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09.09.2015

16:32 Uhr

Ökonomentagung in Münster

Ist Ungleichheit ein Scheinproblem?

VonNorbert Häring

Die Leiter mehrerer deutscher Wirtschaftsinstitute trafen sich am Mittwoch auf der Tagung des „Vereins für Socialpolitik“ zur Podiumsdiskussion. Sie diskutierten die Frage, ob und wie man Ungleichheit bekämpfen sollte.

Die Spitzen mehrerer deutscher Wirtschaftsinstitute diskutierten am Mittwoch auf der Tagung des „Vereins für Socialpolitik“ über die Ungleichheit in Deutschland. dapd

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn

Die Spitzen mehrerer deutscher Wirtschaftsinstitute diskutierten am Mittwoch auf der Tagung des „Vereins für Socialpolitik“ über die Ungleichheit in Deutschland.

MünsterDas Thema zog, die Diskutanten auch. Bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik diskutierten die Präsidenten großer deutscher Wirtschaftsforschungsinstitute über die Ungleichheit in Deutschland. Sie waren sich einig, dass das Problem nicht so groß ist, wie es in den Medien gemacht wird.

Laut der Industrieländerorganisation OECD hat Deutschland eine der höchsten Ungleichheiten der Markteinkommen unter OECD-Ländern. Bei den Nettoeinkommen nach Umverteilung allerdings liegt die Ungleichheit in Deutschland etwas unter dem Durchschnitt.

Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts in München, erklärte die hohe Ungleichheit der Markteinkommen für gewollt. „Die  Agenda 2010 wollte Ungleichheit der Markteinkommen durch Schaffen eines Niedriglohnsektors erhöhen“, stellte er fest. „Vorher lag Deutschland bei Arbeitslosigkeit der Geringqualifizierten ganz oben in der OECD. Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe senkte die Lohnansprüche für sehr viele Menschen.“

„Der deutsche Wohlfahrtsstaat funktioniert gut“, ergänzte Lars Feld, Wirtschaftsweiser und Direktor des Walter Eucken Instituts in Freiburg, mit Blick auf die deutlich geringere Ungleichheit nach Umverteilung. Trotz erheblicher Einkommenssteuersenkung sei das offenbar finanzierbar gewesen. „Die Politik hat im Hinblick auf das tatsächliche Ausmaß des Problems zu viel gemacht, insbesondere mit dem Mindestlohn“, kritisierte Feld. Flexibilität im unteren Lohnbereich werde dadurch wieder aufgehoben. „Es wäre das Beste, den Mindestlohn wieder abzuschaffen“, forderte er.

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„Viele Transfers haben zweifelhafte Verteilungswirkungen“, betonte Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Als Beispiele nannte er die inzwischen abgeschaffte Eigenheimzulage und die Riester-Rente, die vor allem dem gehobenen Mittelstand zu Gute kommen. „Die meisten Transfers fließen von der rechten Tasche in die linke Tasche der Mittelklasse“, stimmte Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, seinem Kollegen Fuest pointiert zu. Für Snower ist die Lohn- und Einkommensungleichheit „ökonomisch völlig irrelevant“. Das einzige was zähle sei das Einkommen über einen längeren Zeitraum.

„Ich finde Gleichheit ungerecht“, sagte Rent Gropp, Präsident für Wirtschaftsforschung in Halle. Es könne nur darum gehen, wie viel Ungleichheit wir wollen. Er räumte allerdings ein: „Wenn die Vermögensverteilung sehr ungleich ist, gibt es mehr Gründe für staatliche Eingriffe, weil das der Chancengleichheit entgegenwirkt.“ Politik sollte sich darum kümmern, die soziale Mobilität zu erhöhen lautet seine Empfehlung. 

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Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung und Vorsitzender der Wirtschaftsweisen, hält die Ungleichheit weder bei den Einkommen noch bei den Vermögen in Deutschland für ein größeres Problem. „Die Vermögensungleichheit ist international sehr schwer vergleichbar“, betonte er. Die Gefahr von Vermachtung der Politik durch Vermögensungleichheit sieht er in Deutschland nicht so sehr. Denn hier gebe es ein Zusammenspiel und Gegeneinander vieler einflussreicher Gruppen und Verbände. Zur Einkommensungleichheit sagte Schmidt: „Eine besondere Herausforderung ist das in Deutschland nicht. Die Medien diskutieren aber solche zugespitzten Thesen lieber als die nüchterne Feststellung, dass es wenig Änderung gibt.“ Die großen sozialen Probleme seien andere, etwa  die Zunahme der Demenz im Alter oder der Einsamkeit.

Vertreter gewerkschaftsnaher Institute, wie das IMK in Düsseldorf , waren an der Diskussion nicht beteiligt, auch nicht das Berliner DIW, das als eines der wenigen gilt, die sich in der Mitte zwischen angebotsorientiert-arbeitgebernah und nachfrageorientiert-arbeitnehmernah verorten.

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