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16.03.2016

16:54 Uhr

NSU-Prozess

Zschäpe berichtet über Prügel von Böhnhardt

Im Dezember hat Beate Zschäpe ihr jahrelanges Schweigen gebrochen. Nun hat sie erneut Nachfragen des Gerichts beantwortet – nach sechs Wochen Beratungszeit mit ihren Anwälten. Dennoch waren die Aussagen erhellend.

Zschäpe enthüllte erstmals auch Einzelheiten über den Kontakt zu ihrem mitangeklagten mutmaßlichen Helfer André E. und dessen Ehefrau. dpa

NSU-Prozess

Zschäpe enthüllte erstmals auch Einzelheiten über den Kontakt zu ihrem mitangeklagten mutmaßlichen Helfer André E. und dessen Ehefrau.

MünchenDie mutmaßliche NSU-Rechtsterroristin Beate Zschäpe ist nach eigenen Angaben während ihres Untergrundlebens von ihrem Komplizen Uwe Böhnhardt geschlagen worden. In einer weiteren vor Gericht von ihrem Anwalt verlesenen Aussage berichtete sie am Mittwoch in München, das sei vor allem in der Anfangszeit nach dem Abtauchen der drei im Jahr 1998 passiert. Und zwar häufig dann, wenn Böhnhardt „verbal die Argumente ausgingen“.

Zschäpe schilderte beispielhaft, wie es einmal Streit gegeben habe „wegen einer Pistole, die offen auf dem Tisch in der Wohnung herumlag“. Sie habe das nicht gewollt. „Uwe Böhnhardt war das egal, und er beendete den lautstarken Streit mit Schlägen“, heißt es in Zschäpes Erklärung. Sie hatte im Dezember ihr bis dahin jahrelanges Schweigen gebrochen und im Januar einen ersten Fragenkatalog des Oberlandesgerichts München beantwortet.

Streit habe es auch beim Zugang zum Internet gegeben. Sie wie auch der dritte im NSU-Trio, Uwe Mundlos, hätten gern einen eigenen Anschluss in der Fluchtwohnung gehabt. „Uwe Böhnhardt war jedoch strikt dagegen, da er darin ein Sicherheitsrisiko sah.“ Darüber habe es mehrmals Auseinandersetzungen gegeben, „bis er mich erneut schlug, um das Thema zu beenden“.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Beate Zschäpe

Die 38-Jährige tauchte 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Zeugen beschreiben Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied; unter anderem soll sie das Geld verwaltet haben. Nach dem Tod ihrer Kumpane am 4. November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und verschickte die Bekennervideos mit dem „Paulchen Panther“-Motiv. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, mittlerweile in München – und schweigt.

Ralf Wohlleben

Der ehemalige Thüringer NPD-Funktionär mit Kontakten zur militanten Kameradschaftsszene soll Waffen für das Trio organisiert haben. Der 38-Jährige wurde am 29. November 2011 verhaftet und sitzt in U-Haft. Nach Ansicht der Ermittler wusste er von den Verbrechen – er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S.

Der 33-Jährige hat gestanden, den Untergetauchten eine Pistole mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die „Ceska“, die bei den Morden verwendet wurde. Er löste sich kurz darauf aus der Szene, lebte ab 2001 in Nordrhein-Westfalen und legte nach seiner Verhaftung im Februar 2012 ein umfangreiches Geständnis ab. Ende Mai kam er wieder auf freien Fuß. Er ist wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

André E.

Der gelernte Maurer (33) war seit dem Untertauchen 1998 einer der wichtigsten Vertrauten des Trios und soll die mutmaßlichen Rechtsterroristen zusammen mit seiner Frau regelmäßig besucht haben. Die Ermittler hielten ihn zunächst für den Ersteller des Bekenner-Videos. Als Zweifel daran aufkamen, ordnete der Bundesgerichtshof im Juni seine Freilassung an. E. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Holger G.

Der 38-Jährige gehörte wie Wohlleben und die drei Untergetauchten zur Jenaer Kameradschaft. Er zog 1997 nach Niedersachsen um. G. spendete Geld, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio. Er überließ Böhnhardt einen Ersatzführerschein sowie 2001 und 2011 seinen Pass. Von Überfällen und Morden will er nichts gewusst haben. Nach der Verhaftung im Januar 2012 kam er Ende Mai wieder auf freien Fuß. Auch G. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Nach Zschäpes Darstellung sei Böhnhardt sowohl ihr als auch Mundlos in Diskussionen unterlegen gewesen. Wenn er nicht weiter gewusst habe, sei er gewalttätig geworden. Mit der Zeit habe sie sich darauf eingestellt und einschätzen können, „wann es besser ist, eine Diskussion zu beenden“ und „eine Eskalation zu vermeiden“.

Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt waren 1998 aus Jena verschwunden und versteckten sich zunächst bei rechtsradikalen Gesinnungsgenossen in Chemnitz. Später zogen sie nach Zwickau. Während dieser Jahre sollen Mundlos und Böhnhardt zehn Menschen in ganz Deutschland aus überwiegend rassistischen Gründen ermordet und zwei Sprengstoffanschläge in Köln verübt haben. Zschäpe muss sich dafür wegen Mittäterschaft verantworten. In ihrer ersten Aussage hatte sie bestritten, in die Mordpläne des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) eingeweiht gewesen zu sein.

Zschäpe enthüllte erstmals auch Einzelheiten über den Kontakt zu ihrem mitangeklagten mutmaßlichen Helfer André E. und dessen Ehefrau. E. und seine Frau hätten über die Banküberfälle Bescheid gewusst. Davon habe sie ihnen erzählt. Von den Morden und Sprengstoffanschlägen soll das Ehepaar E. dagegen nichts gewusst haben. Etwa ab 2006 sei vor allem E.s Ehefrau fast jede Woche zu Besuch gekommen und habe auch ihre Kinder mitgebracht. Das, so Zschäpe, habe ihr „gut getan, da diese für mich eine Art Ersatzkinder waren, da ich selbst keine Kinder bekommen konnte“.

Zschäpe gab auch Auskunft über den Tag, an dem das NSU-Trio nach einem missglückten Banküberfall ihrer beiden Komplizen in Eisenach aufflog und sich Mundlos und Böhnhardt dort das Leben nahmen. Nachdem sie die Wohnung in Zwickau in Brand gesteckt hatte, habe sie sich mit André E. getroffen. Die beiden seien dann zu ihm gefahren, wo E. ihr frische Sachen seiner Frau gegeben habe, „da meine Kleidung stark nach Benzin roch“. Anschließend habe er sie zum Bahnhof gebracht. Nach einer mehrtägigen Irrfahrt mit der Bahn stellte sie sich letztlich der Polizei.

Von

dpa

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