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22.06.2015

15:05 Uhr

NSu-Prozess

Zschäpe will ihr Schweigen brechen

Es wäre die Wende im NSU-Prozess: Will Beate Zschäpe wirklich ihr Schweigen beenden? Sie beschäftigte sich mit dem Gedanken, schreibt sie. Oder ist alles nur Taktik und will die Angeklagte damit ihre Anwältin loswerden?

NSU-Prozess

Warum Beate Zschäpe weiter schweigt

NSU-Prozess: Warum Beate Zschäpe weiter schweigt

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MünchenÜberraschende Nachricht nach zwei Jahren NSU-Prozess: Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe erwägt nach eigenen Angaben, nun doch auszusagen. In den mehr als 200 Verhandlungstagen hatte die Hauptangeklagte bislang zur Sache geschwiegen. In einem vierseitigen Schreiben an das Münchner Oberlandesgericht (OLG) teilte Zschäpe mit, dass sie sich „durchaus mit dem Gedanken beschäftige, etwas auszusagen“. Eine weitere Zusammenarbeit mit ihrer Verteidigung sei deshalb nicht mehr möglich.

In dem Schreiben an das Gericht mit Datum vom 18. Juni musste Zschäpe erneut begründen, warum sie ihre Verteidigerin Anja Sturm loswerden möchte. Zschäpe hatte vor kurzem deren Entpflichtung beantragt. Der Brief lag der Deutschen Presse-Agentur in München am Montag vor, auch „SWR Info“ und der Berliner „Tagesspiegel“ berichteten darüber.

Zschäpe muss sich im NSU-Prozess als Mittäterin für sämtliche Taten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ verantworten, darunter zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge. Seit ihrer Festnahme 2011 und seit Prozessbeginn im Mai 2013 hat sie bisher beharrlich geschwiegen.

Die Angeklagten im NSU-Prozess

Beate Zschäpe

Die 38-Jährige tauchte 1998 gemeinsam mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter, um einer drohenden Festnahme zu entgehen. Die drei Neonazis aus dem thüringischen Jena gründeten eine Terrorgruppe und nannten sich spätestens von 2001 an „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Zeugen beschreiben Zschäpe als gleichberechtigtes Mitglied; unter anderem soll sie das Geld verwaltet haben. Nach dem Tod ihrer Kumpane am 4. November 2011 setzte Zschäpe die gemeinsame Wohnung im sächsischen Zwickau in Brand und verschickte die Bekennervideos mit dem „Paulchen Panther“-Motiv. Am 8. November stellte sie sich der Polizei in Jena. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft, mittlerweile in München – und schweigt.

Ralf Wohlleben

Der ehemalige Thüringer NPD-Funktionär mit Kontakten zur militanten Kameradschaftsszene soll Waffen für das Trio organisiert haben. Der 38-Jährige wurde am 29. November 2011 verhaftet und sitzt in U-Haft. Nach Ansicht der Ermittler wusste er von den Verbrechen – er ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

Carsten S.

Der 33-Jährige hat gestanden, den Untergetauchten eine Pistole mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die „Ceska“, die bei den Morden verwendet wurde. Er löste sich kurz darauf aus der Szene, lebte ab 2001 in Nordrhein-Westfalen und legte nach seiner Verhaftung im Februar 2012 ein umfangreiches Geständnis ab. Ende Mai kam er wieder auf freien Fuß. Er ist wie Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord angeklagt.

André E.

Der gelernte Maurer (33) war seit dem Untertauchen 1998 einer der wichtigsten Vertrauten des Trios und soll die mutmaßlichen Rechtsterroristen zusammen mit seiner Frau regelmäßig besucht haben. Die Ermittler hielten ihn zunächst für den Ersteller des Bekenner-Videos. Als Zweifel daran aufkamen, ordnete der Bundesgerichtshof im Juni seine Freilassung an. E. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Holger G.

Der 38-Jährige gehörte wie Wohlleben und die drei Untergetauchten zur Jenaer Kameradschaft. Er zog 1997 nach Niedersachsen um. G. spendete Geld, transportierte einmal eine Waffe nach Zwickau und traf sich mehrfach mit dem Trio. Er überließ Böhnhardt einen Ersatzführerschein sowie 2001 und 2011 seinen Pass. Von Überfällen und Morden will er nichts gewusst haben. Nach der Verhaftung im Januar 2012 kam er Ende Mai wieder auf freien Fuß. Auch G. ist als mutmaßlicher Unterstützer der Gruppe angeklagt.

Die Angeklagte wirft ihren drei Verteidigern Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl darin vor, diese hätten ihr mit dem Ende des Mandats gedroht, sollte sie - Zschäpe - ihre Strategie ändern und eine Aussage zu einzelnen Vorwürfen machen wollen. Sie würden dann einen Antrag formulieren mit dem Ziel, „ihre Bestellung aufzuheben“. „Ich fühle mich geradezu erpresst“, schrieb Zschäpe ganz am Ende.

Die drei Anwälte wiesen die Vorwürfe der Hautangeklagten im NSU-Prozess in getrennten Schreiben an das OLG zurück. Insbesondere widersprachen sie der Darstellung, ihrer Mandantin gedroht zu haben.

Der Schriftwechsel macht auch deutlich, dass Zschäpe sich bislang offenbar nicht einmal ihren Verteidigern gegenüber umfassend anvertraut hat. Und er zeigt, wie angespannt das Verhältnis insgesamt ist. In einem Brief an ihre Mandantin, den Zschäpe selbst wiedergab, beschwerten sich Heer, Stahl und Sturm über deren „anmaßendes und selbstüberschätzendes Verhalten“, wenn sie die Leistung ihrer Anwalte bewerte. Dieses Verhalten verbiete sich vor allem, da „Sie uns aufgrund der nur fragmentarischen Weitergabe Ihres exklusiven Wissens nicht in die Lage versetzen, Sie optimal zu verteidigen“.

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