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09.09.2015

16:57 Uhr

Ökonom Dennis Snower

„Emotionen werden vernachlässigt“

VonNorbert Häring

Deutschlands Ökonomen führen eine Grundsatzdebatte: Ist die heutige Lehre zu einseitig? Dennis Snower fordert auf der Tagung des „Vereins für Socialpolitik“, auch unkonventionelle Wege zu beschreiten.

Seit 2004 leitet der Amerikaner das Institut für Weltwirtschaft in Kiel. dpa

Dennis Snower

Seit 2004 leitet der Amerikaner das Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

MünsterDennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, will die Grenzen des wissenschaftlichen Mainstreams in der Ökonomie verschieben. Inspiration dafür bekam er aus den USA.

Herr Snower, die Ökonomen sind aufgrund der Finanzkrise, die sie kalt erwischt hat, in die Kritik geraten. Haben sie die richtigen Schlüsse gezogen und geändert, was zu ändern war?
Ich finde nicht, aus einer Reihe von Gründen. Um nur zwei zu nennen: Eine wichtige Ursache der Finanzkrise war Unsicherheit. Ich meine damit nicht Risiko, etwas wofür man Wahrscheinlichkeiten angeben kann, sondern fundamentale Unsicherheit. Eine Finanzkrise wie diejenige, die 2008 begann, hat es in dieser Art noch nie gegeben. Dafür kann es keine Wahrscheinlichkeiten geben. Und doch arbeiten die Modelle der Praktiker, der Regulierer und der Finanzwissenschaftler weiterhin mit der Hypothese, dass man die Risiken berechnen könnte.

Und der zweite Grund?
Die Ökonomik arbeitet weiter mit der These, dass die Individuen festgefügte Präferenzen haben. Emotionen werden vernachlässigt. Aber Emotionen, das soziale Umwelt und das rationale Kalkül der Menschen sind nicht unabhängig voneinander. Wir haben in der Finanzkrise gesehen, wie schnell sich die Einsicht, dass es bergab geht, sozial verbreitet hat. Das hat die Wirtschaftsentwicklung beeinflusst.

Sie treten dafür ein, die Grenzen des ökonomischen Mainstream zu verschieben. Was schwebt Ihnen dabei vor?
Nehmen Sie Robert Akerlof, der gezeigt hat, wie man Werte, wie man Identität, in ökonomische Modelle integrieren kann. Oder David Tuckett, der über Narrative, also Erzählungen, forscht. Die helfen zum Beispiel Finanzhändlern und Fondsmanagern mit fundamentaler Unsicherheit umzugehen. Ich selbst werde auf der Tagung des Vereins für Socialpolitik ein Papier zur sozialen Bedingtheit von selbstsüchtigem Handeln vorstellen.

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Diese Vorträge sind Teil einer „Pluralen Session“, die sie im Auftrag des VfS-Vereinsvorstands organisiert haben, um die Grenzen des Mainstream zu weiten. Wie weit sollten diese Grenzen nach Ihren Vorstellungen werden? Was sollte alles reinpassen?
Ernsthafte Ökonomik lässt sich schon von Ansätzen unterscheiden, die zu Recht keinen Eingang in den Mainstream finden. Ernsthafte Wissenschaft hat eine Methodik, die es ermöglicht und erzwingt, klar zu denken. Die Mathematik hilft dabei ungemein.

Aber wenn nur das als Wissenschaft gilt, was sich in Formeln ausdrücken lässt, bleibt da nicht einiges Interessantes und Wichtiges auf der Strecke?
Die Welt ist unendlich komplex. Wir Menschen waren darin erfolgreich, weil wir gelernt haben, sie in unserer Wahrnehmung und unserem Denken so zu vereinfachen, dass wir damit umgehen können. Unabhängig von der Mathematik bleibt etwas auf der Strecke. Die Mathematik vereinfacht nur die Suche nach inkonsistentem Denken.

Was bringen die Ansätze, die Sie verfolgen und in der „Pluralen Session“ vorstellen, für die politische Praxis?
Sie können sehr viel bringen. Nehmen Sie wieder Akerlof. Damit wir aus dem Flüchtlingsstrom etwas für Deutschland Positives machen, ist sehr wichtig, wie wir es schaffen, die Grenzen zu überspringen, die uns unsere Identität in Abgrenzung von Nichtdeutschen setzt. Auch umgekehrt, wie die Zuwanderer ihre Identität so erweitern können, dass sie sich Deutschland zugehörig fühlen, ist eine sehr wichtige Frage.

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Finden ihre Ideen schon Eingang in die Mainstream-Modelle?
Kaum. Aber das ist normal. Es dauert immer sehr lange, bis sich neue Ideen durchsetzen.

Sie sind US-Staatsbürger und kennen die Tagungen des amerikanischen Ökonomenverbandes sehr gut. Die American Economic Association tagt zusammen mit anderen sozialwissenschaftlichen Vereinigungen. Da kann jede organisierte Forschungsrichtung eine wissenschaftliche Session beisteuern, zum Beispiel auch die feministischen Ökonomen und die Marxisten. Wäre das auch ein Modell für Deutschland, um die Methodenvielfalt zu stärken?
Auf den Jahrestagungen der Ökonomen in den USA kann man sehr schön seine Perspektive erweitern, indem man sich Vortragende anhört, die mit anderen Methoden arbeiten und andere Blickwinkel haben. Ich würde das auch für uns befürworten. Der Verein für Socialpolitik muss nicht unbedingt allein tagen.

Sie feiern bald ihren 65. Geburtstag, Herr Snower. Fiebern Sie dem Ruhestand entgegen?
Ich habe meinen Vertrag mit dem Institut für Weltwirtschaft verlängert. Ich werde bleiben, bis ich 69 bin. Es ist derzeit eine viel zu spannenden Zeit für einen Ökonomen, um in Rente zu gehen.

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Dennis Snower, 64, wurde in Wien geboren und wuchs dort auf. Er ist US-Staatsbürger. Zum Ökonomiestudium ging er nach Oxford und von dort zur Promotion an die Elite-Universität Yale in den USA. Ab 1980 lehrte er an der University of London, bevor er 2004 zum Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre an der Universität Kiel berufen wurde.  Schwerpunkt von Snowers wissenschaftlichem Wert war lange Zeit die Arbeitsmarkttheorie und die Reform von Sozialsystemen. Auf diesem Feld war er als Berater verschiedener Regierungen sehr aktiv. Er trug einiges zur sogenannten Insider-Outsider Theorie auf dem Arbeitsmarkt bei. In den letzten Jahren hat er sich der verhaltensökonomischen Forschung  zugewendet.

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