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19.07.2014

14:27 Uhr

NSU-Prozess

Zschäpe gefiel Verhandlungsführung ihrer Anwälte nicht

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess entzog ihren Anwälten das Vertrauen. Einem Medienbericht zufolge liefert eine schriftliche Erklärung ans Gericht die Begründung. Offenbar bleibt Beate Zschäpe bei ihrer Taktik.

Die Angeklagte Beate Zschäpe unterhält sich mit ihren ehemaligen Anwälten. Von einem Streit Zschäpes mit ihren Anwälten Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm über ihr Aussageverhalten sei in dem Schreiben laut Medienberichten keine Rede. dpa

Die Angeklagte Beate Zschäpe unterhält sich mit ihren ehemaligen Anwälten. Von einem Streit Zschäpes mit ihren Anwälten Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm über ihr Aussageverhalten sei in dem Schreiben laut Medienberichten keine Rede.

MünchenDie Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, hat die vom Oberlandesgericht München geforderte Begründung für ihren Wunsch nach einem Wechsel ihrer Pflichtverteidiger abgegeben. Nach Informationen mehrerer Medien ging am Freitag ein entsprechendes Schreiben beim OLG und bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ein. Gerichtssprecherin Andrea Titz wollte dies am Samstag offiziell zunächst nicht bestätigen. Sie sagte aber der Nachrichtenagentur dpa, der Prozess werde „nach derzeitiger Planung“ am kommenden Dienstag fortgesetzt.

Einer der Zschäpe-Anwälte, Wolfgang Stahl, lehnte auf dpa-Anfrage eine Stellungnahme ab, weil der Vorgang „den Kern des Mandatsverhältnisses“ betreffe.

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ berichtete, Zschäpe kritisiere in dem Schreiben die Verhandlungsführung ihrer drei Pflichtverteidiger. Von einem grundsätzlichen Streit Zschäpes mit ihren Anwälten Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm über ihr Aussageverhalten sei in dem Papier jedoch nicht die Rede. Bislang hat Zschäpe in dem Verfahren vor dem OLG geschwiegen. Der „Focus“ zieht aus der Erklärung der mutmaßlichen Rechtsterroristin den Schluss, dass sie diese Strategie offenbar nicht ändern wolle.

Nach einem Bericht von „Spiegel Online“ ist die Stellungnahme offenbar nur äußerst knapp und wenig substantiiert. Detaillierte Vorwürfe, die auf ein nachhaltig zerrüttetes Vertrauensverhältnis zu ihrem Anwaltsteam schließen ließen, enthalte Zschäpes Schreiben nicht.

Der Prozess in Zahlen

Richter

Fünf Richter hat der Staatsschutzsenat des Münchner Oberlandesgerichts (OLG) unter Vorsitz von Manfred Götzl. Dazu gibt es drei Ergänzungsrichter – falls ein Richter während des Prozesses ausfällt.

Angeklagte

Fünf Angeklagte müssen sich in dem Verfahren vor Gericht verantworten, darunter Beate Zschäpe und der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben.

Verteidiger

Elf Verteidiger stehen ihnen nach Angaben des OLG insgesamt zur Seite. Allein Zschäpe hat drei Verteidiger.

Sachverständige

22 Sachverständige wurden von der Bundesanwaltschaft benannt, darunter Psychiater und Rechtsmediziner.

Nebenkläger

Mindestens 77 Nebenkläger sind nach OLG-Angaben zugelassen, darunter viele Angehörige der Mordopfer. 53 Anwälte vertreten diese Nebenkläger.

Verhandlungstage

80 Verhandlungstage sind zunächst angesetzt, und zwar bis zum 16. Januar 2014. Das Gericht hat aber bereits erklärt, dass dies wohl bei weitem nicht ausreichen wird. Die ersten 5 Verhandlungstermine sind wegen der Verschiebung des Prozesses geplatzt.

Gerichtssaal

Rund 250 Plätze hat der umgebaute Gerichtssaal A 101.

Presseplätze

50 davon sind feste Presseplätze. Bei der Verlosung der Reservierungen waren 324 Medien oder einzelne Journalisten im Topf.

Anklageschrift

488 Seiten umfasst die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft. Darin wird Zschäpe Mittäterschaft bei den zehn NSU-Morden vorgeworfen.

Zeugen

606 Zeugen hat die Bundesanwaltschaft für den Prozess benannt.

Ermittlungsakten

Die mehr als 280.000 Seiten Ermittlungsakten füllen mehr als 600 Ordner.

Der Berliner „Tagesspiegel“ (Samstag) berichtete unter Berufung auf unbestätigte Informationen von Münchner Justizkreisen, dass ein Anwalt Zschäpe geholfen habe, die Stellungnahme zu formulieren. Mutmaßlich sei bei Zschäpe psychische Erschöpfung der Anlass gewesen, um ihren Verteidigern das Vertrauen zu entziehen.

OLG-Sprecherin Titz sagte, am nächsten Verhandlungstag werde eines der Themen das Feuer sein, mit dem Zschäpe nach dem Auffliegen des NSU-Trios die Fluchtwohnung in Zwickau zerstört haben soll. Sie habe dabei den Tod ihrer damals 89 Jahre alten Nachbarin „billigend in Kauf genommen“, heißt es in der Anklage.

Zschäpe hatte am vergangenen Mittwoch überraschend ihren drei Pflichtverteidigern das Vertrauen entzogen. Daraufhin war spekuliert worden, sie wolle sich entgegen der bisherigen Verteidigungsstrategie doch vor Gericht zu einzelnen Anklagepunkten äußern. Der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) wird für zehn Morde verantwortlich gemacht.

Der Anwalt Mehmet Daimagüler, ein Vertreter der Nebenklage im NSU-Prozess, forderte Zschäpe auf, ihr Schweigen zu brechen. Eine Aussage sei in ihrem eigenen Interesse, sagte er der „Mitteldeutschen Zeitung“ (Samstag). „Ich hoffe und rechne auch damit, dass sie aussagt. Denn so kann es ja nicht weiter gehen.“

Von

dpa

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