittwoch durchaus zufriedenstellend gelaufen sein.

Übereinstimmend berichteten die Zeugen, dass die Treppe laut knarzte. Überhaupt sei das Haus recht hellhörig gewesen, meinte einer der Handwerker. Bei der Arbeit hätten sie Radio gehört. Gegen 15 Uhr hätten sie das Haus verlassen, um in einer nahen Bäckerei Kaffee zu trinken. Er sei noch kurz zurückgekehrt und habe das Auto weggefahren, berichtete der 50-jährige Maurer. „Dann hat's nen Knall getan.“ Er sei hingerannt und habe gesehen, dass die Wand fehlte.

Der Prozess in Zahlen

Richter

Fünf Richter hat der Staatsschutzsenat des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) unter Vorsitz von Manfred Götzl. Dazu gibt es drei Ergänzungsrichter – falls ein Richter während des Prozesses ausfällt.

Angeklagte

Fünf Angeklagte müssen sich in dem Verfahren vor Gericht verantworten, darunter Beate Zschäpe und der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben.

Verteidiger

Elf Verteidiger stehen ihnen nach Angaben des OLG insgesamt zur Seite. Allein Zschäpe hat drei Verteidiger.

Sachverständige

22 Sachverständige wurden von der Bundesanwaltschaft benannt, darunter Psychiater und Rechtsmediziner.

Nebenkläger

Mindestens 77 Nebenkläger sind nach OLG-Angaben zugelassen, darunter viele Angehörige der Mordopfer. 53 Anwälte vertreten diese Nebenkläger.

Verhandlungstage

80 Verhandlungstage sind zunächst angesetzt, und zwar bis zum 16. Januar 2014. Das Gericht hat aber bereits erklärt, dass dies wohl bei weitem nicht ausreichen wird. Die ersten 5 Verhandlungstermine sind wegen der Verschiebung des Prozesses geplatzt.

Gerichtssaal

Rund 250 Plätze hat der umgebaute Gerichtssaal A 101.

Presseplätze

50 davon sind feste Presseplätze. Bei der Verlosung der Reservierungen waren 324 Medien oder einzelne Journalisten im Topf.

Anklageschrift

488 Seiten umfasst die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft. Darin wird Zschäpe Mittäterschaft bei den zehn NSU-Morden vorgeworfen.

Zeugen

606 Zeugen hat die Bundesanwaltschaft für den Prozess benannt.

Ermittlungsakten

Die mehr als 280.000 Seiten Ermittlungsakten füllen mehr als 600 Ordner.

Viel Kontakt mit den drei mutmaßlichen Terroristen hatten weder die Handwerker noch die Hausverwaltung. Der Hausverwalter berichtete allerdings von einer Begegnung, von der ihm Handwerker berichtet hätten. Demnach sollte im September 2011 das Kellerabteil der Untergetauchten aufgebrochen werden. Man habe nicht gewusst, wem der Keller gehörte. Zschäpe habe das mitbekommen und habe ein „Heidentheater“ gemacht. Der Maurer wiederum konnte sich an diesen Vorfall nicht erinnern - er hatte allerdings auch sonst einige Erinnerungslücken.

Den Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) wird eine Reihe größtenteils fremdenfeindlicher Anschläge zur Last gelegt, darunter zehn Morde. Beate Zschäpe ist als Mittäterin an allen Attentaten angeklagt.

Am Abend wurde der Prozess wegen Konzentrationsproblemen Zschäpes unterbrochen. Der Vorsitzende Richter hatte zunächst eine Verhandlungspause angeordnet und Zschäpe von einem Notarzt untersuchen lassen. Der habe „keine auffälligen Befunde“ festgestellt, sich aber auch nicht in der Lage gesehen, die Konzentrationsfähigkeit zu beurteilen, sagte der Richter anschließend. Auf die Feststellung von Zschäpes Verteidigung, dass sie der Verhandlung nicht mehr „mit der nötigen Konzentration“ folgen könne, unterbrach der Richter die Sitzung.

Von

dpa

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