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07.09.2016

16:02 Uhr

Ökonomen zur Flüchtlingsintegration

„Wir müssen ehrgeiziger werden“

VonNorbert Häring

Der Ökonom Herbert Brücker fordert eine bessere Integration der Flüchtlinge. „Nach fünf Jahren müssten 70 Prozent einen Schulabschluss haben“, sagt er. Was die Wirtschaftswissenschaftler sonst noch empfehlen.

Deutsche Ökonomen sehen den Zuzug der Flüchtlinge sehr unterschiedlich. dpa

Flüchtlinge in Berlin

Deutsche Ökonomen sehen den Zuzug der Flüchtlinge sehr unterschiedlich.

AugsburgDeutschlands führende Ökonomen fordern eine bessere und schneller Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, auch wenn mangelnde Sprachkenntnisse und eine geringe Qualifikation die Aufgabe sehr viel schwerer machen als bei anderen Zuwanderern. Dass die jüngste Zuwanderungswelle die Probleme lösen hilft, die mit der alternden Gesellschaft verbunden sind, glaubt nur eine Minderheit. Unternehmensvertreter betonen wie schwer die Integration von Flüchtlingen ist.

„Es dauert sehr, sehr lange, bis Flüchtlinge am Arbeitsmarkt ankommen. Da müssen wir ehrgeiziger werden.“ Mit dieser Forderung stieg Herbert Brücker, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ein in eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion unter den Chef von Wirtschaftsforschungsinstituten bzw. deren Migrationsexperten. Die Debatte fand während der Jahrestagung des Ökonomenverbands „Verein für Socialpolitik“ in Augsburg statt.

„Nach zwei Jahren müssten 70 Prozent ein gutes deutsches Sprachniveau erreicht haben und nach fünf Jahren 70 Prozent einen Schulabschluss haben.“ So könnten nach Brückers Vorstellungen konkrete Zielsetzungen aussehen. RWI-Präsident Christoph Schmidt warnte allerdings vor übereilter Arbeitsmarktintegration in niedrig qualifizierte Jobs. „Für die gesellschaftliche Integration ist ein gewisser Bildungsstand nötig. Bevor dieser erworben ist, ist Integration in den Arbeitsmarkt zu früh“, sagte er.

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Das bedeutet, die Flüchtlinge werden nicht mehr in das Land zurückgeschickt, in dem sie zuerst EU-Boden betreten haben.

31. August 2015

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszuzugs eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

04. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden die Menschen bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. In die Länder Albanien, Kosovo und Montenegro können Menschen nun leichter abgeschoben werden. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

05. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

09. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenzen für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

04. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

Der Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Reint Gropp, begab sich mutig in eine Minderheitsposition, indem er den Flüchtlingszustrom als eine positive Entwicklung einordnete, die den sonst bevorstehenden Bevölkerungsrückgang kompensiere und dazu beitrage, die langfristige Finanzierbarkeit der Renten sicherzustellen. „Die Leute, die kommen, bringen gesellschaftlich und ökonomisch etwas mit und wir sollten diese Potentiale nutzen“, sagte er.
Dem hielten Schmidt und andere entgegen, wegen der durchschnittlich geringen Qualifikation der Flüchtlinge, der geringen Erwerbsquote und der hohen Abhängigkeit von Sozialleistungen müsse man langfristig froh sein, wenn die Sozialversicherungen nicht übermäßig zusätzlich belastet werden.

Man müsste ziemlich unplausible Annahmen treffen, um zu dem Ergebnis zu kommen, dass die Tragfähigkeit der Sozialsysteme besser wird, stimmte Matthias Lücke, Migrationsexperte des Instituts für Weltwirtschaft, zu. Gleichzeitig betonte Schmidt aber auch, dass man nicht in die Diskussion zurückfallen dürfe, ob Flüchtlinge mehr kosten als sie bringen oder umgekehrt. „Hier geht es nicht um eine ökonomische Frage, hier geht es um eine humanitäre Verpflichtung“ betonte er.

Dem widersprach allerdings Ifo-Chef Clemens Fuest ungewöhnlich vehement. „Wir müssen die Frage stellen, ob sich das rechnet. Nur so können wir auch die Frage stellen können, ob es Verlierer gibt, etwa weil die Löhne sinken“, warf er ein. Diese müssten dann eventuell kompensiert werden. Ein klares Ergebnis der Wissenschaft zur Frage, ob eine Zuwanderungswelle die Löhne bestimmter Gruppen von Einheimischen senkt, konnten die Ökonomen allerdings nicht präsentieren.

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