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21.01.2016

18:38 Uhr

NSU-Prozess

Zschäpe will Böhnhardt und Mundlos „nur mit Sekt“ ertragen haben

Waffen, Unterschlupf, gefälschte Papiere: Dass das Terror-Trio NSU Helfer hatte, galt als gesichert. Nun hat die Angeklagte Namen genannt. Sie selbst habe die Zeit beim NSU nur mit Alkohol ertragen, erklärte Zschäpe.

Unter anderem wegen mehrerer Morde, Banküberfalle und Bildung einer terroristischen Vereinigung muss sich Beate Zschäpe vor Gericht verantworten. Die Angeklagte bestreitet, Teil des NSU gewesen zu sein. Reuters

Kein Geständnis

Unter anderem wegen mehrerer Morde, Banküberfalle und Bildung einer terroristischen Vereinigung muss sich Beate Zschäpe vor Gericht verantworten. Die Angeklagte bestreitet, Teil des NSU gewesen zu sein.

MünchenDie mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe hat in ihrer von einem ihrer Anwälte verlesenen neuen Erklärung mehrere Neonazis als Helfer genannt. So habe der Anführer der Chemnitzer „Blood & Honour“-Gruppe, Jan W., eine Waffe beschafft, hieß es am Donnerstag im NSU-Prozess in der Erklärung. Das habe ihr Uwe Böhnhardt erzählt. Dabei sei auch von einem Schalldämpfer die Rede gewesen. Darüber hinaus nannte sie die Namen weiterer Helfer, die das Trio bei sich versteckten, Wohnungen mieteten oder Papiere oder Krankenkassenkarten zur Verfügung stellten. Davon waren die meisten bereits bekannt und teilweise im Prozess als Zeugen gehört worden.

Ein besonders enges Verhältnis habe sie zu dem als Terrorhelfer angeklagten André E. und dessen Frau gehabt. Mit der Frau sei sie „befreundet“ gewesen und habe diese ab 2006 bis zum Auffliegen des NSU regelmäßig getroffen. Meist seien sie mit den Kindern der Familie E. auf einen Spielplatz gegangen.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Beate Zschäpe

Die 38-Jährige tauchte 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Zeugen beschreiben Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied; unter anderem soll sie das Geld verwaltet haben. Nach dem Tod ihrer Kumpane am 4. November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und verschickte die Bekennervideos mit dem „Paulchen Panther“-Motiv. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, mittlerweile in München – und schweigt.

Ralf Wohlleben

Der ehemalige Thüringer NPD-Funktionär mit Kontakten zur militanten Kameradschaftsszene soll Waffen für das Trio organisiert haben. Der 38-Jährige wurde am 29. November 2011 verhaftet und sitzt in U-Haft. Nach Ansicht der Ermittler wusste er von den Verbrechen – er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S.

Der 33-Jährige hat gestanden, den Untergetauchten eine Pistole mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die „Ceska“, die bei den Morden verwendet wurde. Er löste sich kurz darauf aus der Szene, lebte ab 2001 in Nordrhein-Westfalen und legte nach seiner Verhaftung im Februar 2012 ein umfangreiches Geständnis ab. Ende Mai kam er wieder auf freien Fuß. Er ist wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

André E.

Der gelernte Maurer (33) war seit dem Untertauchen 1998 einer der wichtigsten Vertrauten des Trios und soll die mutmaßlichen Rechtsterroristen zusammen mit seiner Frau regelmäßig besucht haben. Die Ermittler hielten ihn zunächst für den Ersteller des Bekenner-Videos. Als Zweifel daran aufkamen, ordnete der Bundesgerichtshof im Juni seine Freilassung an. E. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Holger G.

Der 38-Jährige gehörte wie Wohlleben und die drei Untergetauchten zur Jenaer Kameradschaft. Er zog 1997 nach Niedersachsen um. G. spendete Geld, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio. Er überließ Böhnhardt einen Ersatzführerschein sowie 2001 und 2011 seinen Pass. Von Überfällen und Morden will er nichts gewusst haben. Nach der Verhaftung im Januar 2012 kam er Ende Mai wieder auf freien Fuß. Auch G. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Zschäpe gab an, sie habe sich in der Zeit mit Böhnhardt und Mondlos resigniert in den Alkohol geflüchtet. „Für mich waren die Tage nur mit dem Konsum von Sekt, den ich bei Aldi oder Penny kaufte, erträglich“, ließ die Angeklagte ihren Verteidiger Hermann Borchert erklären. In den Jahren bis zum Auffliegen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ sei sie regelmäßig angetrunken oder betrunken gewesen.

Bereits im Dezember hatte sie jede Mitwirkung an der Mordserie der Gruppe bestritten. Ihre Freunde Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten die Taten begangen und sie jeweils danach informiert, bekräftigte Zschäpe nun. Böhnhardt und Mundlos brachten sich bei ihrer Enttarnung im Jahr 2011 den Ermittlungen zufolge selbst um.

Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer der Gruppe sind angeklagt, für die Ermordung von neun Männern griechischer und türkischer Abstammung und einer Polizistin sowie für zwei Anschläge und 15 Raubüberfälle mitverantwortlich zu sein. „Die Gewaltanwendungen, insbesondere die Mordtaten und Bombenanschläge, verurteile ich zutiefst“, bekräftige Zschäpe. Sie habe ihre beiden engen Freunde, mit denen sie zusammen untergetaucht war, jedoch nicht davon anhalten können. „Sie ließen sich von mir nicht beeinflussen. Sie ließen sich von mir auch nichts sagen.“ Sie hätten ihr nicht vertraut und befürchtet, sie werde bei einer Festnahme unter Druck alles verraten.

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