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10.06.2011

15:15 Uhr

Ökonomen-Zoff

EZB-Chefvolkswirt Stark teilt ordentlich aus

VonDirk Heilmann

Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Jürgen Stark, hat am Freitag harsche Kritik an den Äußerungen von Ökonomen - vor allem Hans-Werner Sinn - zur Rolle der EZB in der Euro-Schuldenkrise geübt.

Spart nicht mit Kritik: Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Quelle: dpa

Spart nicht mit Kritik: Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank.

DüsseldorfOhne direkt Namen zu nennen kritisierte er insbesondere den Präsidenten des Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, und dessen Analyse über angebliche zusätzliche Hilfen für Länder wie Griechenland und Portugal über das "Target 2"-Zahlungsabwicklungssystem der Euro- Zentralbanken. Dessen Warnungen, dass die Notenbanken solider Euro-Länder über das "Target 2"-System faktisch die Leistungsbilanz-Defizite an die Krisenländer finanzierten, seien falsch, sagte Stark. Es könne auch keine Rede davon sein, dass dieser Kapitalabfluss die Kreditvergabe in Zahlerländern wie Deutschland einschränke.

Andere Ökonomen und Journalisten hatten sich Sinns Argumentation angeschlossen, doch in den vergangenen Tagen gewannen die kritischen Stimmen die Überhand. Stark empfahl insbesondere eine Analyse im Handelsblatt (Freitagausgabe) zur Lektüre, in der Redakteur Olaf Storbeck Sinns Argumente zurückgewiesen hatte.

Unglücklicherweise werde die öffentliche Debatte über Details der Finanzhilfen derzeit von "nicht gut informierten" Menschen beherrscht, sagte Stark am Rande der Tagung "The ECB and its Watchers" in Frankfurt. "Das scheint für akademische Zirkel ebenso zu gelten wie für Finanzjournalisten." In der akademischen Welt "gehen einige das Risiko ein, ihren guten Ruf zu verlieren", fügte der EZB-Chefvolkswirt hinzu. Namen nannte er nicht.
Die Zahlungsströme zwischen Notenbanken und Geschäftsbanken im "Target 2"-System seien ein technischer Vorgang, sagte Stark. Wer die Forderungen, die die Bundesbank hier gegen Notenbanken der Peripherieländer habe, als Maßstab für finanzielle Risiken nehme, verzerre die Fakten. "Wir sollten hier nicht nationalistisch argumentieren", warnte er. Die wachsenden Zahlungsströme in "Target 2" reflektierten lediglich die wachsende Integration innerhalb der Währungsunion. Dass die Liquidität, die über das System Banken in Peripherieländern zufließt, auf Kosten der Kreditvergabe in anderen Ländern gehe - wie Sinn argumentiert - sei "einfach nicht wahr". Die Kreditvergabe deutscher Banken werde dadurch in keiner Weise eingeschränkt. Diese Banken hätten sogar ungenutzte Liquiditätsreserven.

Kommentare (10)

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gaulke

10.06.2011, 15:50 Uhr

Stellungnahme des ifo Instituts: Es wimmelt in dem genannten Beitrag von Olaf Storbeck von Irrtümern und Halbwahrheiten. Beginnen wir gleich vorne: Prof. Sinn hat nie behauptet (wie das HB in der Unterzeile sagt), dass die EZB einen Geheim-Bail-Out "auf Kosten Deutschlands" betreibe. Richtig ist, dass Prof. Sinn gesagt hat, dass die Bundesbankbilanz eine riskante Kreditersatzpolitik an die angeschlagenen GIPS-Staaten aufzeigt. Die Kosten dieser Politik trägt jedoch die EZB, also Deutschland nur mit seinen Kapitalanteil von 27 Prozent (bzw. 33 Prozent nach Herausrechnung des Anteils der GIPS-Länder), so Prof. Sinn u.a. in seinem großen Artikel vom 2.4.2011 in der Süddeutschen. (Er findet sich wie die anderen Beiträge Prof. Sinns auch auf der Homepage des ifo Instituts.) Damit ist der Großteil des Storbeckschen Beitrags (bis in die letzte Spalte hinein) schon in sich zusammengefallen. Zum Rest des Inhalts und den anderen Umständen dieses verunglückten Meinungsbeitrags werden wir uns an anderer Stelle äußern. In jedem Fall ist die Lektüre des Artikels von Olaf Storbeck keinesfall zu empfehlen. Wir empfehlen die Lektüre des Originals.

Buerge-r

10.06.2011, 16:25 Uhr

"Target 2"-System seien ein technischer Vorgang, sagte Stark. Wer die Forderungen, die die Bundesbank hier gegen Notenbanken der Peripherieländer habe, als Maßstab für finanzielle Risiken nehme, verzerre die Fakten. "Wir sollten hier nicht nationalistisch argumentieren"

Starks Unterstellung, eine nationale Betrachtung der Salden wäre automatisch nationalistisch, kratzt an der durch Abstrahlung von seinem Arbeitgeber ohnehin angeschlagenen Glaubwürdigkeit. Solange es nationale Parlamente und Haushalte gibt, ist die Betrachtung von Risiken für diese Haushalte (z.B. beim Auseinanderbrechen einer Währungsunion) gebotene Pflicht jedes seriösen Politikers und Ökonomen. Und die Währungsunion muss brechen, wenn die politischen Bindungskräfte nicht stärker als die ökonomischen Abstoßungskräfte sind. Für ersteres sind guter Willen kopflastig-technokratischer Eliten und Illusionen aber zuwenig, weshalb es im Moment nach letzterem aussieht.

Profit

10.06.2011, 18:29 Uhr

Tatsache ist für mich eines: Europa befindet sich in einer Art Komplexitätsfalle. Dies ist immer dann zu konstatieren, wenn Organisationen zu groß, zu unübersichtlich und zu komplex geworden sind, so daß die Mitglieder dieser Organisation (einschließlich des Führungspersonals!) Tatbestände der Umwelt, den Ressourceneinsatz und Produktionsbedingungen und damit Kosten nicht mehr einschätzen können. Hinzu kommt eine vielstimmige Zieldivergenz. Der Euro und letztlich Europa, so wie es ist, wird scheitern müssen, aller volkswirtschaftlichen "Fachdiskussionen" zum Trotz. Die Bevölkerung hat über den Euro längst das Urteil gesprochen. Die politisch-journalistische Klasse will es nur nicht wahrhaben!

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