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19.10.2012

10:48 Uhr

Ökostrom in der Krise

Offshore-Windenergie in schwerer See

Windenergie sollte Zehntausende neue Arbeitsplätze an der strukturschwachen Nordseeküste schaffen. Doch die erste Euphorie ist verflogen, der Aufbau stockt, Unternehmen droht das Aus.

Dämmerstimmung für Windenergie: Der Offshore-Windpark Alpha Ventus in der Nordsee, etwa dreißig Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum. dpa

Dämmerstimmung für Windenergie: Der Offshore-Windpark Alpha Ventus in der Nordsee, etwa dreißig Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum.

Bremerhaven/Emden Die Euphorie um die Windenergie auf hoher See weicht zunehmend Enttäuschung und Sorgen. Nach dem Aufbau von Fabriken und Hafenanlagen ist die Installation von geplanten 5 000 Windrädern in der deutschen Wirtschaftszone von Nord- und Ostsee ins Stocken geraten. Nicht erst die Insolvenz des Fundamentherstellers Siag-Nordseewerke in Emden mit 700 Mitarbeitern hat die Politik in den Nordländern aufgeschreckt.

So sucht der Offshore-Pionier Bard seit Monaten nach Investoren. Die Rotorblattfertigung in Emden ist ausgelaufen, bei der Stahlbautochter CSC in Cuxhaven fehlen Folgeaufträge. Das kleine Bundesland Bremen ist mit seinem Plan gescheitert, einen Terminal für die Offshore-Industrie in Bremerhaven privat finanzieren zu lassen und muss nun doch Steuergeld für das 200 Millionen Euro schwere Projekt in die Hand nehmen - Geld, das es nicht hat.

Im alten Fischereihafen der vom Strukturwandel gebeutelten Stadt sind die Akteure der Offshore-Branche inzwischen alle mit neuen Werkshallen vertreten. Auf den Höfen lagern fertige Maschinenhäuser, Flügel, Fundamente und Turmsegmente. Doch der Aufbau auf See kommt nicht wie erhofft voran. Es geht nach wie vor um Verzögerungen beim Netzausbau und die Übernahme von Ausfallrisiken.

Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) nennt die Lage „wenig ermutigend“. Derzeit drehen sich auf See erst etwas mehr als 50 Anlagen mit zusammen rund 200 Megawatt Leistung, sagt der Geschäftsführer der Windenergie-Agentur WAB, Ronny Meyer. Etwa 14 000 Menschen arbeiten in der Branche.

Herkulesaufgabe Energiewende

Mammutprojekt Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erbt von Norbert Röttgen eine Menge Probleme. Diese sind aber weniger Röttgens Arbeit geschuldet als der Tatsache, dass die Energiewende ein Mammutprojekt ist. Ein Jahr nach dem Start drängt die Zeit: Weichenstellungen für Investitionen in neue Netze, mehr Energiespeicher und neue Gaskraftwerke sind dringend nötig.

Solarstrom-Reform

Im Vermittlungsausschuss muss Altmaier wegen des Widerstands gerade der ostdeutschen Länder die Pläne für die Kürzung der Solarförderung wohl etwas abmildern lassen. Dadurch drohen aber steigende Belastungen für die Bürger. Sie zahlen die Förderkosten über den Strompreis.

Die Regierung will, dass die Bürger nicht mehr als die derzeit 125 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) pro Jahr für die Ökostromförderung zahlen. Das auch im Bundestagswahljahr 2013 zu schaffen, wird immer schwerer.

Ökoenergie-Kosten und fehlende Kraftwerke

Bisher gibt es kein tragfähiges Modell, um erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, also die Subventionierung massiv zurückzufahren. Und wegen des Einspeisevorrangs für Wind- und Sonnenstrom lohnen sich zum Beispiel neue Gaskraftwerke kaum noch. Die braucht man aber, wenn es keine Sonne oder Wind gibt und die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

Daher müssen hier Anreize oder Regelungen geschaffen werden, damit diese jetzt bald gebaut werden, denn bis 2022 sollen die restlichen neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Speicher und Netze

Die Regierung investiert in Speicherforschung, doch schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Immer mehr Wind- und Solarparks bringen nur etwas, wenn überschüssiger Strom eines Tages auch gespeichert werden kann. Zudem können die Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (Stromanteil schon rund 20 Prozent) kaum noch mithalten.

Tausende Kilometer an neuen Leitungen sind nötig. Hier muss Altmaier mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Lösungen finden, in Kürze soll ein Bundesnetzplan vorliegen. Besonders der Anschluss der See-Windparks muss beschleunigt werden.

Koordinierung

Jedes Bundesland hat sein Energiekonzept, hinzu kommen hunderte kommunale Pläne. Hier ist dringend mehr Abstimmung und eine einheitliche Koordinierung nötig, damit neue Wind- und Solarparks da entstehen, wo sie gebraucht werden und wo es Netze gibt.

Zudem muss ein Ausufern von Subventionen vermieden werden, denn der Netzausbau treibt in diesem Jahr stark die Netzentgelte, die wie die Ökoförderkosten über den Strompreis zu zahlen sind.

Geld für Energiewende-Projekte

Damit die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder anziehen, wäre eine Anhebung des EU-Klimaziels auf 30 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) notwendig. Doch das Kohleland Polen blockiert. Die Einnahmen sind nötig zur Finanzierung von Energiewende-Projekten. Bleiben diese weiter aus, könnten bis zu fünf Milliarden Euro in den kommenden Jahren fehlen.

Besonders Maßnahmen für Energieeinsparungen würden darunter leiden. Wird weniger Energie verbraucht, werden auch weniger Netze und Kraftwerke gebraucht - ein Schlüssel zum Erfolg.

Atom-Endlager

Röttgen hat viel Vorarbeit geleistet für eine neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Doch geklärt werden muss noch, wie der bisher favorisierte Standort Gorleben in das Suchverfahren integriert wird und wer das Sagen bei der Suche haben soll.

Bis zum Sommer soll das Problem abgeräumt werden und mit SPD und Grünen ein Suchgesetz erarbeitet werden.

Asse

Altmaier muss klären, wie das Problem in dem maroden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bei Wolfenbüttel gelöst werden soll, wo 126.000 Atomfässer geborgen werden sollen.

Es kommt aber zu ständigen Verzögerungen, und die Zweifel wachsen, ob eine Bergung angesichts mangelnder Stabilität des Lagers noch möglich ist.

In Cuxhaven hat der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister (CDU) gerade die Erweiterung des größten europäischen Offshore-Basishafens eröffnet. Über den Terminal werden aktuell zwei Windparks verschifft. Mit Blick auf den boomenden englischen Offshore-Markt mahnt der stellvertretende Leiter der Wirtschaftsförderung Cuxhaven, Jürgen von Ahnen: „Wir dürfen es nicht zulassen, dass wir unseren Technologie- und Erfahrungsvorsprung verlieren.“

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

21.10.2012, 19:01 Uhr

Überall ist die Rache und der lange Arm der 4 Energieriesen und ihrer mannigfaltigen Lobbyorganisationen zu spüren.
Die Politiker sind nur sowas wie die sichtbaren "Fruchtkörper" eines riesigen Pilzgeflechts,das im Untergrund wuchert.Ich wünsche uns Verbrauchern,dass wir letztendlich siegen,weil wir zahlreicher sind und die Politik vielleicht doch Angst bekommt vor ihren verärgerten Wählern.

blosseinbuerger

21.10.2012, 20:20 Uhr

Immer dann wenn die Ökoindustrie ein Risiko übernehmen muss, kneift sie. Durch Millardengewinne gierig und durch garantierte Subventionen risikoscheu geworden, macht sie immer die "Anderen" verantwortlich. Unter dem Deckmantel der Umweltverträglichkeit und der Nachhaltigkeit werden riesige Millardengewinne gemacht, die in die Taschen der Betreiber wandern. Wer dies laut und deutlich ausspricht, wird sofort als Protagonist der Unbelehrbaren gebrandtmarkt. Die Erneuerbaren sind nichts als ein gigantisches Umverteilungsinstrument, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher macht. Schön dass die Betreiber sich dafür noch als Umweltwohltäter fühlen dürfen.

goeasyway

21.10.2012, 20:42 Uhr

Die Windmotoren, man hört es nicht gerne, sind A. ein Relikt aus der Kaiserzeit des vorletzten Jhds. und B. hatte schon Hitler den Plan, Deutschland damit zu verspargeln und hinkte der Moderne hinterher!

Die Geschichte der grünen Postfriedensbewegung Und -naturschuzbünde ist eine Geschichte voller Mißverständnisse. Denn genau im 3. Reich haben sich die Windmotoranhänger bedient.
Deutschlands sieht aus wie ein Spargelfeld und die Menschen, die Schlagschatten, Motorenlärm und rotierenden Riesenflügeln ausgesetzt sind, zahlen nicht nur einen hohen psychischen Preis, sondern auch einen hohen finantiellen, denn in der Gegend von diesen Monstern verfällt der Marktwert von Hausern und Land. Sind wir hier nur noch Versuchskarnickel?

Die Energiewende ist Planwirtschaft pur im corporativen Sinne, der städtischen Arroganz und ihrem städtischen Ehrgeiz zu verdanken und Ausfluß reinen Profitkalküls.

www.windkraftgegner.de

Und das wirklich Perverse an diesem Kalkül ist die Tatsache, daß es eine Technlogie gibt, die 1000% mehr Leistung bringt!
Vertikalturbinen sind hier und in den USA ausgiebig getestet worden, sind kleiner als die Bäume, lautlos, springen schon bei wenig Wind an und müssen bei Drehwind nicht ausgerichtet werden. Sie sind 10 mal so effizient wie die Windmonster!

http://www.epochtimes.de/741329_windenergie_aus_vertikal_turbinen_verzehnfacht_ausbeute.html

Vertikalturbinen lassen sich sehr dicht stellen, ohne zu interferieren und aufgestellt wie ein Fischschwarm läßt sich die Effiziens noch weiter steigern:

http://derstandard.at/1259280744589/Windraeder-mit-vertikaler-Drehachse-nutzen-das-Fischschwarm-Prinzip

Mal ehrlich, was genau stimmt nicht im deutschen Hirn? Die eurokratische Planwirtschaft ist irrational und man kommt gar nicht drum herrum, die Unterstützer für mental retardiert zu halten!

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